Wo beginnt ein Verbrechen?


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 29.August 2010

Prof. Pu empfiehlt: “Verbrechen” von Ferdinand von Schirach

 
 Verbrechen [3:48m]: Play Now | Download

So möchte ich schreiben können, so klar, besonnen, nüchtern und fesselnd zugleich und vor allem so berührend.

Lauter unglaubliche Geschichten, doch sind sie wahr.

Behauptet der Klappentext. Ich hätte gewettet, sie sind alle erfunden, gut ausgedacht. Doch Ferdinand von Schirach, begehrter Strafverteidiger, hat einfach seine Fälle aufgeschrieben. So unglaublich kann die Realität sein, jede Geschichte ließ mich von Neuem staunen. Er erzählt in seinem Erstlingswerk von Schicksalen, von Verbrechen, die ich nicht mehr vergessen werde.

Es ist höchst irritierend, sich bei Mitleidsanwandlungen zu ertappen; Mitleid einem Arzt gegenüber, der seine Frau getötet hat. Eine Frau, die er mit 24 heiratet und die ihn über vierzig Jahre lang mit schriller Stimme demütigt, beschimpft und lächerlich macht. Er versucht es auszuhalten, weil er ihr auf der Hochzeitsreise geschworen hat, sie nie zu verlassen. Bis es nicht mehr auszuhalten ist. Er erschlägt sie im Keller und ruft anschließend mit ruhiger Stimme die Polizei.

Der Staatsanwalt beantragte acht Jahre. Er ließ sich Zeit, er schilderte den Tatablauf und watete durch das Blut im Keller. Dann sagte er, Fähner habe Alternativen gehabt, er hätte sich scheiden lassen können.
Der Staatsanwalt irrte, genau das hätte Fähner nicht gekonnt. Die letzte Reform der Strafprozessordnung hat den Eid als obligatorische Beteuerung einer Aussage im Strafprozess abgeschafft. Wir glauben schon lange nicht mehr daran. Wenn ein Zeuge lügt, lügt er eben – kein Richter denkt ernsthaft, das würde sich durch einen Eid ändern lassen. Dem modernen Menschen scheint der Schwur gleichgültig zu sein. Aber, und in diesem ‚aber‘ liegt eine Welt, Fähner war kein moderner Mensch. Sein Versprechen war ernsthaft. Es hatte ihn sein ganzes Leben gebunden, mehr noch: Er wurde zum Gefangenen. Fähner konnte sich nicht befreien, das wäre Verrat gewesen. Die Gewalteruption war das Bersten eines Druckbehälters, in den er lebenslang durch seinen Eid eingesperrt war.

Fähner bekam drei Jahre im offenen Vollzug und begann mit 72 einen Handel mit den Äpfeln aus seinem eigenen Garten, den seine Frau so sehr gehasst hat.

Auch Schirach erschien mir in einem Fernseh-Interview mit Gero von Boehm wie ein angenehm altmodischer Mensch aus einem anderen Jahrhundert. „Wieso kann er so gut schreiben?“ fragte mich ein Kollege. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mich die Stories über ungelöste wie aufgeklärte Verbrechen zutiefst beeindruckt haben.

In jeder Erzählung muss man sich neu orientieren: Wann beginnt ein Verbrechen? Beim hilflosen Versuch eines Mannes, mithilfe eines dilettantischen Banküberfalls zu seiner Familie zurückzukehren? Wo liegt die Schuld? Bei der Schwester, die das elende Leben ihres durch einen Unfall behinderten Bruders nicht mehr ertragen kann? Genial beschreibt Schirach die hauchfeinen Grenzen zwischen Schuld und Unschuld.

Große Erzählkunst, spannende Geschichten. Beim Lesen schwankte ich ständig zwischen der großen Lust, das Buch auf einmal zu verschlingen und dem Genuss, besonders langsam zu lesen um länger davon zu haben. Zu meinem großen Lese-Glück liegt auf dem Nachttisch schon der zweite Band, „Schuld“.

