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Auf der Haut – unter die Haut


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Allgemein, Kino am 30.Dezember 2007

Die undomestizierte Männlichkeit tätowierter Wölfe
Nikolajs Hände (c) TOBIS FilmGerade gesehen: Thomas über
“Eastern Promises” / “Tödliche Versprechen”

Eine Geschichte der Liebe

Eigentlich ist es eine Liebesgeschichte. Anna verliebt sich in Nikolaj. Die Halbrussin Anna ist Krankenschwester in London und erlebt, wie ein vierzehnjähriges russisches Mädchen bei der Geburt ihres Kindes stirbt. Keine Papiere, kein Namen, niemand kennt das Mädchen. Aber Anna findet in den Kleidern der Toten ein Tagebuch – und die Visitenkarte eines russischen Restaurants. Als sie das Tagebuch vom Restaurantchef Semyon übersetzen lassen will, lernt sie auch Nikolaj kennen. Der sagt über sich selbst:

“Ich bin nur der Fahrer.”

Er ist der harte Bursche, der die Probleme der Familie löst, vor allem die Probleme von Semyons Sohn Kirill. Bald aber hat auch Anna Probleme, denn im Tagebuch des toten Mädchens spielt die Familie Semyons die unrühmliche Hauptrolle. Das wird Anna spätestens klar, als Restaurantchef Semyon (sehr beeindruckend: Armin Müller-Stahl) im Krankenhaus auftaucht und Anna um ihr Leben fürchten muss.

Viggo Mortensen als Nikolaj (c) TOBIS FilmViggo Mortensen könnte mit diesem Film zum Frauenschwarm für höhere Ansprüche aufsteigen. Sein unglaublich cooler Nikolaj hat alles, was Frauen lieben: unbeugsame Stärke, ruhige Entschlossenheit, ein verschmitztes Lächeln, eine gepflegte Erscheinung und jede Menge liebevolle Aufmerksamkeit für Anna – und das Baby. Aber Cronenberg liefert hier keinen Frauenfilm ab – es geht ihm um Vory V Zakone, die russische Mafia, und die löst ihre Probleme mit brutaler Gewalt. Und darum geht es Cronenberg eigentlich.

Eine Geschichte der Gewalt

Wie der Vorgänger “A History of Violence” spielt auch dieser Film im dramaturgisch so ergiebigen Milieu des organisierten Verbrechens, diesmal in der russischen Mafia in London. Cronenberg bringt uns die Täter und die Opfer nah, die Täter manchmal so sehr, dass man fast auf Kuschelkurs mit ihnen gehen möchte. Aber dann steht wieder ein Mord an, Kehlen müssen aufgeschlitzt werden, Finger abgehackt, Knochen gebrochen werden. Und das lidlose Auge von Cronenbergs Kamera bleibt mitleidslos dabei, zwinkert auch im erschreckendsten Moment nicht, erspart uns nichts. Der Zuschauer wendet sich vielleicht ab – Cronenberg nicht.

Nikolaj und Anna (Viggo Mortensen und Naomi Watts) (c) TOBIS FilmDer Schock sitzt nach der ersten Szene. Und nach der zweiten Szene unvermindert. Und nach der dritten Szene hat man verstanden: Cronenberg wird uns in dieser ruhig und langsam erzählten Geschichte immer wieder den Kopf in das eiskalte Wasser der brutalen Gewalt halten. Und das immer aus der Wärme der russischen Melancholie heraus, aus Geigenklang und Volksliedern, Familienfesten im Kerzenlicht oder vor der aufkeimenden Liebe zum goldhaarigen Engel der Rechtschaffenheit, Anna (Naomi Watts).

Eine Geschichte der Männlichkeit

Cronenberg erzählt in “Eastern Promises” die Geschichte unkontrollierter Männlichkeit: Gewaltexzesse und Vergewaltigungen sind die selbstverständlichen Mittel einer patriarchalischen Gesellschaft intelligenter Wölfe, die statt Fell Tätowierungen tragen. Diese Männer halten verschleppte Frauen als Prostituierte, als Sklaven und Nikolaj erklärt resigniert:

“Sklaven bringen Sklaven auf die Welt”.

Cronenberg zeigt eine Familie, in der ein Sohn die Vorstellungen seines Vaters und seiner Kultur nicht erfüllen kann und daran zerbricht. Eine Familie, die mit Gewalt herrscht und gewaltsam beseitigt wird. Die Mitglieder im Wolfsrudel der russischen Mafia sind Gefangene ihrer blutrünstigen Regeln und ihre blutigen Wege lassen sich als Tätowierungen auf ihren nackten Körpern ablesen. Cronenberg hat keinen wütenden Blick auf diese Welt, sondern einen melancholischen: In ihrem tödlichen Geschäft sind die Männer dem Tod geweiht und wie Nikolaj bei seiner Aufnahme in die Vory V Zakone sagt:

“Ich bin bereits tot”.

Und träumt in der (wunderbaren) letzten Einstellung von einem anderen Leben, das er nicht haben wird.

