FilmPodcast zwischen Kirk und Kitano

Im Landstrich der Küsten-Kommissare: Bretagne und Normandie

Menhire in der Bretagne (Foto: PJ Klein)

Menhire in der Bretagne (Foto: PJ Klein)


PJ ist für SchönerDenken unterwegs in der Bretagne und der Normandie und entdeckt eine Kulisse für Krimis, Romanzen und Steinklötze

Vor rund 4000 Jahren kamen Menschen, die damals nicht wußten, daß man ihr Zeitalter Neolithikum nennen wird, aus bislang nicht hinreichend geklärten Gründen auf die Idee, Steine so in der Erde zu verankern, daß sie senkrecht stehen. In der Bretagne geschah dies besonders häufig, im Bretonischen heißen diese Steine „Men-hir“ – Men = Stein, hir = stehen. Wohingegen „Dol-men“ für liegende Steine steht – dol = liegen und Men = Stein. Das mit den Menhiren funktionierte so: Neben dem Stein ein Loch, ein wenig heben und drücken, schon steht er drin. Wenn dies allerdings so häufig und so geplant geschieht, daß ganze Steinreihen entstehen, die sich über hunderte von Metern in mehreren Reihen nebeneinander hinziehen, alle in gleich bemessenen Abständen – dann, ja dann kann man die Leistung dieser Steinsteller nur bewundern und muß weiterhin über den Sinn und Zweck des Unternehmens spekulieren.

Im Mittelalter nannte man mangels Erklärung solche Menhire „Hünensteine“, denn nur Riesen konnten so etwas schaffen. Durch Hörfehler o.ä. wurde daraus „Hühnersteine“ und schließlich per Dialekt „Hinkelsteine“; sogar die Fachliteratur gebrauchte diesen Begriff. Der bekannteste Hinkelsteinproduzent, Obelix, war bezüglich der Qualität seiner Ware sehr fortgeschritten: Seine Steine zeichnen sich durch gleichbleibende Form, glatte Oberfläche und Ebenmaß aus. Die Menhire der Bretagne hingegen sind völlig unterschiedlich geformt und nie gleich groß, von nachträglicher Bearbeitung kann man nur bei einigen wenigen reden, wichtig war wohl, daß sie standen … Der Erfinder des berühmten gallischen Dorfes, wo Asterix und Obelix angeblich lebten, haben sich wohl den Eigensinn der Bretonen zum Vorbild genommen, die vom restlichen Frankreich nicht viel wissen wollen.

In der Bretagne blickt man tiefer – zweimal am Tag, nämlich bei Ebbe, sieht man, daß unter der Oberfläche des herrlich blauen Meerwassers nichts als brauner Schmuddelschlamm lagert. Die Tide zwingt Badelustige häufiger, entweder abends zu schwimmen oder mittags sehr lange Wege Richtung Wasser zu gehen. Wer nicht rechtzeitig mit dem Boot rauskam, muß zusehen, wie dieses immer mehr Schräglage bekommt und dann völlig auf der Seite im trockengefallenen Watt liegt. Viele Bretonen greifen dann zu einem Verfahren, das ihre megalithischen Vorfahren bereits vor 4000 Jahren gepflegt haben: Sie packen eine Schaufel und buddeln Löcher im Watt. Heutzutage stellen sie keine Menhire mehr hinein, sie hoffen auf Muscheln. Reine Verzweiflungstat, vermutlich eine Übersprungshandlung statt den Kopf in den Sand zu stecken.

Hinzu kommt, daß die Region gegenüber der Pariser Zentralgewalt starrköpfig ihre Eigenständigkeit verteidigt – erfolgreich, wovon die zweisprachigen Ortsschilder zeugen. Sie werden dennoch okkupiert – die Briten holen sich als friedliche Urlauber wieder, was sie im 14. Jahrhundert in diversen Schlachten verloren haben. Ob es ihnen gelingt, den Cidre als Cider ebenfalls für sich zu beanspruchen, bleibt abzuwarten.