Die Filmrechte an „Verbrechen“ sind verkauft, die Üblichen Verdächtigen dürfen gespannt sein …

Ferdinand von Schirach
Verbrechen
Piper 16,95 €
978-3-492-05362-4
Ab September auch als Piper-Taschenbuch Nr. 05955 8,95 €

Audio-Tipp: Ferdinand von Schirach zu Gast bei SWR1 Leute Rheinland-Pfalz (37:14 min)

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Mafiakiller mit Medizinstudium


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 20.Juni 2010

Prof. Pu empfiehlt: Schneller als der Tod von Josh Bazell

 
 Morden bis der Arzt kommt [5:22m]: Play Now | Download

Ich befürchte, dass ich mir mit diesem Buchtipp wahrscheinlich meinen Ruf ruiniere. Das hat der Roman auf jeden Fall verdient. Was sich Bazell für sein Debüt ausgedacht hat, ist so unglaublich irre, dass ich zwischendurch immer mal wieder hyperventilieren musste.

Dr. Peter Brown, eigentlich Pietro Brnwa, gesprochen Brauna, geboren in einem indischen Ashram, aufgewachsen bei seinen Großeltern in New Jersey, ist Assistenzarzt im Manhattan Catholic Krankenhaus. Und Ex-Mafiakiller im Zeugenschutzprogramm – bis ihn ein Patient erkennt und seine Tarnung auffliegt.

Der Mann in dem Bett im Anadale-Trakt ist ein Typ, der mir als Eddy Squillante alias Eddy Consol bekannt war.
„Was soll das?“, knurre ich und packe ihn an seinem Klinikhemd. Ich sehe noch mal auf seine Akte. „Da steht, du heißt LoBrutto!“
Er guckt verwirrt. „Ich heiße doch LoBrutto.“
„Ich denk, du heißt Squillante.“
„Squillante ist nur ein Spitzname.“
„Squillante? Wie kommt man zu dem Spitzname Squillante?
„Er geht auf Jimmy Squillante zurück.“
„Den Scheißkerl von der Müllindustrie?“
„Den Mann, der die Abfallwirtschaft wiederbelebt hat. Und halt dich zurück. Das war ein Kumpel von mir.“
„Langsam“, sage ich. „Du nennst dich Squillante, weil Jimmy Squillante ein Kumpel von dir war?“
„Ja. Wenn er auch in Wirklichkeit Vincent hieß.“
„Scheiße, wovon redest du? Ich kannte mal ein Mädchen namens Barbara – deswegen sag ich den Leuten doch nicht, sie sollen mich Babs nennen.“
„Hat was für sich.“
„Was ist mit ‚Eddy Consol’?“
„Auch ein Spitzname von mir. ‚Consolidated’.“ Er kichert. “Meinst du, jemand heißt wirklich ‘Consolidated’?“
Ich lasse ihn los. „Nein, schon kapiert, danke.“
Er reibt sich die Brust. „Mensch, Bärentatze –„
„Nenn mich nicht so.“
„Okay … „ Er bricht ab. „Warte mal. Wie hast du mich gefunden, wenn du nicht wusstest, dass ich Squillante bin?“
„Ich habe dich nicht gefunden.“
„Was heißt das?“
„Du bist Patient in einem Krankenhaus. Ich bin Arzt.“
„Du bist als Arzt verkleidet.“
„Nein. Ich bin Arzt.“
Wir starren uns an.
Dann sagt er: „Mach das du rauskommst!“

Und dann geht es rund. In den nächsten Stunden versucht Pietro in einem rasenden Countdown, seinen Feinden zu entkommen – sprich zu überleben – und nahezu nebenbei ein paar Menschenleben zu retten. Gleichzeitig erzählt Bazell, wie der damals Vierzehnjährige seine Großeltern ermordet auffindet, sich später in der Schule mit Adam, dem Sohn des Mafiaanwaltes David Locano anfreundet und von dessen Familie wie ein Sohn aufgenommen wird. Zunächst ganz ohne die berühmte Doppeldeutigkeit des Wortes „Familie“ in den Kreisen der Mafia. Bis Pietro einen entscheidenden Fehler begeht: Er gesteht, nur einen Wunsch zu haben: Die Mörder seiner Großeltern zu kennen. Diesen Gefallen tut ihm Vater Locano gern. Sie umzubringen wird seine Inauguration als Mafiakiller.

