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Einen Oscar für eine Handvoll Reichsmark


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Die Üblichen Verdächtigen, Kino, Podcast am 8.März 2010

Anläßlich des mehr als verdienten Oscars für Christoph Waltz nocheinmal unser Beitrag zu ” Inglourious Basterds”:

Die üblichen Verdächtigen – bislang nicht unbedingt als ein Haufen fanatischer Tarantino-Fans bekannt – kommen aus “Inglourious Basterds”. Sie sind begeistert und müssen sich einiges von der Seele reden – daher diesmal in Überlänge:

 
 Über Bela B. und Brad Pitt [7:04m]: Play Now | Download

“Bastarde” gehört zu den Filmen, die man gesehen haben muss. Ein Brett von einem Film, sehr intensiv, oft sehr klug, unglaublich besetzt – bisher Tarantinos bester Film. Dass er ein besonderes Gespür für die Entwicklung von Situationen und die Inszenierung von Dialogen hat, ist nicht neu. Hier beweist Tarantino aber auch großes handwerkliches Können.

Tarantinos Kino ist immer auch ein Kino über DAS KINO und folgerichtig konzentriert sich das Geschehen in “Inglourious Basterds” immer mehr   in einem Kinosaal. Hier finden die Guten Zuflucht und Liebe, hier dringen die Bösen ein, hier wird applaudiert, gemordet, hingerichtet. SPOILER. Und am Ende ist es nicht eine Kirche voller Juden, sondern ein Kino voller Nazis, das in Flammen aufgeht. Und wenn das Gesicht einer Jüdin über den verbrennenden Nazis auf den Rauch projeziert wird wie das Antlitz einer Rachegöttin, dann muss man zugeben: Das konnte nur Tarantino auf die Leinwand bringen. Respekt.

Links

Marcus Wessel über die Rolle, die Christoph Waltz spielt: “Der Bösewicht trägt SS-Uniform und ein süffisantes Lächeln.” Und die Fünf Filmfreunde finden, dass Tarantino mehr geschafft hat, als das Genre Nazifilm aus der Betroffenheitsecke zu holen. Christian Hellwig ist ebenfalls begeistert von Landa/Waltz:

“Paradestück in Tarantinos Weltkriegs-Mär ist jedoch ohne Zweifel seine Figur des SS-Oberst Hans Landa (Christoph Waltz). Anstatt den gängigen dämonischen Pathologen in rassistisch-ideologischer Verblendung in SS-Uniform zu beschwören, zeichnet Tarantino seinen Antagonisten als eloquenten, charismatischen und höflichen Technokraten des Regimes, und erschafft somit ein Monster, welches zu den bemerkenswertesten Bösewichten der jüngeren Filmgeschichte gezählt werden muss.“

Wunderbar dieses Zitat des Mediensüchtigen:

“Quentin Tarantino ist neben M. Night Shyamalan und Michael Mann wohl einer der missverstandensten Regisseure unserer Zeit.”

Bei Flo finden wir gar keine Kritik, nur eine dahingeworfene Bemerkung in seinem Twitterkanal:

“INGLOURIOUS BASTERDS – gab so gut wie keine Handlung, zudem teils grauenhafte Schauspieler. Tarantinos schlechtester Film bisher.”

(Dieser Beitrag erschien erstmals am 9. September 2009)

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Männer ohne Kurs


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Buch am 5.März 2010

Thomas liest “Aldebaran” von Jean-Claude Izzo

“Aldebaran  ist ein Stern im Sternbild Stier. Der Name stammt aus arabisch ‏الدبران‎, ad-Dabarān, und bedeutet der (Nach-)Folgende, weil der Stern den Plejaden am Himmel zu folgen scheint.”
aus: Wikipedia

Mit freundlicher Genehmigung des Union-VerlagsWem sollen die Männer an Bord der Aldebaran folgen, jetzt, wo das Schiff in Marseille festsitzt? Am letzten Platz der hintersten Mole, weil der Reeder in Konkurs gegangen ist und niemand mehr erwartet, dass der Frachter jemals wieder in See stechen wird. An Bord sind drei Männer, die das Schiff nicht verlassen: Der Kapitän Abdul Aziz aus dem Libanon, der Erste Offizier Diamantis aus Griechenland und der Matrose Nedim aus der Türkei. Für das Schiff gibt es keinen Kurs mehr und keine Hoffnung. Und das scheint auch für die drei Männer zu gelten.

