FilmPodcast zwischen Kirk und Kitano

Du hast keine Chance, aber nutze sie! „Der Marsianer“ (Roman)

Der zweite Teil unserer kleinen Marsianer-Serie:


Es gilt, über ein Buch zu schreiben, das auf Anhieb einen bislang unbekannten Autor in die Bestsellerlisten katapultierte, ein Buch, das in der Verfilmung von Starregisseur Ridley Scott die Kinocharts stürmte – also über eine Geschichte schreiben, die anscheinend den Nerv des (Lese-)Publikums punktgenau getroffen hat. Da wird es schwierig, zu kritisieren – aber möglicherweise muß ich das gar nicht.

Mit freundl. Genehmigung des Heyne-VerlagsEs ist die ewige Geschichte vom Überleben in einer feindlichen Umwelt, das von Anfang an Gedanken, Handlungen und sogar Gene des Menschen bestimmte. Also: Lösungen finden für die grundlegenden Probleme: Wo / wie bekomme ich etwas zu essen, etwas zu trinken? Wo / wie finde ich Schutz vor einer lebensbedrohenden Umgebung? Allerdings mit dem Unterschied, daß dieses Mal der Mars zusätzlich zur irdischen Umwelt eine geringere Schwerkraft (nicht schlecht), eine polare Kälte von minus 64° Celsius und keine Atemluft zu bieten hat (beides schlecht, sehr schlecht).

Sieht man von den technischen Details ab, ist die Erzählung recht einfach: Mark Watney fliegt mit einer Raumfahrer-Crew zum Roten Planeten, wird auf dem ersten Ausseneinsatz durch einen Sandsturm von seinen Leuten getrennt; diese müssen ihn für tot halten und sind gezwungen, ihn auf dem Mars zurückzulassen. Er überlebt und steht nun vor der schier unmöglichen Aufgabe, so lange zu überleben, bis Rettung kommt. Diese erscheint ebenso schier unmöglich, denn die NASA hat keinerlei Plan, wie sie das bewerkstelligen könnte.

„So sieht die Situation also aus. Ich bin auf dem Mars gestrandet und kann weder mit der ‚Hermes‘ noch mit der Erde Verbindung aufnehmen. Alle halten mich für tot. Ich sitze in einer Wohnkuppel, die einunddreißig Tage stabil bleiben soll. Wenn der Oxygenator versagt, ersticke ich. Wenn der Wasseraufbereiter versagt, verdurste ich. Wenn die Wohnkuppel nicht hält, explodiere ich einfach. Wenn das alles nicht passiert, geht mir irgendwann der Proviant aus, und ich verhungere. Also bin ich wohl im Arsch.“

Es sind die Logbucheintragungen des gestrandeten Astronauten, die seine Lage und seine verzweifelten, aber allmählich erfolgreichen Maßnahmen zum Überleben dem Leser nahebringen. Seine Sprache ist kernig, drastisch, gelegentlich gewürzt mit einem Schuß Sarkasmus und Galgenhumor.

Er verzweifelt nicht, sondern denkt nach und entwickelt mit den vorhandenen Mitteln Überlebensstrategien und -maßnahmen. Eine Art Weltraum-MacGyver. Er gewinnt aus Raketentreibstoff Sauerstoff zum Atmen, er baut in der Wohnkuppel Kartoffeln an, um die Lebensmittelvorräte zu strecken und dann werden seine Aktivitäten von der NASA entdeckt: Satellitenfotos zeigen, daß sich um die Wohnkuppel etwas geändert hat, die Verantwortlichen ziehen den richtigen Schluß – Mark Watney hat überlebt.

„‚Der erste Schritt ist die Kommunikation‘, erklärte Venkat. ‚Nach den Bildern zu urteilen ist die Sendeanlage zerstört. Wir benötigen einen anderen Weg. Sobald wir miteinander reden können, ist es möglich, die Lage einzuschätzen und Pläne zu schmieden.‘
Die beiden Männer im Venkats Büro rutschten nervös auf den Stühlen hin und her.
‚Er hat keinen Funk‘, sagte Chuck.
‚Genau genommen, hat er ein Funkgerät‘, ergänzte Morris, ‚aber er hat keine Schüssel‘.“

Die NASA kommt also ebenso ins Schwitzen und Grübeln. Es entwickeln sich das übliche Kompetenzgerangel, die zu erwartenden Finanzierungsfragen, die drängende Presse, die technischen Schwierigkeiten. Doch wie würde der einsame Marsianer sagen, auch das können wir irgendwie lösen. Er hat ja auch viel Zeit zum Denken und Philosophieren.