Fazit: Ein schockierend gewalttätiger und zugleich ruhiger, intelligenter Film um Liebe, Familie, Rechtschaffenheit, aber auch um Gewalt, Grausamkeit und Schuld. Zwischen den beeindruckenden Schauspielern ragt Mortensen als gebrochener Held weit heraus – auch durch die blutrünstige Szene im Badehaus, in der er viel mehr zeigt als nur seinen nackten Körper. Dieser Kampf auf Leben und Tod ist für alle, ihn gesehen haben, bereits Teil der Filmgeschichte. Ohne Übertreibung.

David Cronenberg während der Dreharbeiten (c) TOBIS Film

David Cronenberg über den Körper:

“Ich bin Atheist und glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. Wir haben also nur unsere Physis. Und das finde ich fantastisch. Als Filmemacher ist dein Sujet der menschliche Körper, auch wenn du Komödien drehst und Woody Allen bist. Auch dann drehst du das menschliche Gesicht, den Körper und doch ist es Körpersprache. Kino ist auf den Körper fixiert. “

Interviews

Kainsmale auf der Haut: Cronenberg erzählt im taz-Interview von der Entstehung des Films. Und im Interview mit der Welt erklärt er seine Abneigung gegen die “Wackelkamera”-Mode: “Ich meine, natürlich bewege auch ich meine Kamera. Aber nur, wenn ich auch einen Grund dafür sehe.” Mit der Frankfurter Rundschau spricht er über Insekten und Motorräder. Und hier ein TV-Interview von 1982, in dem Cronenberg meint, dass man alles vor der Kamera zeigen dürfe.

Kritiken

Carsten Baumgardt empfiehlt wegen des russischen Akzents der nichtrussischen Schauspieler die Originalfassung. Bernd Rebhandl sieht nach “History of Violence” wieder den neuen Cronenberg: also grausame Gewalt statt morbide Mutationen. Mortensen hat einen Preis bekommen als bester nichtrussischer Russendarsteller, berichtet Kirill Rachinskiy. Hier ist die Schrift ein Virus, findet Ekkehard Knörer.

Deutschlandradio fasst die Kritiken zusammen:

“Wenn von David Cronenbergs neuem Film “Tödliche Versprechen” die Rede ist, dann wird fast immer die Szene im Badehaus erwähnt. “Unglaublich dynamisch und wendig inszeniert” sei dieser Kampf auf Leben und Tod, schreibt die “Süddeutsche Zeitung”, die den Film über die Russen-Mafia in London “ein Meisterwerk” nennt. [...] Distanzierter ist die “Berliner Zeitung”, die “Tödliche Versprechen” sentimentaler findet als Cronenbergs frühere Filme, aber auch darauf hinweist, dass russische Kriminelle die sachgerechte Darstellung ihres Berufsstandes ausgiebig gelobt hätten.”

Und am Ende ein Zitat aus der Kritik von Bernd Haasis:

“Eine Szene, in der Mortensen in der Sauna nackt von zwei hinterhältigen Mördern attackiert wird, zählt zum Spektakulärsten, was Cronenberg je gedreht hat: Die Leinwand ist erfüllt von zerstörerischer männlicher Körperlichkeit, von Testosteron, von Aggressivität und Nähe, vom Flirren kleiner, krummer Klingen, die böse Verletzungen erzeugen. Wie authentisch Cronenbergs Darstellung ist, lässt sich schwer nachprüfen; dass er sie so plausibel erscheinen lässt, macht seinen Film so außergewöhnlich – und so beängstigend, dass er zarten Gemütern keinesfalls zu empfehlen ist.”

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2 Kommentare Auf der Haut – unter die Haut Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Allgemein, Kino am 30.12.2007

2 Kommentare
  1. Alfred 30.Dezember 2007

    Der Drehbuchautor Steven Knight hat schon das Skript zum sehr guten “Dirty Pretty Things” (2002) von Stephen Frears geliefert!

  2. Sigmar 5.Februar 2008

    “Tödliche Versprechen” ist zwar kein schlechter Film, doch auch nicht das Meisterwerk, das viele Kritiken vermuten lassen. Er bietet ebenso wie fast alle anderen Filme David Cronenbergs zahlreiche Aspekte, über die Cineasten intensiv diskutieren können – und das ist als ein positives Qualitätsmerkmal anzusehen. Dennoch ist es ein Film der verpassten Chancen, in einem ‘alten’ Genre (Mafiafilme) mit einem relativ ‘jungen’ Thema (Russenmafia) neue Wege zu beschreiten.