Jahre später hat die Bundespolizei mich damit kleinzukriegen versucht: Was für ein hoffnungsloser Idiot das sein müsse, der feststellt, dass seine Großeltern von Mafiaschweinen umgebracht worden sind, und dann selbst mit Mafiaschweinen zusammenlebt, für sie arbeitet, sich bei ihnen einschleimt und sich von ihnen abhängig macht. Aber die Gründe lagen auf der Hand.

Wenn er keine Killer-Aufträge erledigt, hängt er mit seinem besten Freund Adam „Skinflick“ Locano herum. Irgendwann will Skinflick auch mitkillen, während Pietro heimlich seinen Ausstieg erwägt. Die gemeinsame Sache geht ziemlich schief, aber nur Pietro landet vor Gericht und wird in einem absurden Prozeß freigesprochen. Noch zögert Pietro, ins Zeugenschutzprogramm zu gehen. Und läßt sich vom aufgehetzten Skinflick in eine Falle locken, bei der nicht nur Pietros große Liebe Magdalena ihr Leben läßt. Aus den ehemals besten Freunden werden Todfeinde. Ein Drama Shakespeare’schen Ausmaßes, denn nicht einmal die Großeltern waren das, was sie ihrem Enkel zu sein schienen. Eine neue Version von „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ …

Was ist schlimmer als ein eiskalter Mafiakiller? Ein eiskalter Mafiakiller mit Medizinstudium, lassen Sie sich das gesagt sein. weiterlesen

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Die Untiefen der menschlichen Psyche


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 9.Mai 2010

Prof. Pu empfiehlt: “Das Geburtstagsgeschenk” von Barbara Vine

 
 Das Geburtstagsgeschenk [3:25m]: Play Now | Download

„Das Geburtstagsgeschenk“ – so nannten es Iris und ich später immer, statt von dem Unfall zu sprechen. Damals, im Frühjahr 1990, hatten wir natürlich keine Ahnung von Ivors Plänen, wir wussten nur, dass er an einem Freitag um den 17. Mai herum unser Haus haben wollte, und etwas später kam heraus, dass der 17. Mai Hebes Geburtstag war.

Es hätte für ihn alles glimpflich ablaufen können. Aber wie das so ist, wenn man etwas verbergen will, auch wenn sich niemand darum schert, beginnt man sich merkwürdig und rund um das zu Verbergende widersprüchlich zu verhalten, ganz so, als ob unsichtbare Fäden einen zur Wahrheit steuern. Manche Menschen wollen ertappt werden. Ivor Tesham, wohlhabender britischer Parlamentsabgeordneter, Lebemann und Machtmensch, will seiner verheirateten Geliebten Hebe Furnal ein sehr besonderes Geburtstagsgeschenk machen. Beide lieben erotische Spiele, und um ihr eine Freude zu bereiten, läßt er sie mit verbundenen Augen von zwei Bekannten auf Bestellung in einer Limousine „entführen“ und in die Villa seiner Schwester bringen.

Bild

Sein Schwager, eingeweiht in seine Eskapaden, erzählt das Geschehen im Rückblick und mit typisch britischer Distanz und Ironie. Leider geht die Sache schief: Der Wagen mit den beiden Entführern und der Geliebten verunglückt, der Fahrer und die Frau kommen dabei um, der zweite Mann liegt monatelang im Koma. Die Polizei geht von einer Verwechslung des Entführungsopfers aus, hatte doch Hebe große Ähnlichkeit mit einer Millionärsgattin. So weit, so gut für Ivor Tesham, keine Spur führt zu ihm und den Verlust seiner Geliebten trägt er mit Fassung.

