Zwischen Kirk und Kafka

Betreten der Gefahrenzone erlaubt – Das erzählerische Werk der Autorin James Tiptree jr. (2)

Ein Interview mit Jürgen Schütz, dem Herausgeber der Werkausgabe der Autorin James Tiptree jr. im Wiener Septime Verlag (Teil Zwei)

– Teil Eins des Interviews findet sich hier. –


Hendrik Schulthe: Als Liebhaber und Sammler sowohl phantastischer Literatur als auch schöner Buchausgaben bin ich natürlich entzückt darüber, dass es zu einem weiteren großen Namen des Genres nun eine vitrinenwürdige Werkausgabe gibt bzw. geben wird. Zugleich ist aber offensichtlich, dass es für einen jungen Verlag auch ein großes Wagnis darstellt, bereits drei Jahre nach Gründung ein so ehrgeiziges Projekt wie eine mit Aufwand (z.B. den Neuübersetzungen) und Sorgfalt edierte Werkausgabe einer Autorin in Angriff zu nehmen, die im deutschsprachigen Raum ja auf den ersten Blick gar nicht so sehr bekannt ist. Wie geht man eigentlich bei der Umsetzung eines solchen Projektes – angefangen vom Erwerb der Rechte und bis hin zum fertigen Buch – genau vor?

v.l.n.r.: Septime Verlagsmitarbeiterin Sabrina Gmeiner, Inhaber (& Interviewpartner) Jürgen Schütz, Übersetzerin Margo Jane Warnken

Jürgen Schütz: Ich nenne es gerne unsere Mt. Everest Besteigung. Ich liebe die Autorin, seit ich mit ihr vor ca. zehn Jahren erstmals in Berührung kam. Nachdem ich den Septime Verlag gründete, war die Idee schnell geboren, „Quintana Roo“ (hier war Bedarf, da dies nicht mal auf Englisch im Moment erhältlich ist) und die Biographie zu veröffentlichen. Als Herzensprojekt.
Wie Sie richtig sagen, niemand kennt die Autorin, und sogar die Agenturen waren skeptisch. Als kleiner Verlag hat man es nochmal schwerer, sogar einen prominenten Autor auszubreiten. Trotzdem verhandelten wir während der Arbeit an „Quintana Roo“ das Gesamtwerk und konnten in der Chronologie QR als Band 5 in die geplante 7-bändige Werkausgabe integrieren.

Für unsere Bergbesteigung war das gerade mal die Ausrüstung. Als dann Denis Scheck auf die Serie aufmerksam wurde, hatten wir aber sprichwörtlich einen guten Bergführer und Aussicht auf Schönwetter. Mittlerweile haben wir ein gutes Übersetzerteam, und die Verkaufszahlen tragen halbwegs die Kosten – von Gewinnen kann man noch nicht reden. Die Presse (Radio, Print oder TV) ist stark interessiert, und wir hatten auch mit der Biographie einen guten Start im ersten Verkaufsmonat.

Die Ausstattung der Bücher wird auch von den Genrelesern hochgelobt und sollte von Anfang an dem Mainstream Publikum die Scheu vor dieser Art Literatur nehmen.
2013 stellen wir um auf ein Buch pro Halbjahr – ich denke, dass wir übers Basislager hinaus sind.

HS: Das beantwortet schon mal die nächste Frage, die ich gehabt hätte, nämlich warum man die Werkausgabe einer im Deutschsprachigen eher unbekannten Autorin ausgerechnet noch mit den selbst für Tiptree eher ungewöhnlichen „Quintana Roo“-Erzählungen eröffnet (die mich persönlich in ihrer Atmosphäre etwas an B. Traven erinnert haben, nicht nur wegen des Bezuges zu Mexiko). Wie würden Sie diese drei Erzählungen Ihrerseits beschreiben?

2011 als Pilotband der Werkausgabe erschienen: Tiptrees Mexiko-Erzählungen „Quintana Roo“

JS: „Quintana Roo“ ist etwas ganz Besonderes – natürlich hat James Tiptree Jr. diese in kurzer Zeit separat geschrieben, aber noch zu Lebzeiten zusammengefasst in diesem Band. Ich mag es wegen der Erzählweise: dass ein Protagonist jemanden trifft und sich diese drei Geschichten erzählen lässt. Somit sind die drei Erzählungen in eine versteckte vierte eingebettet, die das Quintana Roo der (damaligen [80er]) Gegenwart beschreibt. Die drei phantastischen Geschichten dann selbst sind in der Tat anders als der Hardcore Fan gewohnt war (viele Kenner lasen die Erzählungen durch Septime zum ersten Mal). Jürgen Doppler vom Standard schrieb treffend: „Der Septime Verlag hat es geschickt angestellt, mit Band 5 zu beginnen, um die Leser behutsam auf James Tiptree Jr. vorzubereiten“.

HS: Nochmal zum Thema Vorgehen bei der Umsetzung der Werkausgabe – was hat man denn bei so einem Projekt für eine Zeitplanung? Wieviele Leute sind beteiligt? Für welche Auflagenhöhe haben Sie sich zuletzt entschieden?