    Mr. Cronenberg behält hingegen die mit “A History of Violence” (der jedoch aufgrund des Drehbuchs und der stärker konturierten Charaktere eine Klasse besser ist) eingeschlagene Richtung bei, er möchte nach vielen Jahren ambitionierter (allerdings nicht immer gelungener) Werke für einen kleinen Kreis nun Filme für die breite Masse drehen, dafür macht er leider viele Zugeständnisse: eindimensionaler und an etlichen Stellen wenig glaubhafter Erzählstrang, klar kategorisierbare und kaum differenzierte Charaktere, simple und kurze Dialoge (selbst die in russischer Sprache), etwas Sex und ein wenig Gewalt – und das bei dieser Thematik! Diese hatte schon James Bruce mit seinem Film “Den of Lions – Auf Messers Schneide” (2003, in den Hauptrollen sind Stephen Dorff, Laura Fraser und Bob Hoskins zu sehen) aufgegriffen – und Cronenbergs Streifen erinnert in manchen Passagen daran -, sein Film ist zwar auch kein Meisterwerk, doch viel glaubwürdiger und ergreifender, was vor allem an den Charakterzeichnungen liegt.

    Damit wären wir bei dem größten Manko von “Tödliche Versprechen”, die meisten Charaktere wirken leblos; auch wenn es an mehreren Stellen im Film explizit erwähnt wird, dass viele aus Russland stammenden Personen schon vor langer Zeit ‘gestorben’ seien, kann es wohl kaum Cronenbergs Absicht gewesen sein, nahezu alle Menschen wie gefühlslose Marionetten agieren zu lassen. Da ist zum Beispiel die Szene, in der Anna (Naomi Watts) erfährt, dass sie wegen des Tagebuchs in Lebensgefahr schwebt. Jetzt würde man eigentlich Nervosität und Verängstigung erwarten, doch Anna geht wenig aufgeregt mit ihrer Mutter und ihrem Onkel als Leibwache zum Treffpunkt für die Übergabe des Tagebuchs. In der Realität dürften wohl weder Anna noch ihre ‘Beschützer’ mit dem Leben davonkommen, doch die Geschichte muss weitergehen …

    Oder wo bleiben die Zwiespalte Nikolais (Viggo Mortensen)? Als professioneller Undercover-Agent verrichtet er seine Aufgaben ohne große Gefühlsregungen, doch was ist dieser Mensch wert, wenn er ebenso mechanisch eine Minderjährige missbraucht oder einen anderen Menschen tötet? Daran müsste dieser zu Grunde gehen, sofern er nicht total abgestumpft oder für seinen Auftrag alles zu tun bereit ist, womit er ebenfalls nur ein Handlanger wäre. Selbst die denkbare Motivation, dies zu erledigen, um schlimmere Taten zu vermeiden, kann ein solches Verhalten nicht hinreichend erklären. Leider erfährt der Zuschauer kaum etwas über Nikolais Vergangenheit: Sind die Geschichten, die die Tattoos erzählen, echt oder nur Tarnung? Wie wurde er Undercoveragent, ist er ein überführter Straftäter? So bleibt Nikolai ein Mann zwischen Gut und Böse, ein Mensch ohne Vergangenheit – und ohne Zukunft.

    Die einzige Hauptperson, die ansatzweise glaubwürdig und ‘menschlich’ erscheint, ist Kirill (Vincent Cassel), der ‘missratene’ Sohn Semyons (Armin Mueller-Stahl). Er zerbricht daran, die traditionellen Strukturen aufrecht erhalten zu müssen, den Erwartungen seines Vaters aber nicht gerecht werden zu können. Er versucht zwar als harter und skrupelloser Mensch zu erscheinen, doch fast alle anderen Personen erkennen schnell, dass dies nur eine Fassade ist. Seine ‘Menschlichkeit’ gipfelt in der Szene, in der er das Baby Anna und Nikolai übergibt, obwohl er damit seinen Vater der Strafverfolgung ausliefert.

    Auch wenn es viele weitere Aspekte des Films zu bemängeln gäbe, möchte ich abschließend nur noch auf die vieldiskutierte Szene im Badehaus und andere Gewalt- bzw. Sexszenen eingehen. FSK 16 ist für diesen Film vollkommen ausreichend, angeritzte Kehlen, in Augen gestochene Messer oder abgeschnittene Finger gibt es heutzutage teils schon im Vorabendprogramm zu sehen; zumal Cronenberg die Kamera gerade nicht darauf belässt, sondern rechtzeitig abwendet, weder gibt es das verletzte Auge noch das Innenleben eines Halses zu sehen, dafür fließt etwas Blut (aber auch nicht zu viel). Selbst der alles andere als wirklichkeitsnah wirkende Kampf im Badehaus besitzt keine Schockmomente. Und nackte Körper gibt es den ganzen Tag im Free-TV zu sehen, selbst die Szene, in der Nikolai auf Kirills Befehl mit der jungen Prostituierten koitiert, ist so gefilmt, dass sie problemlos zu jeder Sendezeit ausgestrahlt werden könnte.

    Dass “Tödliche Versprechen” trotz des schwachen, oftmals wenig logischen Drehbuchs von Steven Knight ein sehenswerter Film ist, liegt vor allem an der wieder einmal gelungenen Kameraführung von Peter Suschitzky (er erzeugt eine faszinierende Kälte) und den soliden schauspielerischen Leistungen.

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