Doch dann beginnt Barbara Vine, ein sehr spannendes Beziehungsgeflecht zu spinnen. Es gelingt ihr, weiterlesen

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Von Garagengrizzlys und Haipolizisten


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Kino, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 25.April 2010

Prof. Pu empfiehlt: “Architekt bis Zombie – Das Jobtraum-Filmbuch” von Jutta Vahrson

 
 Das Jobtraumfilmbuch [3:50m]: Play Now | Download

Dieses Buch wurde mir ans Herz gelegt – und da lasse ich es auch noch eine Zeitlang liegen. Was für eine wunderbare Idee, sich hinzusetzen und aus über 80 Filmen die echten und phantastischen Berufe herauszusuchen. Aus dieser Fleißarbeit ist eine amüsante Lektüre für Cineasten entstanden, darüber hinaus ein Filmlexikon, eine Überlebenshilfe und ein Berufsratgeber. Zuerst habe ich alle Filme nachgelesen, die ich kenne.

BildGroßartig, wie Jutta Vahrson es schafft, Filme, die ich sogar mehrmals gesehen habe, unter völlig neuen Gesichtspunkten zu betrachten. Nie habe ich dem Beruf des Architekten in „Schlaflos in Seattle“ besondere Beachtung geschenkt, völlig ahnungslos bin ich darüber hinweggegangen.

“Abermillionen von Zuschauern sehen diesen Filmklassiker als Liebesgeschichte der Figuren von Tom Hanks und Meg Ryan, die irgendwo zwischen Baltimore, Chicago, Seattle und dem Empire State Building zueianderfinden sollen. Ein Missverständnis. In Schlaflos in Seattle geht es im Wesentlichen um den Beruf des Architekten. Schon in Chicago kann man Sam Baldwin (Tom Hanks) bei der Arbeit in einem Hochhaus beobachten. Am Schreibtisch im Großraum-Architektenbüro entwirft er weitere Hochhäuser. Er wirkt recht lustlos und verweint in dieser Umgebung. Was auch daran liegen mag, dass seine Frau gestorben ist und sein Sohn sich eine neue Mutter wünscht. Der Witwer entscheidet sich für einen inspirierenden Ortswechsel. In Seattle bezieht der Architekt nun keine brave Stadtwohnung mehr, sondern ein Hausboot am Hafen. Außerdem empfiehlt es sich, einmal in einem kleinen Unternehmen tätig zu werden. Statt am Reißbrett steht man jetzt in der Baustelle einer Einbauküche und verbringt die Mittagspause mit dem neuen Boss (Rob Reiner), der Tipps zu den aktuellen Flirtregeln und Süßspeisen bei Verabredungen gibt. In einer so persönlichen und gleichzeitig pragmatischen Arbeitsatmosphäre blüht ein Architekt als solcher auf – und übernimmt u.U. noch einen Nebenjob als Radiostar (Schlaflosinseattle).”

Freundlicherweise haben die aufgeführten Berufe – so es denn notwendig ist – einen Warnhinweis !ACHTUNG! wie z.B. beim Eintrag Alientöterin:

“Aus dem interstellaren Märchensarg der Firma wiedererweckt, ist man zwar kaum gealtert, dafür aber alle anderen. Im Extremfall kann das dazu führen, dass es niemanden mehr gibt, mit dem man die professionellen Erfolge als Alientöterin feiern möchte.”

Auch bietet das Buch jede Menge Anregungen, sich Filmen zu widmen, die bisher nicht in meinem Geschmackskreis vorkamen. Muss ich doch jetzt unbedingt „The Day after Tomorrow“ sehen, wenn darin der Beruf „Buchbeschützer“ vorkommt, die Zukunftsperspektive für mich überhaupt! Und wer hat je darüber nachgedacht, wieviele Berufe in „Der Weiße Hai“ vorkommen? Hier findet man jede Menge Stoff, um z.B. langweilige Gespräche in Fortbildungsseminar-Pausen in andere Sphären zu transportieren. Auch könnte man damit eine neue Form von Trivial Pursuit spielen. Das Jobtraum-Filmbuch bietet eine vielseitige, höchst amüsante und vor allem sehr anregende Lektüre. Mir ist dadurch eingefallen, daß auch mein Beruf aus einer frühen Filmerfahrung stammt: Katherine Hepburn als Rundfunkbibliothekarin in „Desk Set“.

Fein gegliedert in Berufssparten wie “Jobs für Kreative”, “Arbeit bei Wind und Wetter“, “Keine Arbeit”, “Transport und Verkehrswesen“, ordentlich versehen mit einem Filmtitel- und Berufsregister läßt „Architekt bis Zombie“ keine Wünsche offen.

