Über Romananfänge: Die Dichtung ist eine Fortsetzung der Wirklichkeit mit anderen Mitteln
Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Buch, Podcast, Tausendundein Buch am 12.Mai 2013
Dritter und letzter Teil
Manche Anfänge machen Schule
Mark Twains „Huckleberry Finn“ sind einige literarische Kinder und Kindeskinder gefolgt. Unter vielen anderen haben sich Salinger, Plenzdorf und Kracht vor Twain verbeugt und die Sprache ihrer jugendlichen Erzähler dem Stil Hucks nachempfunden:
„Ihr wisst noch nichts von mir, wenn ihr nicht ein Buch gelesen habt, das sich „Tom Sawyers Abenteuer“ nennt, aber das macht nichts.“
(so beginnt Twains Klassiker)
„Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte, und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir beschäftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erzählen gäbe, aber ich habe keine Lust, das alles zu erzählen.“
(das lässt Salinger in einem im Vergleich zu Twain weniger gut gelaunten, nicht so aufgeräumten Ton, seinen Protagonisten Holden sagen). Plenzdorf orientiert sich in seinem Roman „Die neuen Leiden des jungen W.“ natürlich an Goethes „Werther“, aber sprachlich nicht zu Beginn, aber im Verlauf des Romans vor allem auch an Salingers Holden:
„Alle Bücher kann kein Mensch lesen, nicht mal alle sehr guten. Folglich konzentrierte ich mich auf zwei. Sowieso sind meiner Meinung nach in jedem Buch fast alle Bücher. Ich weiß nicht, ob mich einer versteht.“
Als ich in der Schulzeit Salinger und Plenzdorf las und zuvor schon den Huck Finn kannte, gab mir das zum ersten Mal ein Gefühl für Zusammenhänge und eine Folge in der Literatur. Ich erkannte, dass kein Autor allein steht, wie ich bisher wohl dachte, sondern an unsichtbaren Fäden mit vielen anderen verknüpft ist, ja dass manche Schriftsteller über die Zeiten hinweg Bündnisse oder eine Art Familie bilden, die aus dem gleichen Geist lebt. Es war der erste Schritt in das Haus der Literatur, während ich zuvor nur einzelnen Bewohnern begegnet war.
„Also, es fängt damit an, dass ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke.“
So greift schließlich der Schweizer Christian Kracht den Tonfall der Vorgänger auf, 1995, in seinem Buch „Faserland“, der sich ebenfalls wie die Vorgänger um die Probleme eines Heranwachsenden dreht.
Graham Greenes Roman „Das Ende einer Affäre“ verlangt vom Leser nicht nur, dass er seinen Unglauben vorübergehend fallen lässt, sondern verlangt sogar, wie der Literaturwissenschaftler Michael Gorra in seinem Vorwort zur Penguin-Classics-Ausgabe festgestellt hat, dass er glaubt und zwar an Wunder im katholischen Sinn glaubt. Und zugleich ist dieser Roman voll religiöser Implikationen eine einzige Blasphemie, eine Herausforderung jedes traditionell Gläubigen.
Eine reale Liebesbeziehung, die er selbst eingegangen war – zu der Society-Lady Catherine Walston – nahm Greene als Grundlage des Romans. Einer von Greenes Biografen vermutete, dass er sogar ihre Tagebücher, die sie ihm überlassen hatte, für das Tagebuch der Hauptfigur Sarah Miles, die eindruckvollste Passage des Buches, verwendete. Der Roman beginnt mit einem Satz, der wie ein Kommentar zu meinen vorherigen Überlegungen klingt:
„Eine Geschichte hat weder Anfang noch Ende: Willkürlich wählt man den Moment, von dem aus man ein Erlebnis rückschauend betrachtet oder sich vorstellt, wie es weitergeht.“
Dieser Satz über die angebliche „Willkürlichkeit“ des Beginns einer Geschichte war Greenes unwillkürlicher Einstieg. Greene hatte keine Wahl, er lässt nur seinen Ich-Erzähler Maurice Bendrix, einen Schriftsteller, behaupten, er „wähle tatsächlich, allein weil ich es will, jenen nassen, schwarzen Januarabend 1946“, um kurz darauf nach einem Gedankenstrich allerdings anzumerken: „- oder haben diese Bilder mich ausgesucht?“.
Wie Greenes Affäre mit Catherine Walston vor der Niederschrift des Romans begann, ihm Nahrung gab und danach noch andauerte, so scheint die Affäre zwischen Maurice Bendrix und Sarah Miles tatsächlich weder Anfang noch Ende zu kennen. Sarahs Wirkung entfaltet sich wie bei einer Heiligen über ihren Tod hinaus. „Das Ende einer Affäre“ zeigt, dass es ein Wagnis darstellt, erst im Laufe eines Romans den konventionellen Boden zu verlassen und unser Wahrscheinlichkeitsempfinden zu strapazieren. Es ist eine Gratwanderung, die selbst ein Meister wie Greene nur mit Müh und Not besteht, und er besteht sie, weil er sein Alter ego Bendrix von Beginn an auch über das Erzählen, die Möglichkeiten des Erzählens und den Prozess des Erzählens reflektieren lässt und diese Reflexionen mit der Geschichte verwebt.
Die Schönheit des Anfangs ist manchmal uneinholbar.
Einer der für mich schönsten Sätze überhaupt, unabhängig vom Thema „erster Satz“, bildet den Auftakt von Thomas Pynchons „Mason & Dixon“:
„Schneebälle haben ihre Bahn gezogen, die Wände von Nebengebäuden ebenso wie Vettern und Basen besternt und Hüte in den frischen Wind vom Delaware geschleudert – nun schafft man die Schlitten unter Dach, trocknet und fettet sorglich ihre Kufen, stellt Schuhe im hinteren Flur ab und fällt strümpfig in die große Küche ein, die von früh an in planvollem Aufruhr, untermalt vom Deckelgeklirr verschiedener Pfannen und Schmortöpfe, duftend von Küchengewürz, geschälten Früchten, Nierenfett, erhitztem Zucker – und nachdem die Kinder, in fortwährender Unrast, zum rhythmischen Geklatsch von Teig und Löffel, alles Erdenkliche erschmeichelt und stibitzt, begeben sie sich, wie den ganzen verschneiten Advent lang an jedem Nachmittag, in ein behagliches Zimmer im hinteren Teil des Hauses, das schon seit Jahren ihrem unbekümmerten Ansturm überlassen.“
Obwohl es mit diesem wunderbaren, lebendigen Satz losging, tat ich mich danach schwer und musste das Buch bald beiseite legen. Und so besteht „Mason&Dixon“ für mich nur aus diesem einen Satz; als sei er der ganze Roman. Ja das gesamte Werk Thomas Pynchons ist nach mehr oder weniger gescheiterten Lektüren seiner Romane vorläufig auf diesen einen ersten Satz zusammengeschrumpft. Doch ein Satz genügt ja, nicht die Anzahl der geschriebenen Seiten macht den großen Schriftsteller (und nicht die Anzahl der gelesenen den Leser). weiterlesen

Körper und Bewusstsein sind in sehr hohem Maße ineinander verschränkt und voneinander abhängig. Jede Veränderung auf der einen Seite verursacht eine Änderung auf der anderen Seite. (Wer das genauer durchdenken möchte: hier entlang zum 