“Aldebaran” ist ein melancholischer Roman. Und damit hartes Brot für mich. Melancholie gehört für mich zu den unerwünschten Gemütszuständen – sie lähmt das Denken, verzögert das Handeln, öffnet Grübeleien und Verzagtheit eine Hintertür in mein Leben. Einen melancholischen Roman zu lesen ist sozusagen Melancholie unter kontrollierten Bedingungen, Melancholie auf Zeit. Ich denke, ich schulde dem Leser jetzt zumindest ein Beispiel für den schwermütig-traurigen Charakter des Buches:

“Erinnerungen schlummern einfach vor sich hin. Bereit, eine günstige Gelegenheit zu ergreifen und aufzuflammen. Um uns in verlorene Welten zu ziehen. Erinnerungen, die schönsten und unbedeutendsten, sind die versäumten Augenblicke des Lebens. Zeugen unserer nicht zu Ende gebrachten Taten. Sie tauchen wieder auf um eine Vollendung zu finden. Oder eine Erklärung. Diamantis war eine leichte Beute für sie. Melina hatte geweint.”

Verloren, versäumt, nicht zu Ende gebracht, weinend …
Mein erster, sehr starker Eindruck war, dass ich einen Roman von Joseph Conrad lese: der gleiche intensive Blick in die Gedankenwelt von Männern, die sich von ihren Familien entfernen und statt dessen einem unwägbaren Leben ausliefern. Der gleiche sparsame und kraftvolle Umgang mit einer Sprache, die sich ganz unvermittelt zu düsterer Dramatik aufschwingen kann:

“Bevor er seine Kabine verließ, notierte Abdul im Bordbuch: “k.b.V.”, keine besonderen Vorkommnisse. Wie jeden Tag. Nur, dass es heute nicht stimmte. Heute würde die gesamte Besatzung das Todesurteil der Aldebaran unterschreiben. Und seines mit.”

Der Autor Jean-Claude Izzo macht es mir nicht leicht, mich mit Nedim zu identifizieren: Er ist ein gutaussehender Holzkopf, dessen Charakter fragwürdig ist. Der Kapitän Abdul entfernte sich von mir im Laufe des Romans immer mehr, im gleichen Maß wie er sich von der Wirklichkeit zurückzieht. Einzig Diamantis findet sich im Leben zurecht und er ist auch der Einzige, der Antworten findet auf seine Fragen. Über die sehr spannende Handlung möchte ich gar kein Wort verlieren: Sie wirkt umso stärker, je weniger man sich zuvor auf sie einstellen kann. “Aldebaran” ist ein sehr starker Roman, gleichzeitig schwermütig und in der harten Realität verwurzelt, für mich jetzt schon ein moderner Klassiker der Seefahrerliteratur – mit einer wunderbaren Sprache:

“Vor ihm lag das Fort Saint-Jean, die ehemalige Komturei des Ritterordens vom heiligen Johannes zu Jerusalem. Das Licht schien sich das Rosa seiner Steine schmecken zu lassen, es leckte an den kleinsten Unebenheiten mit der gleichen Lust und Leidenschaft wie an einem Himbeereis.”

Jean-Claude Izzo
Aldebaran
Aus dem Französischen von Katarina Grän und Ronald Voullié
Unionsverlag, 256 Seiten, 9,90 Euro (Taschenbuch)
ISBN 978-3293002944

P.S. “Aldebaran” ist natürlich auch ein Marseille-Buch. Für Kenner und Freunde dieses Hafenstadt absolut unverzichtbare Lektüre! Eine sehr informative Kritik hat Ralph Gerstenberg für Deutschlandradio Kultur geschrieben. 2003 wurde der Roman verfilmt.

