Wo beginnt ein Verbrechen?


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 29.August 2010

Prof. Pu empfiehlt: “Verbrechen” von Ferdinand von Schirach

 
 Verbrechen [3:48m]: Play Now | Download

So möchte ich schreiben können, so klar, besonnen, nüchtern und fesselnd zugleich und vor allem so berührend.

Lauter unglaubliche Geschichten, doch sind sie wahr.

Behauptet der Klappentext. Ich hätte gewettet, sie sind alle erfunden, gut ausgedacht. Doch Ferdinand von Schirach, begehrter Strafverteidiger, hat einfach seine Fälle aufgeschrieben. So unglaublich kann die Realität sein, jede Geschichte ließ mich von Neuem staunen. Er erzählt in seinem Erstlingswerk von Schicksalen, von Verbrechen, die ich nicht mehr vergessen werde.

Es ist höchst irritierend, sich bei Mitleidsanwandlungen zu ertappen; Mitleid einem Arzt gegenüber, der seine Frau getötet hat. Eine Frau, die er mit 24 heiratet und die ihn über vierzig Jahre lang mit schriller Stimme demütigt, beschimpft und lächerlich macht. Er versucht es auszuhalten, weil er ihr auf der Hochzeitsreise geschworen hat, sie nie zu verlassen. Bis es nicht mehr auszuhalten ist. Er erschlägt sie im Keller und ruft anschließend mit ruhiger Stimme die Polizei.

Der Staatsanwalt beantragte acht Jahre. Er ließ sich Zeit, er schilderte den Tatablauf und watete durch das Blut im Keller. Dann sagte er, Fähner habe Alternativen gehabt, er hätte sich scheiden lassen können.
Der Staatsanwalt irrte, genau das hätte Fähner nicht gekonnt. Die letzte Reform der Strafprozessordnung hat den Eid als obligatorische Beteuerung einer Aussage im Strafprozess abgeschafft. Wir glauben schon lange nicht mehr daran. Wenn ein Zeuge lügt, lügt er eben – kein Richter denkt ernsthaft, das würde sich durch einen Eid ändern lassen. Dem modernen Menschen scheint der Schwur gleichgültig zu sein. Aber, und in diesem ‚aber‘ liegt eine Welt, Fähner war kein moderner Mensch. Sein Versprechen war ernsthaft. Es hatte ihn sein ganzes Leben gebunden, mehr noch: Er wurde zum Gefangenen. Fähner konnte sich nicht befreien, das wäre Verrat gewesen. Die Gewalteruption war das Bersten eines Druckbehälters, in den er lebenslang durch seinen Eid eingesperrt war.

Fähner bekam drei Jahre im offenen Vollzug und begann mit 72 einen Handel mit den Äpfeln aus seinem eigenen Garten, den seine Frau so sehr gehasst hat.

Auch Schirach erschien mir in einem Fernseh-Interview mit Gero von Boehm wie ein angenehm altmodischer Mensch aus einem anderen Jahrhundert. „Wieso kann er so gut schreiben?“ fragte mich ein Kollege. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mich die Stories über ungelöste wie aufgeklärte Verbrechen zutiefst beeindruckt haben.

In jeder Erzählung muss man sich neu orientieren: Wann beginnt ein Verbrechen? Beim hilflosen Versuch eines Mannes, mithilfe eines dilettantischen Banküberfalls zu seiner Familie zurückzukehren? Wo liegt die Schuld? Bei der Schwester, die das elende Leben ihres durch einen Unfall behinderten Bruders nicht mehr ertragen kann? Genial beschreibt Schirach die hauchfeinen Grenzen zwischen Schuld und Unschuld.

Große Erzählkunst, spannende Geschichten. Beim Lesen schwankte ich ständig zwischen der großen Lust, das Buch auf einmal zu verschlingen und dem Genuss, besonders langsam zu lesen um länger davon zu haben. Zu meinem großen Lese-Glück liegt auf dem Nachttisch schon der zweite Band, „Schuld“.

