Podcast zwischen Kirk und Kafka

Ein Wort kann alles verändern: „Das Alphabet des Denkens“

Foto: Seacucumber Pepino do mar Anneke CC BY 2.0

„Woher soll ich wissen, was ich denke – ich habe ja noch gar nichts gesagt.“

Ein Spruch, der gelegentlich Politikern unterstellt wird, die mit ihren Sprechblasen die Gehirne – auch die eigenen – zublubbern.

Doch ein wahrer Kern steckt darin. Sprechen und Denken hängen von einander ab, bedingen sich sogar teilweise. Diesen Zusammenhängen spüren Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen in ihrem Buch nach. Bei ihren Recherchen stießen die beiden auf zwei grundlegende Sichtweisen, welche die Forscher in zwei Lager teilt:

Die einen sind fest davon überzeugt, daß ohne Worte und Begriffe Denken überhaupt nicht möglich ist. Also: Erst wenn ich den Begriff „Hose“ kenne, kann ich mich gedanklich damit befassen. Die anderen sind ebenso fest davon überzeugt, daß Denken von einer Sprache weitgehend unabhängig ist. Sie meinen: Man muß zuerst verstehen, was eine Hose ist, ein Konzept davon haben, dann kann ich mir das zugehörige Wort aneignen.

Darüber lohnt es sich nachzudenken. Die von den Autorinnen beschriebenen Experimente geben einen eindeutigen Hinweis: Beides scheint zu stimmen:

„Inzwischen sind die Kognitionsforscher davon überzeugt, daß Kinder über Konzepte verfügen, bevor sie überhaupt Wörter lernen. Trotzdem kann Sprache eine Rolle bei der Bildung von Kategorien spielen (…) daß die Wörter, mit denen Erwachsene die Dinge benennen, Kindern als Hinweis dienen, welche ihrer Konzepte sie vertiefen sollen. Worte lenken demnach die Aufmerksamkeit …“

Dies zeigt sich auch bei einem modernen Phänomen, dem Speed-Dating. Denn Funktionswörter wie Pronomen, Artikel und Konjugationen geben wichtige Hinweise auf individuelle Persönlichkeitsmerkmale und können die Frage beantworten, welche „Paarungen“ beim Speed-Dating „erfolgreich“ sind, also sich wiedersehen wollen. Die Hypothese:

„Je mehr sich der Sprachstil von zwei Speed-Datern ähnelt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß sie sich wiedersehen wollen.
Dabei geht es nicht einfach darum, ob zwei Menschen zufällig denselben Sprachstil haben – sondern vor allem darum, ob sie sich im Gespräch aneinander anpassen …
Und tatsächlich: Die Partner mit einer hohen Übereinstimmung in ihren Funktionswörtern wollten einander doppelt so oft wiedersehen wie die mit einer niedrigen Übereinstimmung. Kein besonders romantisches Indiz …“

Die Pronomen in unserer Sprache machen es also! Wer z.B. häufiger „ich“ verwendet statt „wir“, gibt seiner Sprache eine persönlichere, angenehmere, weil weniger distanzierte Note. Auf den ersten Blick kurios, aber die Analytiker sagen genau das.

Besonders kritisch wird der Einfluß der Wörter auf unser Denken, wenn es um Emotionen geht, also um einen Bereich, den wir nicht bewußt steuern können. Dabei spielen Metaphern eine wesentliche Rolle.
Testpersonen lasen einen Text über die Bekämpfung wachsenden Verbrechens in einer Stadt und sollten anschließend Maßnahmen zur Verringerung der Kriminaliät vorschlagen. Die eine Hälfte der Teilnehmer las den Begriff „Bestie“ als Metapher für „Verbrechen“, die andere Hälfte fand den Begriff „Virus“. Ansonsten präsentierte sich der Text absolut identisch.

Das Ergebnis war dramatisch: Nach der Lektüre schlug die „Bestien“-Gruppe zu 71 Prozent drastische Maßnahmen vor: Jagd auf die Verbrecher, härtere Strafen, etc. Die „Virus“-Gruppe meinte dies nur zu 54 Prozent, die anderen wollten die Gründe für Kriminalität untersuchen, Armut bekämpfen, Bildung verbessern …

„Ein einziges Wort hatte den Ausschlag gegeben! Wenige Buchstaben hatten maßgeblich beeinflusst, welche Lösungen die Testpersonen für ein wichtiges gesellschaftliches Problem vorschlugen: soziale Reformen oder unnachgiebige Strafverfolgung.“

Da verschlägt es einem die Sprache – pardon! das Denken – wenn man an die Wortschöpfungen der Politiker denkt: „Sozialtourismus“, „notleidende Banken“, „die Achse des Bösen“ oder „Flüchtlingsflut“; die dann konsequenterweise „Dämme“ erfordert. Das Unwort des Jahres hilft da nur einmalig zum Nachdenken …

Ich habe einiges über fremde Sprachen gelernt bei der Lektüre. Zum Beispiel, daß es im Koreanischen Begriffe gibt, die beschreiben, ob man Dinge in eine Kiste packt und dabei viel Platz hat oder ob die Gegenstände gerade eben so hineinpassen. Und daß es in Mittelamerika eine Gruppe Menschen gibt, die, weil taubstumm, eine eigene Gebärdensprache entwickelten und diese sogar in den nachfolgenden Generationen weiter ausgebaut haben.

Der Klang von Wörtern ruft unterschiedliche bildliche Vorstellungen hervor. Beispiel: Die Begriffe „Kiki“ und „Bouba“. Vor dem Weiterlesen einfach mal die beiden Worte wirken lassen und sich dabei fragen, welches einen rundlichen und welches einen eckigen Gegenstand bezeichnet …

Wer nun „Kiki“ als eckig und „Bouba“ als rund einstuft, der stimmt mit 95 Prozent der Versuchspersonen in dem fraglichen Experiment überein. Ein weiterer Beleg für den oft unterschwelligen Einfluß der Wörter, der Sprache auf unserer Denken.

Wie man die Welt verbessern und Demenz oder Alzheimer hinauszögern kann, zeigen Untersuchungen zum Thema „Zweisprachigkeit“. Kinder, die mit zwei Sprachen aufwachsen, können sich besser in andere hinein versetzen. Ein Beitrag zur Völkerverständigung möglicherweise …

Wer als Erwachsener sich mit einer Fremdsprache beschäftigt, tut vor allem etwas für die geistige Gesundheit: Alzheimer und Demenz treten wenn, dann später auf. Vor allem sinkt die Gefahr emotionaler Verzerrungen, also z.B. durch Metaphern manipuliert zu werden. Darauf deuten Forschungsergebnisse:

„Es scheint, als würden Menschen ein bisschen weiser, wenn sie eine Fremdsprache sprechen. Das ist unglaublich, aber die Erklärung der Forscher ist recht simpel: Eine Fremdsprache zwingt dazu, bewusster nachzudenken. Das Denken verlangsamt sich, wird weniger intuitiv, spontane emotionale Eingebungen verlieren an Kraft – das schützt vor einer verzerrten Wahrnehmung.“

Also – Sprachkurse für alle! Wer dann in der Fremdsprache redet, weiß womöglich endlich, was er denkt …


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: PJ Klein/SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste)
Foto: Seacucumber Pepino do mar Anneke Creative Commons BY 2.0


Stefanie Schramm / Claudia Wüstenhagen
Das Alphabet des Denkens – Wie Sprache unsere Gedanken und Gefühle prägt
Rowohlt
320 Seiten
ISBN 978-3-498-06062-6


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