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Kein Kino für Katzenfreunde


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Die Üblichen Verdächtigen, Kino, Podcast am 3.März 2010

Die Üblichen Verdächtigen kommen aus “Book of Eli” und das Beste, was sie über den Film sagen können, ist, dass es manchmal ganz ordentlich aber sinnfrei auf die Fresse gibt. Erfahren Sie im Podcast, warum Christopher sofort die Hirnlöschautomatik angeworfen hat und was der Film mit Konfirmationsunterricht, Jennifer Beals und Katzen zu tun hat:

 
 Eli liest ein Buch [4:50m]: Play Now | Download

(c) TOBIS Film 2010

Bevor ich es vergesse: Nicht reingehen! “Book of Eli” ist ausschließlich für Freunde des postapokalyptischen B-Movies geeignet. Diesem 80er Jahre-Genre hat der Film nichts hinzugefügt, ein überflüssiger Film, dessen religiöse “Botschaft” völlig unklar bleibt. Nur einzelne kurzweilige Szenen und die beiden Hauptdarsteller verhindern, dass man den Kinosaal vor Ende des Films verlässt. Höhepunkt des Kinoabends war folgender Dialog eine Reihe vor uns:
Er (überrascht): “Ah, das Buch ist die Bibel!”
Sie (schlecht gelaunt): “Was hast Du gedacht, welches Buch das ist? HARRY POTTER?”

Hier der Trailer, der mehr verspricht als der Film halten kann:

Nachwort von Hendrik

… und obwohl der Film letztlich bei uns durchgefallen ist, möchten wir uns bei allen Abspannerwähnten des Filmes bedanken, den MaskenbildnerInnen, Tonleuten, TelefonistInnen, SchneiderInnen, FahrerInnen, und und und, kurz: den Zuständigen für dritte Hände und allgemeines Gerenne – eben denen, die aufspringen, wenn es durch das Megaphon heißt “Wir brauchen sofort…!”. Ohne Euch wäre es zappenduster im Kino.

Stellvertretend für alle andere Mitwirkenden bedanken wir uns also bei Yvonne Bastidos, ihres Zeichens “set costumer” nicht nur dieses Films, sondern seit rund 10 Jahren auch anderer Produktionen, u.a. “The Pursuit of Happiness”, “Ray” und “The Terminal”. Ob sie es war, die die Kiste mit den 80er-Jahre-Sonnenbrillen verwaltete? Und bei Ricardo Guillermo, “set designer”, den nicht einmal die imdb kennt, der aber laut google derzeit in Albuquerque (New Mexico) lead set designer der 3. Staffel der Serie “Breaking Bad” ist. Der wird hier am Set des öfteren Sand ins Auge bekommen haben, und diese Erfahrung teilt er sich leider mit der “großen apokalyptischen Vision” des Filmes. Trotzdem: Danke!

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Ein Kommentar




Wanderung unter dem Fleischmond


Ein Beitrag von Hendrik, abgelegt unter Buch, English, Podcast am 1.März 2010

Gedichte, die du siehst, bevor du stirbst – Hendrik traut sich trotzdem

Gedichte, die du liest, bevor du stirbt - ich traue mich trotzdem...

Gedichte, die du siehst, bevor du stirbst? Scheint mir die beste Zeit zu sein, Gedichte anzuschauen

„Poems you see before you die“

… nein, das ist nicht die lyrische Version des guten alten Monty Python-Sketches vom ‘Tödlichen Witz’, sondern es ist schlicht das Motto, unter das der Frankfurter Bildkünstler Ray Rubeque und der Autor George Koehler ihre gemeinsame Bild/Textkunst gestellt haben, die in einigen handlichen kleinen Bändchen (fünf sind geplant, der dritte gerade frisch erschienen) in der „Handschmeichler edition“ vorliegen.

Warum sich die Beiden nicht nur als The Glutton Group, sondern u.a. auch als „a two-man army of Verbindlichkeit“ bezeichnen, ist mir schleierhaft. Aber meine dadurch genährte Befürchtung, die von klassischen Haiku- und Senryu-Poesiekurzformen inspirierten Texte Koehlers würden sich jetzt in Dinglisch abspielen, bewahrheitet sich zum Glück nicht.

