Podcast zwischen Kirk und Kafka

„Cox“: Von der kunstvollen Vermessung der Zeit

Mit freundl. Genehmigung des S. Fischer Verlages


Als ich den ersten Satz dieses Buches las, war ich schon verloren:

„Cox erreichte das chinesische Festland unter schlaffen Segeln am Morgen jenes Oktobertages, an dem Quiánlóng, der mächtigste Mann der Welt und Kaiser von China, siebenundzwanzig Steuerbeamten und Wertpapierhändlern die Nasen abschneiden ließ.“

Man ist sofort mitten drin und fragt sich so nebenbei, ob man nicht auch heutzutage dem einen oder anderen Wertpapierhändler … ein verführerischer Gedanke. Worum geht es? Irgendwann im 18. Jahrhundert wird der englische Uhrmacher Alister Cox mit drei Gefährten vom Kaiser von China eingeladen, nach Peking zu kommen. Der Herrscher möchte von dem weithin bekannten Fachmann für kunstvolle mechanische Zeitmesser Uhren nach seinen Vorstellungen gefertigt haben. Cox nimmt die gefahrvolle Reise auf sich, nicht zuletzt deshalb, weil seine Frau nach dem frühen Tod ihrer vielgeliebten einzigen Tochter verstummt war und er sich eine Art Heilung, ja Erlösung für sie beide erhofft. Auch wenn die chinesische Welt mit ihrer Kultur sie vollkommen befremdet – die Vorzeichen beim Eintreffen in Peking sind hoffnungsvoll:

„In einer endlosen Sänftenprozession, aus der hunderte seidene Fahnen und Lanzen aufragten, wurde der Allerhöchste zu seiner Residenz getragen. Seltsamerweise sollte Cox an diesem Tag den geheimnisvollsten und für die allermeisten Untertanen unzugänglichsten Ort des Reiches so beruhigend, ja fast vertraut finden, wie kein anderes Etappenziel …: … Die Verbotene Stadt. Denn diese himmelweiten Flächen zwischen Palästen und Pavillons, …, diese genauestens abgezirkelten und wie mit dem Lineal gezogenen Wege, … diese unzähligen, nach astronomischen festgelegten Rituale, Exzerzitien und rätselhaften Manöver der Palastwache, schienen selbst einem in seinen Gefühlen und Leidenschaften Verirrten wie Cox dabei zu helfen, aus seinem Chaos in eine Welt der unumstößlichen Ordnungen zurückzufinden und darüber vielleicht in eine Art von Frieden.“

In diesem clash of cultures liegt nicht unbedingt eine Bedrohung, ja, im Fortgang der Geschichte stellt Cox fest, daß er und der Kaiser sozusagen auf der gleichen Wellenlänge funken. Er muß nur lernen, daß der Kaiser als allmächtiger Herrscher über das riesige China auch Herrscher über die Zeit ist – denn Coc und sein Team müssen erst mal warten, geduldig sein. Beim ersten Zusammentreffen – mit dem üblichen angstbesetzten Kotau, der Furcht, nichts falsch zu machen – muß Cox mühsam ein Lächeln unterdrücken, denn der Kaiser sagt etwas völlig Unerwartetes:

„Eine Banalität von einer Seichtheit, wie man sie ebensogut an der Theke einer Hafenkneipe an der Themse hätte hören können, ein hohles Wort, das aber unbezweifelbar von dieser Stimme im entrückten, fernen Dämmerlicht jenseits eines Wandschirms … gesagt worden war: Wie schnell die Zeit vergeht. War der berühmteste Uhrmacher und Automatenbauer des Abendlandes um die halbe Welt … bis nach Beijing gesegelt, …, um nun auf Knien vor einem leeren Thron eine solche Plattheit zu hören?“

Selbstverständlich nicht; der Kaiser philosophiert über die Natur der Zeit und Vergänglichkeit, die auch er als Herrscher über die Zeit verspürt und Cox versteht: Der Kaiser will Uhren, die zu den unterschiedlichen Phasen eines menschlichen Lebens passen, je nachdem, ob es sich um das Zeitempfinden eines Kindes, eines Liebenden, eines Todeskandidaten handelt; Uhren für das wechselnde Tempo der Zeit. Und Cox versteht ein Geheimnis: Der gottgleiche Kaiser von China ist auch nur ein Mensch.

Doch dieser Mensch ist Herscher über ein riesiges Reich und er ist der Herrscher über die Zeit in diesem Reich: Wie jedes Jahr zieht der ganze Hofstaat inklusive der vier Uhrmacher in die Sommerresidenz Jehol. Und so lange die abertausend Bediensteten, Soldaten, Eunuchen und Mandarine dort weilen, herrscht Sommer im Reich der Mitte. Cox hatte schon zwei außergewöhnliche Uhrwerke geschaffen, doch nun kommt der Kaiser mit einem völlig ungewöhnlichen, ja vermessenen Auftrag: Er will eine Uhr, die auch dann noch arbeitet und zuverlässig die Zeit anzeigt, wenn er, der Auftraggeber und alle seine Nachkommen längst vom Angesicht der Erde verschwunden waren.

„Eine Uhr, die über alle Menschenzeit in den Sternenraum hinauschlug, ohne jemals stillzustehen, und deren Grenzen allein in der Dauer und dem Geheimnis der Materie selbst lagen: … Cox hatte sich der Maßlosigkeit und den Allmachtsansprüchen eines Herrschers noch nie so nahe gefühlt wie in dieser Stunde… . Generationen von Uhrmachern und Automatenbauern und auch er selbst hatten, nicht anders als dieser Kaiser, von Räderwerken geträumt, die sich endlos und weiter und immer weiter bewegten, ohne nach dem ersten Anstoß jemals wieder aufgezogen werden zu müssen: Perpetuum mobile.“

Die Herausforderung für Cox und sein Team! Um es kurz zu machen: Die Uhr wird gebaut, nach einem Prinzip, das hier nicht offen gelegt werden soll. Es dauert nur länger als einen Sommer; also bleibt der Hofstaat in der Sommerresidenz Jehol, der Kaiser verkündet einfach nicht, daß der Herbst gekommen sei und man wieder in die Hauptstadt umziehe – er ist eben auch Herr über die Zeit. Das (und anderes) führt zu Unmut und Groll gegen die Fremden; sie hätten den Kaiser verhext, munkelt man am Hof, die Langnasen müssten beseitigt werden.
Das Ende ist keines mit Schrecken – soviel soll gesagt sein.

Ransmayr webt einen kunstvollen Sprachteppich, der mit vielfarbigen, schillernden Bildern seine Erzählung nie langweilig, langatmig, langwierig werden läßt. Ich war versucht, einige Passagen nochmals zu lesen, weil die feinziselierte Beschreibung z.B. der verbotenen Stadt grandiose Bilder einer märchenhaften Welt entstehen lassen. Die Verquickung von historischen Elementen mit phantasievoller Fiktion, angereichert mit philosphischen Betrachtungen zum Wesen der Zeit heben für mich dieses Buch aus der Masse des Üblichen heraus.

Christoph Ransmayr
Cox oder der Lauf der Zeit.
S. Fischer


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

 


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