Die Filmrechte an „Verbrechen“ sind verkauft, die Üblichen Verdächtigen dürfen gespannt sein …

Ferdinand von Schirach
Verbrechen
Piper 16,95 €
978-3-492-05362-4
Ab September auch als Piper-Taschenbuch Nr. 05955 8,95 €

Audio-Tipp: Ferdinand von Schirach zu Gast bei SWR1 Leute Rheinland-Pfalz (37:14 min)

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Wenn wir alles zeigen können,
ist am Ende nichts zu sehen


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Die Üblichen Verdächtigen, Kino, Podcast am 18.Februar 2010

Die Üblichen Verdächtigen kommen aus “In meinem Himmel” und sind unzufrieden: zuviel Kitsch, zuviel plakative Ergriffenheit – selbst Thomas, der dem Film noch am ehesten zugetan war, hätte gerne den Kitschregler runtergedreht. Hören Sie im Podcast, warum die gezeigte Zwischenwelt hanebüchen und warum der Film trotz erstklassiger Darsteller ärgerlich und unangemessen ist. Und am Ende beginnt eine Diskussion darüber, was passiert, wenn das aktuelle Kino alles bebildern will, was es bebildern kann. Wenn wir alles zeigen können, ist am Ende nichts zu sehen:

 
 Ist der Film dem Verbrechen angemessen? [8:25m]: Play Now | Download

(c)Im Grunde liefert Peter Jackson zwei Filme ab: einen spannenden, düsteren Krimi, der leider nicht zu einem Ende findet und die überbunte, klischeebeladene Paradieswelt eines 14-jährigen Mord- und Vergewaltigungsopfers. Schicksalsergebene Trauerarbeit, ein naives “Schreckliche Dinge passieren, aber wir lernen darüber hinwegzukommen” – ist das die angemessene Art mit einem derartigen Verbrechen umzugehen? Peter Jackson übernimmt diese problematischen Elemente aus der in den USA sehr erfolgreichen Romanvorlage von Alice Sebold. Beim Perlentaucher lesen wir:

“Dabei geht es Alice Sebold, wie Kredel meint, nicht um das Verbrechen und seine Bedeutung, sondern um eine “therapeutische Anleitung zum Trauern”, denn natürlich werde am Ende alles gut. “Die Realität ist manchmal schrecklich, aber auch voller Trost”, fasst Kredel die eher küchenpsychologische Botschaft des Buches zusammen und legt die Vermutung nahe, dass Sebold damit schlechthin das Buch für ein trauerndes Amerika geschrieben hat, das den Horror erfahren hat und nach Heilung dürstet.”

Küchenpsychologie und dazu eine vollständig ausgefilmte Fantasiewelt … Wo Peter Jacksons Plastilinfiguren bei “Heavenly Creatures” der Vorstellungskraft der Zuschauer als Treibsatz dienten, hat er hier zuviele knallbuntnaive Feuerwerksraketen abgeschossen, die keinen Kinohimmel erreichen werden. All das überdeckt die Meisterschaft mit der Jackson den eigentlichen Krimi inszeniert. Ein großer Regisseur, aber kein großer Film.

© 2009 by Paramount Pictures. All Rights Reserved.

Links

Birte Lüdeking erklärt bei critic.de:

“Gegen Ende folgt eine weitere missstimmige Parallelmontage, die vielmehr bizarr, statt bewegend ist: Susie kehrt noch einmal auf die Erde zurück, indem sie in den Körper eines anderen Mädchens fährt, um sich den verpassten ersten Kuss von ihrem Schulschwarm abzuholen. Als wäre diese dem Buch entliehene Liebesszene nicht schon grotesk genug, präsentiert Peter Jackson zudem den Mörder, wie er zeitgleich Susies zerstückelte, in einem Safe aufbewahrte Leiche verschwinden lässt. Nachdem Überresteentsorgung und übersinnliche Romantik gemeinsam vollzogen sind, kann die Protagonistin dann endlich in den sonnigen CGI-Himmel einziehen. So sieht Kindsmord als Wohlfühlkino aus.”