Die bisher erschienenen Bändchen schmeicheln tatsächlich der Hand, und ich merke schon beim ersten Durchblättern, warum es „poems you SEE before you die“ heißt und nicht „poems you READ before you die“. Denn die Texte Koehlers sind kurz genug, um mit einem Blick erfasst, mit einem zweiten Blick um das jedem Text beigefügte Bild ergänzt zu werden und so Text und Bild zugleich zu sein, und das ist ja nun so ziemlich das Multimedialste, was ein in Schwarzweiss gedrucktes Bändchen auf die Schnelle zu leisten vermag.

Die Texte sind in englischer Sprache, die dazugehörigen Illustrationen ebenso wie  Haikus auf die wesentlichen Pinselstriche reduziert: konkretisierend vergröbert, wenn man so will. Was formal einen Haiku der traditionellen Sorte ausmacht – siebzehn Silben, ein Naturbezug, ein lyrisches Ich –, kann man meistens hier wiederfinden, wie z.B. in dem Gedicht

NIGHTSTALKER
A cold meat moon and
Thousands of stars, lighting my
Path with midnight thoughts.

Aus Poems You See Before You Die Band 2

Aus Poems You See Before You Die Band 2

Nächtliche Melancholie ist wohl eines der ältestehrwürdigen Themen für die Form des Haiku. Schon die frühen Beat-Poeten haben solche formalen und atmosphärischen Konventionen dann gerne aufgenommen und damit gespielt – sie mit bewusst gesetzten Modernismen, Brüchen, Provokationen angereichert, manchmal damit gesprengt, manchmal zu neuem Leben erweckt. Die Bildgedichte/ Gedichtbilder der Glutton Group stehen ganz klar auch in dieser (längst selbst zur Konvention gewordenen) Tradition der Brechung von Tradition. Aber sie hinterlassen angenehmerweise insgesamt nicht das Gefühl, hier werde eine längst verpasste literarische Anarchie mangels eigener Ideen aus dem Wachkoma gerüttelt. Dazu sind die „poems you see before you die“ insgesamt nicht effektheischend genug. Ein bisschen spaßbesoffen zuweilen schon, aber dabei auch sehr entspannt und nicht anbiedernd: man will sich erstmal selbst eine Freude bereiten, und wenn dann andere den Spaß teilen möchten, sind sie herzlich eingeladen. Damit entfalten die poems ein Charisma, das von den spielverliebten, sinnlichen Gedichten Adrian Mitchells nicht weit entfernt ist (ich erinnere z.B. an Ten Ways To Avoid Lending Your Wheelbarrow To Anybody), oder vielleicht auch das vor Jahrzehnten schon in die Literatur hineingelebte genüsslich-skurrile Daseinsgefühl eines Richard Brautigan runderneuert und quietschvergnügt in unserer Gegenwart abliefert.

Entsprechend legt sich die Glutton Group auch thematisch weiterlesen

 
 Romeo und Julia [0:37m]: Play Now | Download
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Aufs falsche Pferd gesetzt


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 28.Februar 2010

Prof. Pu empfiehlt: Das war ich nicht von Kristof Magnusson

 
 Vor der Krise ist nach der Krise [4:51m]: Play Now | Download

Die Sendung „ttt -Titel, Thesen, Temperamente“ pries das Buch als den ersten Roman der Finanzkrise – dabei sagt der Autor, er habe sich den Plot schon vorher ausgedacht, weil ihn das „Sackgassengefühl“ interessierte. Eine gute Bezeichnung für das, in was sich die drei Protagonisten da hineinmanövriert haben, jeder für sich und auch ein bißchen gemeinsam.

Jasper Lüdemann, ein junger, unbedeutender, deutscher Trader einer Bank in Chicago, überschätzt sich beim Ausbessern eines Kollegen-Fehlers und produziert einen Börsencrash größten Ausmaßes inklusive Pleite seiner arbeitgebenden Bank.

So schnell konnte es gehen. Ich hatte Jeffs kleinen Verlust auf meine Kappe genommen, wollte ihn ausgleichen, hatte dabei zu viel Geld gewonnen, und bei dem Versuch, dieses Geld wieder loszuwerden, hatte ich 650.000 Dollar in den Sand gesetzt. Wie eine unbedachte Lenkbewegung auf nasser Fahrbahn, die mich Richtung Leitplanke rutschen ließ, woraufhin ich so abrupt gegensteuerte, dass ich fast im Gegenverkehr gelandet wäre, das Lenkrad wieder herumriss, und nun schoss die Leitplanke rasend schnell auf mich zu.

