Podcast zwischen Kirk und Kafka

„Germany 2064“: Die Zukunft schmeckt nach Krimi

Foto: Adrian Brady Creative Commons BY 2.0


 

Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir befinden uns in einer fernen Zukunft. Nein – ganz anders:

Deutschland, ein überschaubares Land. Wir befinden uns im Jahr 2064. So könnte der zutreffende Einstieg sich anhören für Martin Walkers „Germany 2064“, im Untertitel als „Zukunftsthriller“ apostrophiert. Krimis kann der Schotte Walker schreiben; sie spielten bislang in seiner Wahlheimat Perigord mit „Bruno – Chef de Police“ in der Hauptrolle. In dem vorliegenden Buch heißt der Kommissar Bernd Aguilar, sein Assistent und Vertrauter ist Roberto.

Und damit sind wir im Jahr 2064, denn Roberto ist ein Roboter, der vor Ort protokolliert, Daten abgleicht und in allem seinem menschlichen Kollegen zur Seite steht. Das geht soweit, daß Roberto sich vor Beginn der Geschichte in einem Schußwechsel vor Aguilar warf, die Kugeln auffing und ihm so das Leben rettete. Roberto war so beschädigt, daß er repariert werden mußte und ein Update bekam. Nun kommen sie wieder zusammen und sollen einen Entführungsfall aufklären: Eine junge Sängerin ist spurlos nach der ersten Hälfte ihres Auftritts verschwunden.

„Wo fangen wir an?“, fragte Roberto, nachdem er sich auf den neuesten Stand gebracht und alle relevanten Daten abgespeichert hatte. Seine Stimme klang frappierend natürlich und ließ sogar Intonation erkennen, wonach er Sprache nun auch als Medium für Emotionen zu begreifen schien.
„… an dir hat sich tatsächlich eine Menge verändert“, entgegnete Bernd mit einem gezwungenen Lächeln. Er war sich nicht sicher, ob Roberto beleidigt sein würde, wenn er sagte, daß er, sein alter Partner, nicht mehr wie ein Roboter aussehe, sondern vielmehr wie ein Mensch.
„Ja, meine Fähigkeiten haben zugenommen und mir fällt auf, daß du ein Problem damit hast“, sagte Roberto. „Deine Körpertemperatur ist leicht angestiegen, dein Puls um zwei Prozent schneller geworden, und du blinzelst häufiger.“

Willkommen in der Zukunft. Walker beschränkt sich nicht auf die Möglichkeiten eines Kriminalassistenten; als Mitglied eines Think Tanks, der mit deutschen Unternehmen und Politikern Szenarien für die Zukunft entwickelt hat, beschreibt er ein Deutschland, das sich komplett verändert hat und dennoch wiedererkennbar bleibt. So gibt es einerseits High-Tech-Städte, in denen digital vernetzte Menschen leben, die keinerlei Probleme mit gläsernen Bankkonten, allgegenwärtigen Überwachungskameras und implantierten Gesundheitschips haben. Andererseits haben sich naturverbundene Menschen in den Freien Gebieten ohne Internet und staatliche Kontrolle in selbstverwalteten Kommunen zusammengefunden. Die Städter gehen gerne dorthin, um Bio-Nahrung, Natur und Ruhe zu geniessen.

„…, am Dreiländereck zwischen Bayern, Hessen und Baden-Württemberg ging es noch recht zivilisiert zu. Es gab kleine Bauernhöfe und Marktflecken, die Kinder wurden zu Hause unterrichtet, und die medizinische Versorgung war durch freiwillige Ärzte halbwegs gewährleistet. Was gänzlich fehlte, war jegliche Möglichkeit der Telekommunikation: Es gab weder Mobilfunk- noch Satellitennetz, und auch die Sensoren der implantierten Chips wurden nicht unterstützt. Selbst vom Stromnetz war man abgeschnitten. Die Anwohner versorgten sich ausschließlich mit selbsterzeugter erneuerbarer Energie.“

Deutschlandweit sind Autos überflüssig geworden, denn selbstfahrende Container befördern Waren und Menschen, die Luft ist deshalb sauberer als heutzutage, die Ernährung weitgehend fleischlos, das Bildungssystem wurde deutlich verbessert. Entwicklungen, die sich teilweise jetzt schon abzeichnen und die sich der Leser daher sehr gut vorstellen kann. Auch darauf beruht der Reiz des Buches, das möglicherweise im Unterschied zu Orwells „1984“ eine durchaus lebenswerte Zukunft im Jahr 2064 aufzeigen will.