Christopher von Moviezkult ist ebenfalls enttäuscht:

“Der Regisseur verpasste es, den Fokus auf einen Handlungsstrang zu legen, um entweder ein feinfühliges Drama oder einen spannenden Thriller zu inszenieren. So ist The Lovely Bones ein kruder Mischmasch aus beidem, aber nichts Halbes und nichts Ganzes. Jackson lässt dem Zuschauer keine Chance, die ohne Frage ästhetisch inszenierten Szenen auf sich wirken zu lassen, lässt ihm kein Freiraum für eigene Gedanken.”

Mehr Meinungen bei film-zeit, OFDB und movie-pilot.

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Endlich mal gebildete Leute …


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 31.Januar 2010

Prof. Pu empfiehlt: Wer weiß was von Silvia Bovenschen

 
 Eine intelligente Mordgeschichte [5:01m]: Play Now | Download

„Das ist alles so schön altmodisch. Ich kann es gar nicht glauben. Du lieber Himmel: Weltfremde Professoren, exotische Dolche und schüchterne Bibliothekare. Hey Leute, das ist ein Witz. Ich dachte schon, das gibt’s nur noch in solchen Inspektor-Barnaby-Serien. Unsere Klientel hat sich doch in den letzten Jahren nahezu ausschließlich aus drogensüchtigen Müttern, die ihre Kinder aus dem dritten Stock schmeißen, muslimischen Vätern, die ihre unbotmäßigen Töchter vom Sohn umbringen lassen, und waffentechnisch hochgerüsteten Mädchenhändlern aus dem ehemaligen Ostblock zusammengesetzt.“ Sie hörte auf zu lachen und kam wieder zur Sache. „War das Messer scharf?“ fragte sie.

coverbovenschen Prof. Dr. Ulf Urlach, Sprachwissenschaftler, liegt tot auf der Institutstoilette, ein Messer im Rücken. Alle sind verwirrt, die Doktorandin, der Bibliothekar, die Sekretärin, Kollege Schauer und seine Ehefrau Carola, eine Schriftstellerin mit Schreibblockade, und anfangs auch die Polizei. Es gelingt den Kommissaren lange nicht, Licht in dieses ganze Gewirr von Verhältnissen, Beziehungen, Verflechtungen und Intrigen zu bringen. Und dann sind da noch recht seltsame Beobachter namens Ertzuj, Iopö, Jkln und Kurt. Sind sie verantwortlich für die interessanten Kommentare in Klammern, die wie Regieanweisungen anmuten? Jedenfalls äußert die Schriftstellerin im Gespräch mit ihrem Lektor ein merkwürdiges Gefühl:

Ihre Stimme wurde lauter, der Tonfall fast zornig: „Jetzt, verdammt, fügt sich nichts. Im Gegenteil, neuerdings habe ich ständig das Gefühl, als schreibe da jemand teils pedantisch, teils besserwisserisch mit. Füge hinter meinem Rücken ohne mein Wissen oder Zutun unnötiges und abstruses Zeug in meinen Text ein, verbessere, präzisiere und kommentiere das Geschriebene oder stelle es in Frage.“ (Was für ein Unsinn!) Sie sah ihn direkt an und sagte brüsk: „Ich gebe zu: Es ist wirklich alles sehr wirr.“

Das ist es tatsächlich. Nichts ist so, wie es auf den ersten und zweiten Blick scheint. Fast jeder gibt vor, etwas zu sein, was er nicht ist oder ist, was er nicht zugeben will. Jeder betrügt irgendwie, jeder hintergeht irgendwen. Nicht mal die Leichen sind das, was sie sein sollen. Anfangs war ich Silvia Bovenschen dankbar für die Namensliste, die sie ihrem Roman vorangestellt hat. Hat man die Besetzung dann im Kopf, kann man sich ihren wunderbaren Formulierungen lustvoll hingeben. Fast trat für mich der Mordfall in den Hintergrund, so sehr hat mich ihre Sprachkunst entzückt. Wie beispielsweise hier bei Frederike, Bekannte des Ehepaares Schauer, die über ihren Verflossenen nachdenkt:

Sie überlegte: Wohnte jeder Liebe eine vorbestimmte Dauer inne? (Poetisches Denken mit trivialen Einschüssen.) Konnte es so etwas geben wie ein unbemerktes fortwährendes Liebeszellsterben, das durch Einwirkungen wie Gleichgültigkeit und Eigensucht noch beschleunigt wurde? Gab es einen seelischen Abfalleimer für Liebeszellschutt?