„Es ist ein seltsames Gefühl. Wohin ich auch gehe, ich bin der Erste. Ich steige aus dem Rover und bin der erste Mensch, der diese Stelle je betreten hat. Ich steige auf einen Hügel, den noch niemand vor mir bestiegen hat. Ich trete gegen einen Stein, der sich Millionen Jahre nicht gerührt hat. Ich bin der erste Fernfahrer auf dem Mars, der Erste, der mehr als einunddreißig Marstage hier geblieben ist. Der Erste, der auf dem Mars etwas anbaut. Der Erste, der Erste, der Erste!“

Damit aber auch gleichzeitig der einsamste, der sein Unterhaltungsbedürfnis mit Disco-Musik der siebziger Jahre und alten Fernsehserien stillen muß. Raumfahrtfreaks werden sich für die minutiösen Berechnungen Watneys begeistern, die er anstellen muß, um nicht zu scheitern.

Alle Leser durchleben mit ihm alle möglichen Extrem-Emotionen des jubelnden Erfolgs und des deprimierenden Scheiterns. Ich habe angesichts der Atemluftproblematik gestaunt, wie fragil unsere Erdatmosphäre ist, die wir als selbstverständliche Lebensgegebenheit gar nicht mehr wahrnehmen.

SPOILER +++ Wir unterbrechen diese Buchkritik für einen wichtigen Hinweis: Die nachfolgenden Informationen enthüllen möglicherweise wesentliche Teile des Inhalts oder verraten das Ende +++ SPOILER

Der Autor Andy Weir hat nichts ausgelassen, was eine neue Wendung – also ein weiteres Überlebensproblem – und damit Spannung bringt. Denn der Marsianer muß rund 3.200 Kilometer zu einem Startgerät fahren, das ihn von der Oberfläche des Planeten zu einem Raumschiff katapultieren kann.

Allerdings – was sollte das für ein Raumschiff sein? Wie im Film „Gravity“ kommen dann noch die Chinesen ins Spiel – diesmal mit einer Transportrakete. Der Marsianer beschäftigt sich derweil mit ganz banalen Themen.

„Wochenlang habe ich Kartoffeln gegessen. Theoretisch sollte ich, da ich nur Dreiviertelrationen essen wollte, immer noch auf die Vorräte zurückgreifen können. Doch es ist schwer, bei Dreiviertelrationen zu bleiben. Deshalb esse ich jetzt Kartoffeln. Bis zum Start habe ich genug Proviant und werde nicht verhungern. Aber ich bin die Kartoffeln ziemlich leid. Außerdem haben sie viele Ballaststoffe, und … sagen wir mal, es ist gut, daß ich der einzige Mensch auf dem Planeten bin.“

Er überlebt, er kommt an dem MRM („Mars-Rückkehr-Modell“ – eigentlich „Erde-Rückkehr-Modell“) an und kann nach Anweisung der NASA alles ausbauen, was überflüssig ist, um das Startgewicht so gering wie möglich zu halten.

„Ich bin … fertig? Ich glaube, ich bin fertig. Ich habe alles erledigt, was auf der Liste stand. Das MRM ist flugbereit. In sechs Marstagen werde ich starten. Hoffentlich. Vielleicht starte ich auch nicht. Immerhin habe ich ein Antriebsmodul entfernt. Dabei habe ich möglicherweise etwas durcheinander gebracht. Es gibt keine Möglichkeit, die Startrakete zu testen. Wenn sie läuft, dann läuft sie. Alles andere wird von jetzt an bis zum Start mehrmals überprüft. Einiges erledige ich selbst, einiges macht die NASA per Fernsteuerung. Sie sagen mir nicht, wie hoch die Fehlerwahrscheinlichkeit ist, aber ich vermute, es ist die höchste in der Geschichte der NASA: Yuri Gagarin hatte ein viel zuverlässigeres und sichereres Raumschiff als ich.“

Wird das MRM wie geplant abheben? Wird ein rettendes Raumschiff zielgenau am Rendezvous-Ort im Mars-Orbit eintreffen? Wird der Überlebensheld das Raumschiff erreichen? Die Antworten bleibe ich selbstverständlich schuldig, weise aber auf den Umstand hin, daß das Logbuch des Marsianers auf die Erde gelangt sein muß und nun in Buchform vorliegt …

PJ im Oktober 2015

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Andy Weir
Der Marsianer
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Langowski
Heyne, 512 Seiten
ISBN: 978-3-453-31583-9

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