Prädikat: Besonders wertvoll

Jutta Vahrson
Architekt bis Zombie. Das Jobtraum-Filmbuch
Butterbrotbooks € 13.-
978-3-00-029678-9
www.butterbrotbooks.de

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Darum nerven Japaner


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Big in Japan, Buch, Prof. Pu und die Pücher am 11.April 2010

biginjapanFür BIG IN JAPAN hat sich Prof. Pu heute Christopher Neumanns Buch “Darum nerven Japaner” vorgenommen, denn SchönerDenken berichtet ab dem 14. April vom Filmfestival “Nippon Connection” und widmet auch sonst den ganzen April der japanischen Kultur:

 
 Politisch unkorrekt [5:07m]: Play Now | Download

Zwei Bemerkungen zu Beginn: Ich war noch nie in Japan und ich habe beim Lesen schon lange nicht mehr so laut gelacht. Das Buch über den „ungeschminkten Wahnsinn des japanischen Alltags“ hält genau das, was es mit seinem Untertitel verspricht: Es ist gnadenlos politisch unkorrekt und es macht herrlichen Spaß, es zu lesen. Neumann schreibt in seinem Nachwort:

Über Japan haben Tausende geschrieben: japanologische Abhandlungen, kaleidoskopartige Überblicke, objektive Analysen, bewundernde Schmeicheleien und wieder die Kapitulation vor der geheimnisvollen fernöstlichen Rätselhaftigkeit. Dieses Buch ist anders. Es hat nicht das Anziehende, Interessante oder Rätselhafte an Japan zum Thema. Das Hauptziel dieses Buches ist nur eins: Klipp und klar zu zeigen, warum sie nerven, ohne fernöstlichen Mystizismus, ohne beschönigenden Humanismus, ohne Bescheidenheit des neu ins Land Gekommenen, ohne den Versuch, daraus auch noch Vorbilder für den Westen zu erkennen. Nur aus reiner Menschenfreundlichkeit oder politischer Korrektheit müssen wir nicht jeden Quatsch respektieren.

Und von diesem Quatsch gibt es eine Menge. Allem voran das erste Kapitel „Regeln – Das Volk will belehrt werden“. Unvorstellbar, für wie unmündig der japanische Staat seine Bürger hält, wenn er sie den ganzen Tag mit visuellen und vor allem akustischen Parolen überschüttet, was nicht selten zur Folge hat, dass die Regeln und Warnungen einfach an ihnen vorbeirauschen. Allerdings schafft der Staat es aber auch, mit seinem infiltrierendem Regelungswahn und z.B. dem Nichtaufstellen von öffentlichen Papierkörben, dass alle ihren Müll brav mit nach Hause nehmen und dort entsorgen. Wie es dann aber auf den Straßen der Wohngebiete aussieht, wenn nicht jeden Tag die Müllabfuhr kommt, beschreibt Neumann auch. Und dass eine Tasse heiß ist, weil der Kaffee heiß ist und man sich daran verbrennen kann. Kennen wir das nicht auch aus Amerika?

Japaner

Sehr amüsiert haben mich auch die Übersetzungen der Bahnparolen-Plakate: „Wollen wir aufhören, uns in der letzten Minute in den Zug zu quetschen!“ Was auf der Yamanote-Linie dann wiederum nicht gelten kann, gibt doch die Bahnlinie selbst an, dass man bei 120 Prozent Auslastung noch seine Zeitung halb öffnen kann, bei 150 Prozent die Tasche nicht mehr auf den Boden stellen und bei 180 Prozent: Ich habe keine Armfreiheit, um mein Taschenbuch umzublättern. Und es steht an jeder Tür ein Schaffner, der quetschen hilft. Allerdings nur für kurze Zeit gab es das Schild „Bitte nicht zur Hauptverkehrszeit springen“.