„Liebeszellschutt“ – was für eine großartige Wortschöpfung. Und hier weiterlesen

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Ein Kommentar




“Method Detecting”: Draht im Blut


Ein Beitrag von Martina, abgelegt unter SchönerTöten, Television am 24.Januar 2010

SchönerTöten
Martina startet die neue Serie “SchönerTöten” bei SchönerDenken mit “Wire in the Blood” – “Method Detecting” at its best

„Eigentlich“ – ein großes und beliebtes Wort zu Beginn, ob beim Schreiben oder Reden. „Eigentlich“ wollte ich ja dies und das … Heute werde ich auch mal vor mich hinrelativieren!

Also: EIGENTLICH wollte ich unsere neue Reihe „SchönerTöten“ mit einem meiner Lieblingsthemen, dem – möglichst attraktiven – Serienkiller im Kinofilm beginnen. Ein Absatz für die Empfehlung von „Mr. Brooks“ ist auch schon geschrieben, aber ich emotionsüberflutetes Ding lasse mich doch immer wieder hin- und wegreißen.

Ihr wißt ja, daß ich ein Serienflittchen bin – und anglophil dazu. Folgerichtig komme ich ja an Blut und Leichen, Verbrechensaufklärung, Stil, Eleganz und einem unvergleichlichen Können auf dem Gebiet der Kriminalliteratur und des Kriminalfilms nicht vorbei: und ehrlich gesagt, habe ich auch niemals versucht, dem auszuweichen, sondern mich breitbeinig mitten auf die glitschigrote, blutverschmierte Fahrbahn gestellt. Ambitionierte Dialoge, tückische Plots, schauspielerische Meisterleistungen rund um herumliegende Leichen – jaaaaaaaaaaaaaaaaa! Dazu noch eine Tasse schwarzen Tees mit Milch und Zucker und ein Bendicks Bittermint, und mein Leben nähert sich der Perfektion.

Nach all den Jahren intensivster Beschäftigung mit der Thematik hat sich in meinem Herzen eine Lieblingsserie etabliert, die in ihrer Einzigartigkeit einen Solitär in der Juwelensammlung meiner Serien-DVDs darstellt.
Für sie habe ich den Begriff „Method Detecting“ erfunden, analog zu dem schauspielerischen Method Acting der Stanislawski/Strasberg-Schule. Lee Strasberg definierte Schauspielen als die „Fähigkeit, auf imaginäre Stimuli zu reagieren“ und entwickelte die vier zentralen Fragen, die sich ein Schauspieler in der Vorbereitung auf das Spiel stellen sollte: Wer und wo er ist, was er dort tut und was dort zuvor geschah.

Nichts anderes macht Dr. Tony Hill, Psychologe und Protagonist der englischen Krimiserie Wire in the Blood (Hautnah – die Methode Hill), gespielt von Robson Green. Der außergewöhnlichen Serie mit drei bis vier Fernsehfilmen pro Staffel (es gibt leider deren nur sechs, da die Produktionskosten durch die aufwendigen Drehbücher, das detailgetreue Ambiente und das arbeitsintensive Rollenstudium bis auf über 700 000 Pfund anstiegen) liegen einige Kriminalromane von Val McDermid zugrunde. Sie spielt in der fiktiven nordenglischen Großstadt Bradfield; gedreht wurde in Newcastle
upon Tyne und in Northumberland.