Buch

Meike Urbanski, Übersetzerin, mitten in einer Dreißiger-Krise, auf der Flucht vor ihren verspiesserten Freunden mit „Himalaya-Salz und Weinklimaschränken“, zieht überstürzt von Hamburg aufs Land und wartet dort verzweifelt auf den „Jahrhundertroman“ Henry LaMarcks, um endlich wieder Geld zu verdienen.

Jetzt mußte ich mich nur noch daran gewöhnen, dass es hier richtig schön war. Ich musste mich daran gewöhnen, dass diese Haustür meine Haustür war, und dahinter kein nach Putzmittel riechender Hausflur, keine Kinderwagen, kein von weggeschmissener Werbepost überquellender Plastikeimer, sondern nur meine blauen Schuhe auf den braunen Natursteinfliesen im Vorflur. Dies war ich in meinem neuen Leben.

Henry LaMarck, Pulitzerpreisträger mit Schreibblockade, flieht in Chicago vor seiner eigenen Geburtstagsfeier und weiterlesen

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“Keär man, wär dat getzt lecka!”
Ein Besuch im Berliner Currywurstmuseum


Ein Beitrag von Nicole, abgelegt unter Museum am 26.Februar 2010

Gleich vorneweg, ich komme aus dem Pott und damit aus der nicht immer unbestrittenen Heimat der Currywurst. Dass das erste und bisher einzige Currywurstmuseum Deutschlands Mitte letzten Jahres in Berlin eröffnet hat, traf mich im ersten Moment wie ein Faustschlag in den Magen. Seit ich aber da war, muss ich gestehen, viel besser hätten wir es auch nicht gekonnt.

Denn was sich da auf überschaubaren 1.000 Quadratmetern in der Nähe des Brandenburger Tores präsentiert, ist für den ambitionierten Currywurst-Laien der unabdingbar zu beschreitende Lehrpfad in Sachen Historie und kultureller Bedeutung des scharfen Würstchens. Und für den Liebhaber liefert der Besuch dieses Ortes die ultimative Rechtfertigung seiner emotionalen Verbundenheit zu jener kulinarisch so häufig verpönten Götterspeise. Ganz nebenbei hat das Berliner Currywurstmuseum auch noch eine eklatante Lücke in der deutschen Museumslandschaft geschlossen.

(c) Nicole Asmuth

Ganz  im Sinne moderner Museumspädagogik darf hier fast alles in die Hand genommen werden.  Wer etwa am Eingang zur Ausstellung die Ketchup-Flaschen vom Stehtischchen nimmt, dem dringen daraus die vertrauten Klänge von Grönemeyers Kö-kö-körriwuuuurst in die Ohren. Ein dezenter Hinweis der Museumsmacher auf das Ruhrgebiet, als die Provenienz des besungenen Objektes? Frohgelaunt geht man weiter um die Ecke.

Hier kann man in der Gewürzkammer an mattsilbern schimmernden Riechkolben den Schnüffeltest machen. Muskat? Nelken? Oder doch Curry? Der so genannte Soßenstrom am Boden führt weiter durch die Ausstellung, vorbei an Weltkarten, auf denen die Orte markiert sind, an denen dem Genuss der gepuderten Wurst gefrönt wird, entlang an Vitrinen, die sich dem Pappteller widmen, auf dem sie gewöhnlich kredenzt wird und schließlich hin zur Wurst im Film. Wieder eine unverkennbare Reminiszenz an den Pott: Schimanski anne Bude.