Ein ganzes Kapitel ist den Schuhen gewidmet. Es gibt Pantoffeln, weiterlesen

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“Überlegen hilft mir beim Denken”:
Der brachliegende Kopf des Germain Chazes


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 28.März 2010

Prof. Pu empfiehlt: “Das Labyrinth der Wörter” von Marie-Sabine Roger

 
 Eine Erziehung des Herzens ... [4:48m]: Play Now | Download

BildGermain sitzt gerne auf dem Platz und zählt die Tauben. Dabei lernt er Margueritte kennen. Er ist ein ungehobelter Klotz, mangels Schulbildung nur Hilfsarbeiter, und wohnt auf dem Grundstück seiner zänkischen Mutter in einem Wohnwagen. Sie, zart und klein, war Biologin, forschte über Traubenkerne und lebt im Altersheim. Sie kommen ins Gespräch und gestehen sich gegenseitig, Tauben zu mögen und ihnen insgeheim Namen gegeben zu haben.

Ob Sie es glauben oder nicht, in dem Moment habe ich entdeckt, was es für ein Gefühl ist, wenn sich jemand für einen interessiert. Falls Sie es nicht wissen, kann ich Ihnen sagen: Es ist ganz schön komisch.

Von nun an treffen sie sich regelmässig auf der Parkbank.

Es war seltsam, ich hatte das Gefühl, dass wir Freunde waren. Ich meine, nicht wirklich, aber so etwas in der Art.
Inzwischen hatte ich das Wort gefunden, das mir fehlte: Vertraute.

 

Germains Wortschatz ist nicht gerade riesig, auch flucht er gerne und darüber entspinnen sich lustige Dialoge zwischen den beiden. Einfühlsam beginnt Margueritte mit ihrer Erziehung des Herzens – sie liest ihm vor. Natürlich findet er das anfangs höchst befremdlich – warum sollte er etwas tun, wozu man nicht gezwungen wird, wie zum Beispiel zum Steuerzahlen – doch dann bemerkt Germain, was die vielen neuen Wörter und die Geschichten mit ihm anstellen.

Découvrez Interview de Gérard Depardieu sur le tournage du dernier Becker sur Culturebox !

Klar machen sich seine Kumpels lustig über ihn, wenn er versucht, sein neuerworbenes Wissen an den Mann zu bringen. weiterlesen

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Meister ihres eigenen Schicksals


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 16.August 2009

Prof. Pu empfiehlt: Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land von Gianrico Carofiglio

 
 Pu und Poker [6:23m]: Play Now | Download

Dieser Roman ist verstörend. So wie sich Giorgio immer mehr in die Machenschaften seines Freundes Francesco verstricken läßt, kann man sich dem Sog dieser Geschichte nicht entziehen. Giorgio ist Anfang zwanzig:

„Ich war ein vorbildlicher Student. Im letzten Jahr meines Jurastudiums hatte ich das Gros der Prüfungen bereits abgelegt, meine Examensarbeit im Fachgebiet Strafrecht so gut wie fertig und für keine meiner Leistungen weniger als die Höchstpunktzahl erhalten. Im Juni wollte ich meinen Abschluss machen und dann entscheiden, welchen Weg ich einschlagen würde. Entweder Universitätskarriere oder Bewerbung bei der Justizbehörde. Alles war sehr klar, sehr ordentlich, sehr normal. Seit fast zwei Jahren war ich mit Giulia zusammen. Sie war genauso alt wie ich, studierte Medizin und würde Ärztin werden, wie ihr Papa. Sie war zierlich und hübsch. Ich gefiel ihrer Mama sehr. Ehrlich gesagt, habe ich den Müttern meiner Freundinnen immer gut gefallen. Alles lief bestens.“

Auf einer Party lernt er Francesco kennen, der eine merkwürdige, unerklärbare Anziehungskraft auf Giorgio ausübt. Francesco ist charismatisch, befremdend, undurchschaubar und unberechenbar, ein Nichtstuer, der offensichtlich viel Geld besitzt. In allem das Gegenteil von Giorgio. Sehr bald weiht er ihn in das Geheimnis seines Reichtums ein – Poker. Nicht einfach nur Spielen. Francesco ist ein Trickbetrüger und braucht einen Compagnon.