Ein Fan wider Willen beschreibt sein langsames, aber unverrückbares Mutieren zum Hill-Bewunderer wie folgt: weiterlesen

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Die Ähnlichkeit


Ein Beitrag von Prof. Pu, abgelegt unter Buch, Podcast, Prof. Pu und die Pücher am 6.Dezember 2009

Prof. Pu empfiehlt: Totengleich von Tana French

 
 Der 2. Cassie Maddox-Roman [4:46m]: Play Now | Download

„… Nichts Verwertbares unter ihren Fingernägeln, sagt das Labor. Anscheinend ist sie nicht dazu gekommen, sich gegen den Mörder zu wehren. Sie untersuchen die Spuren noch immer, aber nach vorläufiger Einschätzung ist nichts Hervorstechendes dabei. Sämtliche Haare und Fasern stammen offenbar von ihr selbst, ihren Wohngenossen oder von diversen Sachen im Haus, sie bringen uns also nicht weiter.
Wir durchkämmen noch immer die Gegend, aber bislang haben wir keine Spur einer Mordwaffe und keine Anzeichen dafür, wo jemand sie überfallen oder ein Kampf stattgefunden haben könnte. Im Grunde haben wir eine Tote und mehr nicht.“
„Wunderbar“, sagte O’Kelly düster. „Schon wieder einer von der Sorte. Wie machen Sie das, Maddox, tragen Sie einen Magnet für beschissene Fälle im BH?“
„Das ist nicht mein Fall, Sir“, rief ich ihm in Erinnerung.

Nein, es ist nicht Cassie Maddox’ Fall, ließ sie sich doch nach dem Knocknaree-Mord, dem ersten Kriminalroman von Tana French, sofort versetzen. Sie wollte ihre Ruhe haben, die Geschichte mit Rob Ryan, so gut es geht, verdrängen und sich an die Schulter ihres Kollegen Sam lehnen.

Die Beziehung zwischen Sam und mir begann ein paar Monate, nachdem ich das Morddezernat verlassen hatte. Ich weiß nicht genau, wie das passierte. Ich kann mich an vieles aus dieser Zeit nicht mehr erinnern.

Doch wie das so ist mit der Vergangenheit, sie holt sie schneller ein als sie es sich wünschen konnte. Sam bittet sie ausnahmsweise und außergewöhnlich aufgeregt zu einem Leichenfund.

bild

Zögernd und mit einer unbehaglichen Vorahnung macht sie sich auf den Weg und trifft dort nicht nur ihren Freund, sondern auch Frank, ihren Vorgesetzten aus der Zeit ihrer Tätigkeit als verdeckte Ermittlerin.

Frank schlang einen Arm um mich und hob mich in die Luft. Vier Jahre hatten es nicht geschafft, ihn auch nur ein kleines bisschen zu verändern. Ich war mir sogar ziemlich sicher, dass er noch dieselbe abgewetzte Lederjacke trug. „Cassie Maddox“, sagte er, „die beste falsche Studentin der Welt. Wie geht es Dir? Du beim Dezernat für häusliche Gewalt, wieso denn das?“
„Ich rette die Welt. Die haben mir ein Lichtschwert gegeben und alles, was dazugehört“.

Doch das Scherzen vergeht ihr, als sie vor der Leiche steht. weiterlesen

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Der Brenner jetzt quasi der Herr Simon


Ein Beitrag von Nicole, abgelegt unter Buch am 25.September 2009

Und natürlich ist schon wieder was passiert
Nicole liest den neuen Brenner: “Der Brenner und der liebe Gott”

Buchcover "Der Brenner und der liebe Gott" mit freundl. Genehmigung des Verlags Hoffmann und CampeIch kenne sie alle, vor allem Serienermittler sind meine Spezialität. Die Kontinuität des Verbrechens hat etwas Beruhigendes. So habe ich meine Sympathie an viele Kommissare verschenkt, aber nur einem bin ich verfallen. Und das ist der Brenner.

Dabei ist der Brenner in seinem neuesten Krimi gar nicht mehr der Brenner, sondern der Herr Simon. Nachdem er im letzten Fall eine Kugel in den Kopf gekriegt hat, hat sich einiges verändert im Leben des österreichischen Expolizisten und Exdetektivs. Ruhiger ist er geworden, auch dank der Tabletten. Und als Chauffeur ist er tätig, fährt die kleine Helena von Wien nach München und zurück, zwischen Mutter und Vater hin und her. Und dabei geht ihm die zweijährige Helena dann auch verloren, quasi geklaut.