Die Riechkolben (c) Nicole Asmuth

Trefflich pausieren lässt es sich zwischendurch in der wurstigen Sitzecke, in der ein Monitor über die Wurstherstellung informiert, nichts für Vegetarier. weiterlesen

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The Future revisited … “Southland Tales” oder:
Have a nice Apocalypse


Ein Beitrag von Gastautor, abgelegt unter Future Revisited, Kino am 24.Februar 2010

Christian Hellwig von Kino, TV und Co ist unserer Einladung gefolgt und lässt sich einen Science-Fiction-Film noch einmal auf der Zunge zergehen, diesmal ein ganz junger Jahrgang, aus Sicht von “The Future revisited” fast noch ein Federweißer:

Gut Ding will Weile haben. Das gilt insbesondere auch, oder viel mehr sogar gerade dann, wenn es um Wein geht. Was aber, wenn die Realität schneller ist als die Science-Fiction? Oder um im Bild zu bleiben: Was ist, wenn der kostbare Tropfen entkorkt werden muss, bevor der Reifeprozess vollständig abgeschlossen worden ist? Lasst mich ein wenig ausholen.

Das politische System der Vereinigten Staaten von Amerika birgt einige Merkwürdigkeiten, was ihre Präsidenten angeht. Strapazieren wir die traubenlastige Metaphorik durchaus noch ein wenig länger. Alter Wein in neuen Schläuchen: Auf George Bush Senior folgte irgendwann Bush Junior  als „mächtigster Mann der Welt“ nach und flugs hatte sich Geschichte dann doch tatsächlich einmal wiederholt. Was sich Papa seinerzeit nicht getraute, brachte der Sohnemann nach dem 11. September 2001 zu Ende: Hinein in den Irak, ab nach Bagdad und weg mit Saddam. Es waren die Jahre in denen die so genannte „Achse des Bösen“ rund um Iran, Irak und Nordkorea ausgerufen wurde. 2008 dann die Wende. Freudetrunken lag sich eine Nation in den Armen. Die verführerischen Worte rund um den großen „Change“ berauschten die Massen und vernebelten die Köpfe. Mittlerweile lichtet sich der Schleier und gibt den Blick frei auf ein verkatertes Land, das erkennen muss, dass „Yes we can!“ eben doch etwas anderes ist als „Yes we did!

Aber gehen wir nun erst mal wieder einen Schritt zurück. Es ging um die Frage, was passiert, wenn Science-Fiction von der Realität eingeholt wird. Letztlich ist dies natürlich eine unvermeidliche Tatsache. Denn egal, wie weit eine Erzählung auch in die Zukunft reicht, irgendwann wird der Tag kommen, an dem diese obsolet geworden ist. Im Fall von Richard Kellys „Southland Tales“ ist diese Halbwertszeit äußerst gering gewesen, brachte er diese dystopische Groteske, die sich seines Heimatlands im Jahr 2008 annahm, 2006 in die amerikanischen Kinos. Wie mittlerweile auch der Letzte mitbekommen haben dürfte: Wir schreiben  das Jahr 2010 anno domini, G.W. hockt in seiner Farm in Texas,  und einen nuklearen Terroranschlag, dem die Vereinigten Staaten im Jahr 2005 zum Opfer gefallen sind, wie von Richard Kelly in seinem Film erdacht, gab es bekanntlich auch nicht.

Was nun also machen mit Kellys Film, der ohne jeden Zweifel weiterlesen

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Ein Mann mit leichtem Gepäck


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Die Üblichen Verdächtigen, Kino, Podcast am 22.Februar 2010

Die Üblichen Verdächtigen kommen aus “Up in the air” und sind alle begeistert. Hören Sie im Podcast, warum Thomas ihn als ” Frauenfilm für Männer” lobt, warum ein gescheites Ende wichtiger ist als die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, warum die Musik sehr gut/nicht sehr gut ist und warum wir “Cloonistas” uns keinen anderen als George in dieser Rolle vorstellen können:

 
 Einchecken mit George Clooney [4:47m]: Play Now | Download

© 2009 DW STUDIOS L.L.C. and COLD SPRING PICTURES. All Rights Reserved.