Kommissar Dupin

Concarneau: Hier also ermittelt Kommissar Dupin, vom großstädtischen Paris in die Provinz versetzt, wo der Hund begraben ist, wo man nicht tot überm Zaun hängen möchte und wo die dickschädeligen Menschen sich mittels eines unverständlichen Dialektes noch mehr von Fremden abkapseln. Die Hafenmole des Städtchens wirkt eher öde, sonntags flanieren hier Touristenscharen zum Ville Close, der von Vauban-Mauern umgebenen Insel, dem historischen Teil. Hier herrscht ein Gedränge wie in der Rüdesheimer Drosselgasse, allerdings ohne Wein und Alleinunterhalter. Auch das unscheinbare Gebäude der Polizeistation wirkt verschlafen, kein Leben hinter den Fenstern, ein einsames Polizeiauto parkt siesta-mässig davor.

Da bedarf es schon der Phantasie eines Krimiautors, hier spannende Geschichten geschehen zu lassen. Ergänzt durch stimmungsintensive Beschreibungen der bretonischen Landschaft wird das alles zur besten Werbung für Stadt und Region. Allerdings scheint Concarneau bei den Einheimischen nicht sehr gefragt zu sein, man sieht eher deutsche Kennzeichen als in den Nachbarregionen.

Am Festland wenig Kommissar Dupin-Stimmung, aber das Restaurant L’Amiral, das Lieblingsrestaurant des Kommissars, gibt es wirklich und im Schaufenster der Buchhandlung daneben stehen an prominenter Stelle die Krimis von Jean-Luc Bannalec.

Geschichten, die das Leben schrieb, ereigneten sich im Hinterland Concarneaus. Dazu muß man den höchsten Punkt hinter der Stadt ansteuern. Dort liegt Chateau Keriolet. Es ist Produkt und Symbol einer großen Romanze. Mitte des 19. Jahrhunderts verliebte sich die steinreiche russische Prinzessin Zenaide Narischkine Jussupow in einen Bürgerlichen.

Sie war bereits 60 Jahre alt, er 25 Jahre jünger und zudem Schneider von Beruf – aber so gut aussehend und charmant! Was macht die vermögende Adlige in einem solchen Fall? Sie kauft ihm nicht nur einen, sondern gleich zwei Adelstitel (u.a. Le Comte de Chaveau), um die standesgemäße Hochzeit zu ermöglichen, dazu ein bretonisches Haus aus dem 15. Jahrhundert, das sie für ihr junges Glück zum Schloss „Chateau Keriolet“ ausbauen ließ. Alles im romantisierenden, mittelalterlichen Stil, der im 19. Jahrhundert Mode war.

Chateau Keriolet Foto: PJ Klein

Chateau Keriolet (Foto: PJ Klein)

Allerdings – vier Jahre, nachdem das Gebäude endlich fertig war, starb ihr geliebter Gemahl. Sie zog nach Paris in ihr Lieblingshotel, wo sie über 90-jährig starb. Nach Chateau Keriolet kehrte sie nie mehr zurück; sie vermachte es der Stadt unter der Bedingung, daß nichts verändert und nichts verkauft werden dürfe. Nach dem 2. Weltkrieg kam ihr Sohn aus erster Ehe, Felix Jussupow, nach Concarneau. Er war einer der wichtigsten Betreiber und sogar Mittäter bei der Ermordung Rasputins.

Er verklagte die Stadt, weil doch etwas verkauft worden sei und gewann. Anschließend verkaufte er alles von Wert – Tappisserien, Möbel, Gemälde, Geschirr – verstreute es in alle Winde und verschwand. Das Gebäude verfiel, wurde 1988 vom jetzigen Besitzer erworben und allmählich in den Urzustand versetzt; Fotos vom Anfang des 19. Jahrhunderts halfen dabei. Jetzt wartet die Fangemeinde von Kommissar Dupin noch darauf, daß ein bretonischer Krimi im Chateau Keriolet spielt …

Kommissar Nicolas Guerlain

Der bekommt jetzt Konkurrenz oder Amtshilfe – je nachdem, wie man es sieht: Etwas weiter nördlich in der Normandie ermittelt Nicolas Guerlain, eigentlich ein Personenschützer. Er hat leider durch ein Missgeschick den zu schützenden Minister vor versammelter Presse sehr schlecht aussehen lassen und wird daher in seinen Heimatort geschickt. Dieser Ort ist nicht irgendein Fischerdorf an der normannischen Küste, es handelt sich um Deauville, seit mehr als hundert Jahren der exklusive Urlaubsort mit einer Promenade, die neben feinem Sand eine noble Villa nach der anderen vorzuweisen hat.