„Und dann wurde mir etwas Schreckliches klar. Etwas, was noch schrecklicher war als alles andere.
Ich wollte es wieder tun.
Francesco las meine Gedanken.
„Hast Du Lust auf eine weitere Partie, in ein paar Tagen? Wir machen halbe-halbe.“
„Aber warum? Du brauchst mich doch gar nicht.“

Er erklärte mir, dass er mich sehr wohl braucht. Man kann, vor allem beim Poker, nicht allein betrügen. Wenn man in einer Runde von ernsthaften Spielern immer dann gewinnt – und zwar viel gewinnt -, wenn man selbst die Karten gibt, werden das die anderen nach kurzer Zeit merken und Verdacht schöpfen. Der Partner ist genauso wichtig wie der Falschspieler. Der eine manipuliert die Karten, der andere kassiert den Gewinn, und alle sind zufrieden. Das heißt, sie sind natürlich nicht zufrieden, aber sie denken, dass sie einfach verfluchtes, aberwitziges Pech hatten.“

Ein Roman überzeugt mich immer dann besonders, wenn er mir Welten eröffnet, um die ich mich im Leben nicht gekümmert hätte. Poker gehört ganz sicher nicht zu meinen Lieblingsthemen. Und doch konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen. Wie sich Giorgio nahezu wehrlos weiterlesen

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Vorstandsvorsitzende from Outer Space!


Ein Beitrag von Hendrik, abgelegt unter Buch, Podcast am 9.Juni 2009

Hendrik liest Die Aliens sind unter uns! Herrschaft und Befreiung im demokratischen Zeitalter von Christoph Spehr

 
 Aliens tragen ihr Hemd auch manchmal offen ... [11:08m]: Play Now | Download

Die Coverabbildung dieses 1999 erstmals erschienenen Buches zeigt keine Tentakel, Fühler, seltsame Handfeuerwaffen und im Hintergrund geparkte phantastische interstellare Fahrzeuge. Lediglich drei äußerst korrekt gekleidete Herren der Typenkategorie ‘Oberes Management’ blicken ungehalten und etwas grimmig von den papiernen Insignien ihrer Herrschaft über die Erdenwesen auf, um sich ablichten zu lassen. Unwillkürlich fragt man sich, was der Sicherheitsdienst wohl anschließend mit dem Fotografen angestellt hat.

Christoph Spehr, seines Zeichens Historiker, politischer Journalist und Lehrbeauftragter in Berlin, erzählt in seinem Sachbuch davon, dass wir Menschen bereits seit Jahrzehnten von Aliens entmündigt und ausgebeutet werden, die zwar auf den ersten Blick wie Menschen aussehen, aber nicht eigentlich welche sind, und eigentlich unterscheiden sie sich von uns überhaupt nur durch ihr antisoziales und un—menschliches Denken.

Im Unterschied zu den Büchern Erich von Dänikens und anderer Präastronautikforscher stellt Spehr damit jedoch nicht die These auf, die Erde hätte tatsächlich irgendwann mal Besuch von anderen Planeten erhalten, sondern er benutzt das Attribut Aliens als eine Denkmetapher: natürlich sind seine Aliens Menschen, aber eben eine neue und ganz besondere Art von Mensch, die derzeit kräftig dabei ist, die politischen und ökonomischen Strukturen so zu gestalten, dass die ‘normalen’ Menschen immer weniger und die Aliens immer mehr von der Erträgen der Erde abbekommen.

“Die ersten Alien-Generationen waren noch recht schematisch designt”, so schreibt er, “die einzelnen Exemplare unterschieden sich oft kaum voneinander. Zwischen 1945 und 1970 wurde weltweit ein genetisches Modell <Funktionsträger> bevorzugt, das direkt mit Schlips und dunklem Anzug verwachsen war. Dieses robuste Exemplar hielt jahrzehntelang – [...] Adenauer kam auch aus dieser Serie. Nach den weltweiten anti-alienistischen Aufständen der sechziger Jahre wurde dieser verräterische Déjà-vu-Effekt jedoch abgeschwächt, und das genetische Design wurde vielfältiger. Funktionsträger-Aliens wurden jetzt in allen gewünschten Farben und Geschlechtern erzeugt: sie tragen das Hemd auch mal offen und können auf Stehempfängen Witze erzählen.” (S. 113)

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