Über die faszinierenden Facetten der Zukunft, die Walker schildert, wollen wir aber den Kriminalfall nicht vergessen. Die Sängerin Hati Boran aus den Freien Gebieten verschwindet während ihres Konzertes. Möglicherweise wurde sie entführt. Kommissar Aguilar und Roberto stellen fest, daß ein führender Industrieller damit zu tun haben könnte, dessen Robot-Chauffeur zufällig – oder nicht? – das gleiche hochwertige Update wie Roberto erhalten hatte. Das bringt eine ehemalige Freundin Aguilars ins Spiel, die als Fachfrau für künstliche Intelligenz herangezogen wird. Hinzu kommen internationale Verwicklungen, Feindseligkeiten zwischen den Bewohnern der Hightech-Städte und den Siedlern der Freien Gebiete – es wird nicht langweilig.

Ein grundlegendes Thema: Inwieweit kann künstliche Intelligenz menschenähnlich, ja vielleicht sogar menschlich werden? So versucht Roberto zu verstehen, was es mit einem Kuss auf sich hat.

„Entschuldige, aber mich interessiert, ob eine Kusshand dasselbe ist wie ein richtiger Kuss“, sagte er. …
„Es gibt solche und solche Küsse“, antwortete Bernd, nachdem er sich gesammelt hatte. Wieder einmal wurde ihm bewußt, daß Roberto sehr viel komplexer und neugieriger war als sein Vorgängermodell.
„Dann ist also nur der leidenschaftliche Kuss eine Art Vorstufe zu sexuellen Aktivitäten?“, versuchte Roberto zu ergründen.
Bernd starrte ihn an und nickte, ohne zu antworten.
„In meinem Datenspeicher heißt es, ein leidenschaftlicher Kuss führt dazu, daß die Nebennieren Adrenalin und Noradrenalin ausschütten, die das Herz schneller schlagen lassen … Sie reduzieren auch Stress und senken den Adrenalinspiegel.“
„Das wußte ich nicht“, erwiderte Bernd. „Ein Kuss fühlt sich jedenfalls gut an. Vielleicht sollten wir aber jetzt wieder an die Arbeit gehen.“

So spielt die emotionale Ebene zwischen den neuesten, „ubgegradeten“ Robotern und Menschen eine wesentliche Rolle. Walker läßt auch da nichts aus und versteht es ausgezeichnet, einen komplexen Kriminalfall mit einem plausiblen Zukunftsszenario zu verweben, so daß ich nicht entscheiden konnte, ob die Wirrungen des Falls oder die Details eines zukunftsnahen Deutschlands spannender sind.

Am Ende – nach einem furiosen und überraschenden Showdown – geht die Geschichte so aus, wie man sie von Walkers Perigord-Krimis gewohnt ist: Alles wird gut und Liebende finden zueinander. Mehr sei nicht verraten, bitte selbst lesen und noch etwas über die Frage grübeln: Wie wollen wir morgen leben?

Martin Walker
Germany 2064
Ein Zukunftsthriller
Diogenes, 432 Seiten, 13 Euro
ISBN 978-3257069396


Nachbemerkung

Das Konzept zweier unterschiedlicher Lebensbereiche im „Germany 2064“ lieferte anregendes Ausgangsmaterial für einen Workshop auf dem alljährlichen Symposion des Vereins zur Verzögerung der Zeit. Nachdem sich jeweils die Hälfte der Workshop-Teilnehmer mit einem der beiden Bereiche auseinandergesetzt hatte, sollten sie den anderen die Vorzüge „ihrer“ Welt plausibel machen und argumentativ vertreten. Interessanterweise fanden sich für beide Lebensweisen sehr viele positive Argumente … Das Symposion hatte übrigens den Titel „Zwischen Zorn und Zuversicht – Wie wollen wir morgen leben“.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 


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