Aber er hat sich gezwungen, das Auto abzusuchen. Du wirst sagen, wo soll sie denn sein, die Helena, die wird sich nicht unter der Kühlerhaube versteckt haben. Aber da siehst du schon, dass der Schock ihn langsam richtig verrückt gemacht hat. Die Panik hat ihn verrückt gemacht, und was die Panik übrig gelassen hat, haben die Tabletten verrückt gemacht. Weil er hat sich jetzt an den Gedanken geklammert, dass sich Kinder gern verstecken. Das ist ja etwas Lustiges für Kinder, ja was glaubst du. Und obwohl das kleine Mädchen vom Kindersitz aus überhaupt nicht in der Lage gewesen wäre, sich irgendwo zu verstecken, hat er das ganze Auto abgesucht. Vielleicht liegt sie bequem hinter seiner Rückenlehne und wartet darauf, dass der dumme Fahrer sie endlich findet. Aber keine Helena hinter den Sitzen, keine Helena unter den Sitzen, keine Helena im Handschuhfach, keine Helena unter den Fußmatten, nicht einmal eine Helena im Kofferraum.

Also macht sich der Herr Simon auf die Suche nach der Helena. Man muss ihm zugute halten, dass er nicht an allen sieben Beerdigungen Schuld war, die in der Folge stattgefunden haben. Und dass die Helena eigentlich gar nicht entführt worden ist, zumindest nicht so richtig, hat ja auch keiner wissen können, auch nicht der Brenner. Dumm ist es eben gelaufen, dass er bei der Suche nach der Tochter auch noch auf die dunklen Geschäfte ihres Vaters, des Bauunternehmers Kressdorf, gestoßen ist. Und dass mit der Abtreibungsklinik der Mutter auch nicht alles gestimmt hat, das konnte er ebenso wenig wissen. Also kein Wunder, dass die Tabletten bei der Belastung beim Brenner nicht die ganze Zeit gewirkt haben.

Und siehst du, das war die Wanderwut. Das ist eine Notreaktion, so wie der Körper umfällt, wenn zu wenig Blut in den Kopf kommt, so fängt die Wut an zu wandern, wenn du sonst zerspringen würdest. Das ist rein zur Entlastung. Das musst du dir vorstellen wie ein Sportler, der verschiedene Muskeln immer schön abwechselnd trainiert. Und genau wie eine übertrainierte Muskulatur braucht auch die Spitzenwut ab einer gewissen Größe dauernde Abwechslung, damit der Wuthaber nicht zugrunde geht, sprich, die Wut muss sich bewegen, die Wut spaziert von einem Gegenstand zum anderen, von einer Person zur anderen, vom Blattrandmann zum Barmann, vom Barmann zur Renate, von der Renate zur Cola light, vom Cola light zur Musik, von der Musik zur Milan-Sonnenbrille, auf alles, was du siehst oder hörst oder riechst, kriegst du abwechselnd eine Wut, damit du nicht daran erstickst.

Natürlich kriegt der Brenner seine Wut wieder in den Griff und eigentlich ist es schon bewundernswert, wie gelassen er auf den Toten in der Jauchengrube reagiert und wie locker er den Tod vom Ex-Tankstellenwirt nimmt. Da kriegt man als Leser eher einen Schauder als der Brenner.

In jedem Fall ist man Zeile für Zeile von „Der Brenner und der liebe Gott“ ganz nah dabei am Geschehen. Und eins ist auch sicher, ein so enormes sprachliches Talent wie das von Brenners geistigem Vater Wolf Haas ist eh selten. Und hat man einen seiner Krimis gelesen, muss man aufpassen, dass man nicht ebenfalls so verhackstückt und perfekt auf den Punkt daherredet wie der Haas. Ansteckungsgefahr Hilfsausdruck. Quasi. Aber das musst du wissen, einfach klasse.

