Das Universum ist eine Bibliothek
Ein Beitrag von Goetz, abgelegt unter Buch, Podcast am 3.April 2008
Jorge Luis Borges und die Essenz ungeschriebener Romane
Zweiter Teil
von Götz Kohlmann
Podcast 32
Götz Kohlmann nähert sich dem Meister der konzentrierten Form – im zweiten von vier Teilen ist er der Lakonie des Ungeheuerlichen auf der Spur.
Die Rätsel des Seins, vor allem das Rätsel der Zeit, und die ewigen Grenzen des menschlichen Wissens haben Borges zu einer Reihe wunderbarer Bilder inspiriert. Seine berühmtesten Erzählungen sind Illustrationen der Unendlichkeit, metaphysische Allegorien. Oftmals begegnen darin die Menschen den Ungeheuerlichkeiten, die ihnen widerfahren, recht beherzt oder fast gleichmütig, man möchte sagen mit gutem Humor; sie sind den geheimen Mächten nicht so verzweifelt, um Erlösung kämpfend ausgeliefert wie etwa Kafkas „Helden“. Borges Großmutter väterlicherseits, Fanny Haslam, war Engländerin, und wahrscheinlich hatte Borges von ihr britische Tugenden wie Unerschütterlichkeit und Nüchternheit geerbt, Tugenden, mit denen er auch manche seiner Figuren ausstattete. Er pflegte das angelsächsische Understatement und verfügte über eine große Portion an Ironie.
Die Wirklichkeit, schreibt Borges, ist in Übereinstimmung mit unmenschlichen Gesetzen geordnet, die wir niemals begreifen werden. Eine Bibliothek, die alle nur möglichen Bücher enthält, ein Ort im Raum, der alle anderen Orte der Welt aus allen Blickwinkeln gesehen in sich birgt, ein handliches Buch mit unendlich vielen Seiten, ein Indiojunge, der nichts zu vergessen und sich alles im Gedächtnis zu bewahren vermag – das sind die Imaginationen, die den Erzählungen „Die Bibliothek von Babel“, „Das Aleph“, „Das Sandbuch“ und „Das unerbittliche Gedächtnis“ zugrunde liegen. Um die Unendlichkeit zu illustrieren, bedient sich Borges immer wieder der „Pars pro Toto“-Figur.
Podcast 29