Wie etabliert man als Regisseur seine Hauptfigur? Jason Reitman ist es ganz wunderbar gelungen: Er zeigt den Vielflieger Ryan Bingham (George Clooney), wie er effektiv und elegant die Sicherheitskontrollen absolviert, jeder Handgriff, jedes Platzieren des Gepäcks schnell und geschmeidig, das alles flott und pfiffig geschnitten. Seit der Einführung des Werbefachmanns Roger Thornhill (Cary Grant) in Hitchcocks “North by Northwest” wurde eine Hauptfigur nicht mehr so souverän präsentiert. Ein interessantes Drehbuch mit erinnerungswürdigen Zeilen wie „Ich bin die perfekte Frau, um die du dir keine Gedanken machen musst. Ich bin wie du, nur mit Vagina.“, sehr starke Darsteller und viele sehenswerte Details. Ein augenzwinkernder und dabei sehr ernster Film, eine Geschichte über Beziehungen und schwerelose Lebensentwürfe, über das Leben im Kapitalismus und das Gewicht des Lebens. Ein Klassiker, der einige Oscars verdient hätte.

© 2009 DW STUDIOS L.L.C. and COLD SPRING PICTURES. All Rights Reserved.

P.S. von Hendrik

Während der Abspann von “Up in the Air” lief, fiel mir wieder einmal auf, wie sehr doch ein Film das Werk von zumeist doch im Grunde völlig anonym (wer liest [außer uns natürlich ...] schon Abspannlisten?) im Hintergrund werkelnden Machern ist. Auch der beste Regisseur mit den besten Darstellern wäre ohne ein funktionierendes Team von Drehbuchautoren, Kameraleuten, Tonleuten, Schnittspezialisten, Beleuchtern, Bühnenbauern, Requisiteuren, Mechanikern, Elektrikern, Maskenbildnern, Organisatoren, Fahrern, Caterern, Effektspezialisten usw. usw. so völlig aufgeschmissen wie Dirigent Lorin Maazel im entscheidenden Augenblick der Mahler-Sinfonie ohne Triangelspieler.

Damit das nicht vergessen geht, möchten wir uns an dieser Stelle ausdrücklich und stellvertretend für alle ihre KollegInnen auch bei Anne Freivogel (B Second Assistant Photographer, sprich: Kameraassistenz) und Todd Wood (Grip, sprich: Bühnenbau) für ihre wertvolle Mitarbeit bei “Up in the Air” bedanken. Übrigens kann man auch zu diesen Hintergrundhelfern in Filmdatenbanken zuweilen Aufschlussreiches finden: Anne Freivogel ist – wenn man den Angaben der IMDb folgt – erst seit 2005 dabei, hat aber bereits an über einem Dutzend Fernsehproduktionen mitgewirkt (und offenbar auch als Regisseurin und Drehbuchautorin bereits einen eigenen Kurzfilm fertiggestellt), während Todd Wood ein filmhandwerklich alter Hase zu sein scheint, der schon in den 90ern als Beleuchter für’s Fernsehen gearbeitet hat, und deswegen in 2010 als darstellender ‘Repair Man’ auch mal kurz VOR die Kamera darf. Auch Euch: Herzlichen Dank!

Links

Maximilian erklärt unter dem Motto “Lost in Recession”: “So können Zuschauer drei famose Darsteller, geschliffene Dialoge und humorvolle Momente genießen, außerdem aber ein treffendes Spiegelbild vieler essentieller Aspekte unserer Zeit.” Edda ist nicht restlos überzeugt, findet aber: “Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie eine Punktlandung in den letzten Minuten aus einem guten Film einen sehr guten machen kann, der noch eine ganze Weile nachklingt.” Christian schließlich gibt 9 von 10 Punkten und zieht das Fazit: “Man lehnt sich am Schluss mitnichten wohlig in den Kinosessel zurück, wohl aber ist man auf hohem Niveau unterhalten worden.” Gleiche Punktzahl auch bei Carsten und euphorisches Lob:

“Mit „Up In The Air“ legt Jason Reitman eine meisterhafte, kluge Tragikomödie vor, die vor dem Hintergrund der größten Weltwirtschaftskrise seit Dekaden eine eigene Welt erschließt und dabei einfach formidabel unterhält. Atmosphärisch dicht, leicht und beschwingt, mal zynisch, mal warmherzig und in der Spitze herzergreifend ist „Up In The Air“ der Beweis dafür, dass es auch abseits der ausgetretenen Pfade noch Neues zu entdecken gibt.”

Mehr Meinungen wie immer bei film-zeit, moviepilot und OFDB.

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