Wolf Haas
Der Brenner und der liebe Gott
Hoffmann und Campe
224 Seiten, gebunden
18,99 Euro
ISBN: 978-3-455-40189-9

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“Morituri”: Die Todgeweihten von Algier


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Buch am 11.August 2009

“Blutüberströmt liegt der Horizont da und bringt durch einen Kaiserschnitt einen Tag zur Welt, für den sich die Mühe letztlich nicht gelohnt haben wird.”

Es gibt Leser und Bücher, die passen einfach nicht zusammen. “Morituri” von Yasmina Khadra und ich zum Beispiel. Es handelt sich um einen Detektivroman im Algerien der Gegenwart. Das war doch eigentlich genau meine Kragenweite: Kriminalliteratur hat leichtes Spiel bei mir und eine gewisse Affinität zur arabischen Kultur kann ich auch nicht verleugnen. Warum also konnte “Morituri” bei mir nicht punkten?

1. Kommissar Llob erscheint mir als weinerlicher, hysterischer, irrationaler, brutaler, cholerischer, unprofessioneller Polizist, der sich fast genau so wenig an Regeln hält wie die Kriminellen, die er jagt und die ihn bedrohen. Im Klappentext wird er als humorvoll und integer bezeichnet … Na ja. Dass seine Gegenspieler (fanatische Islamisten und korrupte Reiche) noch schlimmer sind als er, macht es in meinen Augen nicht besser.

2. Poesie ist eine zerbrechliche Angelegenheit. Und wenn man die ästhetischen Vorstellungen des Autors nicht teilt, kann man es als Leser ganz schön schwer haben:

“Der Nieselregen legt sich klagend auf die heiteren Nächte von einst, während die Bäume sich in clownesker Hysterie die Haare raufen.”

Clowneske Hysterie? Bäume? Also mir war da eher nach Haare raufen. Und noch einer:

“In Algier gibt es Tage, an denen Himmel und Meer sich zusammentun, um ein Gefühl unglaublicher Fülle zu erzeugen. Alles ist blau bis in Neptuns Bett hinein, und die Sonne, dieser Schalk, bringt es fertig, im tiefsten Winter den Sommer wachzuküssen. Von allen Sonnen der Welt ist unsere die einzige, der dieses Kunststück gelingt.”

Neptuns Bett? Schalk? Wachküssen? Wem hier der Kitsch-Alarm nicht um die Ohren geflogen ist, darf sich als Yasmina-Kadhra-geeignet betrachten. Ich bin es nicht. Yasmina Kadhra ist übrigens ein Pseudonym, dass der Autor benutzte, bevor er 2001 aus Algerien ins französische Exil ging. Meinen Respekt hat der Autor, dass er so harte Töne gegen Terroristen, Reiche und Mächtige anschlägt. Ich bewundere seinen Mut. Seine Romane eher nicht.

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Wenn die Knochensäge heißläuft


Ein Beitrag von Thomas, abgelegt unter Die Üblichen Verdächtigen, Kino, Podcast am 12.März 2009

 
 Es ist wieder was passiert ... [3:21m]: Play Now | Download

Die Üblichen Verdächtigen kommen aus “Der Knochenmann”.

Josef Hader als Brenner in "Der Knochenmann"

Bierbichler brilliert als Löschenkohl

Eigentlich sucht der Brenner nur einen Mann, der mit den Abzahlungen für seinen Wagen überfällig ist. Aber erstens findet er den Mann nicht und zweitens bleibt er im Löschenkohl hängen, einem Gasthof in Niederösterreich. Das liegt auch an der feschen Wirtin. Ihr Schwiegervater ist der Wirt vom Löschenkohl und nicht alles, was durch dessen Knochenmühle läuft, gehört auch dahin …

“Der Knochenmann” ist großartiges deutschsprachiges Kino, nach dem schwarzhumorigen Roman des Krimischriftstellers Wolf Haas, fantastisch besetzt mit Hader, Bierbichler und vielen anderen. So schrecklich und schrecklich absurd wie das Leben selbst, nichts für schwache Nerven zwar, aber unbedingt sehenswert.

Josef Hader als Brenner in "Der Knochenmann"
Josef Hader als Brenner in “Der Knochenmann”
Bierbichler brilliert als Löschenkohl
Bierbichler brilliert als Löschenkohl

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