Ausgerechnet hier soll das nächste internationale Gipfeltreffen stattfinden und Guerlain soll die örtliche Polizei beraten, aber am fraglichen Tag nur ja nicht dort auftauchen – die Presse hätte ein gefundenes Fressen. Dann verschwindet ein allseits bekannter Fotograf, der seit Jahrzehnten in Deauville lebt während einer Motiv-Tour mit einem Fischkutter.

„Er ist einfach weg“, erklärte der Kapitän der Hirondelle, und die, die ihn kannten, bemerkten, daß seine Stimme zitterte. „Was meinst Du damit, einfach weg?“ fragte Bonnet.
„Na ja, weg eben. Eben stand er noch an der Reling und machte seine Bilder. Dann war er weg.“
„War er denn nicht gesichert?“
Der Kapitän blickte zu Boden. Er flüsterte, als er weitersprach.
„Er ist sonst immer gesichert“, erklärte er. Aber diesmal schien ihn die ganze Zeit irgendetwas zu behindern. Ich weiß nicht, ob er vielleicht den Haken für einen kurzen Moment gelöst hat.“ …
Der Leiter des Commissariat blickte den Kapitän der Hirondelle an, sie beide kannten sich seit vielen Jahren. Er konnte die Trauer im Blick von André Dumarc erkennen. Jean Carasso war einer der ältesten Weggefährten des Fischers gewesen, oft waren sie gemeinsam hinausgefahren oder hatten bis spät in die Nacht im „Café de la Marée“ gesessen. Jeder am Hafen kannte Carasso, und die Nachricht des Unglücks hatte sich schnell herumgesprochen. Michel Bonnet dachte an das große Ereignis, das den beiden Städten hier an der Côte Fleurie in einigen Tagen bevorstand. Ein Toter war das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte.“

Aber es geschehen noch mehr Dinge, die der Leiter der örtlichen Polizei überhaupt nicht gebrauchen kann. Zwei Jungs laufen um die Wette in der Brandung von Deauville, der strafversetzte Personenschützer beobachtet sie.

„Nicolas tippte auf den kleineren der beiden als Sieger, er würde im Wasser möglicherweise flinker sein. … Es war der Ältere, der zuerst aus dem Wasser kam … (Der Jüngere) wollte ihm etwas zurufen, aber er war immer noch außer Atem. Dann blickte er wieder ins Wasser. Vor ihm schwamm eine Hand, eine abgetrennte linke Hand. … Es war die gut erhaltene linke Hand eines alten Mannes, soviel konnte Nicolas erkennen. Einen Ring trug sie nicht, auch ein Abdruck war nicht zu sehen.“

Für die Polizei ergibt sich nach 215 Seiten ein Rätsel nach dem anderen:

„Ein Fotograf verschwand auf offener See. Eine Hand wurde angespült. Ein Mann saß tot auf den Planches. Ein Fadenkreuz prangte auf der Stirn eines Ministers.“

So eine Fotomontage, die in diversen Briefkästen auftauchte und für den anstehenden Gipfel nichts Gutes verhieß.

Benjamin Cors zieht alle Register und packt in seinen ersten Krimi alles, was so dazu gehört: den weibstollen Minister, einen Macho-Kriminalbeamten, die naiv plappernde Praktikantin, unverhoffte Wendungen in der Handlung. Zudem ist der Ermittler wider Willen unglücklich verliebt und nimmt Psychopharmaka. Cors tat wahrscheinlich etwas zuviel des Guten, denn gepaart mit seiner eher journalistischen Sprache und einem sehr komplexen Aufbau wird der Lesegenuss geschmälert.

Während der bretonische Kommissar eine eher gelassene Figur abgibt, die erst mal einen Kaffee oder auch ein gutes Menu zu sich nimmt, wirkt sein normannisches Pendant zerissen und unstet. Cors kennt sich gut aus in seinem Spielort Deauville/Trouville, verzichtet jedoch auf schwelgerische Beschreibungen der Küstenlandschaft – die dies durchaus verdient hätte. Im Zweifelsfalle würde ich mich für die bretonischen Fälle entscheiden; aber der normannische Ermittler kann sich ja noch entwickeln.

In seinem jüngsten Krimi „Bretonischer Stolz“ übertreibt es Jean-Luc Bannalec fast ein wenig mit den detaillierten Beschreibungen der Landschaft, der vom Wetter erzeugten Stimmungen, dem einzigartigen Geschmack der lokalen Austern, kurz: Er stimmt eine Hymne auf die Bretagne an. Daneben allerdings entwickelt sich ein Fall, der zwar verwickelt und recht kompliziert ist, aber dennoch Spannung erzeugt und im Gegensatz zu Benjamin Cors‘ Geschichte überschaubares Personal und wenige Handlungsorte aufweist.

Es beginnt wie üblich damit, daß eine Leiche gemeldet wird; genauer: Eine ältere Dame hat eine Leiche gesehen, die aber nun wieder verschwunden ist. Altersdemenz, Wichtigtuerei, Spinnerei oder Wahrheit? Kommissar Dupin taucht tief in die lokale Austernwirtschaft ein – obwohl er selbst Austern verabscheut; der Leser erfährt nebenbei sehr viel über die Produktion dieser typisch französischen / bretonischen Delikatesse. Spielort ist Port Belon an dem gleichnamigen Fluss.

„Es war noch Ebbe, tiefe Ebbe, der Belon war jetzt wirklich ein Fluss, man sah die Strömung Richtung Meer. Große Flächen lagen zu beiden Seiten frei, Sand und Schlick , die die Sonne grell spiegelten. Ausgedehnte, unruhig blitzende Landschaften entstanden. Traumartige, schwarz-weiße Szenarien, das gleißende Licht blendete so sehr, daß es der Landschaft die Farben nahm. Hunderte Künstler hatten diese unvergleichliche Natur festgehalten. Als bizarre dunkle Schatten sah man …, was den zauberhaften Ort seit dem 19. Jahrhundert so berühmt gemacht hatte. … Die weitläufigen Austernparks, die bei Flut im Wasser versanken.“

Soweit eine der vielen Hymne Bannalecs auf die Bretagne und ihre Natur. Ein erster Aufklärungserfolg bringt nur weitere Rätsel.

„Sie hatten ihren Toten. Einen ihrer Toten. Sie kannten seine Identität. Auch wenn es alles einmal noch rätselhafter machte. Warum in aller Welt verließ ein alternder Tagelöhner aus einem schottischen Kaff, der in einer Herberge für gestrandete Seeleute lebte, eines Tages aus heiterem Himmel Oban, um ein paar Stunden später und tausendfünfhundert Kilometer entfernt in der bretonischen Einöde ermordet zu werden?“

Fragen über Fragen, die selbstverständlich am Ende beantwortet und auf gelungene Weise entwirrt werden. Ebenso gelungen ein Bonmot über das oft regnerische Wetter in der Bretagne, der angeblich von einem Pariser Blatt verbreitet wurde:

„In der Bretagne gibt es zwei Jahreszeiten – die kurze Zeit der langen Regenfälle und die lange Zeit der kurzen Regenfälle.“

Eine Unterstellung, die massiv zurückgewiesen und mit dem bretonischen Sprichwort gekontert wird: „In der Bretagne regnet es nur auf Idioten.“ Also: hinfahren und schauen, ob es regnet …

Jean-Luc Bannalec

  • Bretonische Verhältnisse
  • Bretonisch Brandung
  • Bretonisches Gold
  • Bretonischer Stolz

alle Kiepenheuer &Witsch

 

Benjamin Cors
Strandgut
432 Seiten, dtv
ISBN 978-3423260596

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 


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