JS: Derzeit arbeiten sieben Übersetzer an der Werkausgabe. davon sind die Frauen in der Überzahl – darauf legen wir Wert, und es ist beabsichtigt. Tiptree schrieb bewusst wie ein Mann, aber dennoch aus der Sicht einer Frau – wir wollen nicht, dass die Erzählungen maskuliner werden als James Tiptree Jr. sie schrieb. Seit „Zu einem Preis“ ist Bastian Schneider (er hat für Septime z.B. schon eine James Bond-Erzählung übersetzt) Lektor des gesamten Teams und arbeitet mit den einzelnen Übersetzern. Er ist mit dem James Tiptree Jr.-Universum vertraut und achtet darauf, dass zwar jeder Übersetzer seinen eigenen Ton behält – aber dass diverse Fachausdrücke und ähnliches gleich bleiben. Mit Carina Deutsch haben wir danach noch ein Korrektorat für alles.

Die Zeitplanung läuft nun mit so vielen Übersetzern besser: Es wird ständig übersetzt, um einen Vorsprung zu bekommen. Bella Wohl (sie übersetzte u.a. drei Philip K. Dick-Bände der Haffmans-Reihe) ist seit „Houston! Houston!“ (Ende Mai) dabei und arbeitet nun an der Übersetzung des ersten der beiden Romane (vermutlich Anfang 2015 im Handel). Und natürlich ist nun auch, nachdem sie bereits die Biographie übersetzte, Margo Jane Warnken im Team.

Auflagenhöhe: Darüber spricht man nicht gerne, „Qintana Roo“ hatte mehr als 1000 Stück als Erstauflage und ging nach einem Jahr in eine zweite Auflage – reicht es, wenn ich sage, dass die Erstauflage seit „Zu einem Preis“ nun doppelt so hoch ist wie die erste „Quintana Roo“-Auflage 2011? – Auch „Houston, Houston!“ in nochmal erhöhter Auflage. „Zu einem Preis“ steht übrigens ebenfalls knapp vor einer 2. Auflage.

HS: Ehrlich gesagt, finde ich eine erste Auflage von ’nur‘ 1000 hochwertigen Exemplaren, auf die alsbald eine zweite folgt, wesentlich beeindruckender als die übliche mischkalkulatorische Startauflage von 25.000 Exemplaren irgendeines Taschenbuches, bei dem von vornherein klar ist, dass davon zwei Drittel auf Grabbeltischen landen. Denn bei Tiptree können wir wohl sicher sein, dass von diesen Exemplaren die allermeisten auch wirklich gekauft wurden, um gelesewürdigt zu werden… Ein Zitat von einem anderen stillen Privatklassiker von mir, Cordwainer Smith, lautet: „Wenn Dir diese Auswahl gefallen hat, sag es nicht weiter. Die stille Zuneigung weniger Auserwählter ist mir lieber als der laute Beifall der großen Masse. Denn siehst Du, ich habe selbst meine Freude an diesen Geschichten gehabt.“ — Was mich zu der nächsten Frage führt: für wen hat Ihrer Meinung nach Tiptree bzw. Sheldon ihre Geschichten geschrieben? Wen wollte sie erreichen?

Werkstatt-Schnappschuss: Auch das ‚Kleingedruckte‘ will betreut werden – Arbeit am Register der Tiptree-Biographie

JS: Ich denke dass sie alle erreichen wollte. Was leider nicht zwangsläufig bedeutet, dass sie von allen gelesen werden wird. Aber in den über 70 Stories ist für jeden etwas dabei.

HS: Außer einer TV-Umsetzung von ‚The Screwfly Solution‘ in 2006 ist bislang von Tiptrees Werken noch nie etwas verfilmt worden. Hätten Sie eine Idee, welche Geschichte man evtl. auswählen und wie man sie umsetzen könnte [Vielleicht liest das ja zufällig der richtige Drehbuchideensucher…]?

JS: Unbedingt „Houston, Houston bitte kommen!“ – das wäre ein Stoff für einen Film – heute so aktuell wie damals, mit guten Dialogen. Übrigens – dieser Band der Werkausgabe ist gerade frisch erschienen. Aber es gibt genug Vorlagen die verfilmbar wären: „Frauen, die man übersieht“, „Yanqui Doodle“, „Das eingeschaltete Mädchen“ …

HS: Die Nominierung Septimes für den diesjährigen Verlegerpreis der European Science Fiction Society in Kiev war ein schönes Zeichen dafür, dass Ihre Bemühungen auch weit über die Landesgrenzen hinaus Anerkennung finden. Obwohl diesen Preis nun offenbar ein ukrainischer Kollege erhalten hat, tröstet mich, dass dem gleich zwei weitere Nominierungen gefolgt sind: für die beste Übertragung ins Deutsche in 2012 für „Zu einem Preis“ sowie für herausragende Leistungen im Bereich der deutschsprachigen SF für die Tiptree-Werkausgabe im Rahmen des Kurd Laßwitz-Preises. Erneut drücke ich Ihnen die Daumen. Was haben solche Nominierungen denn eigentlich für ein Echo für einen Verlag? Sind das – um Ihre Metapher aufzugreifen – belastbare Steigeisen auf dem Weg nach oben?

JS: In jedem Fall sind diese Nominierungen etwas Besonderes. Sie zeigen uns, dass uns die SF-Gemeinde Recht gibt und nicht enttäuscht ist, dass wir die Autorin bewusst auch außerhalb des Genres versuchen zu etablieren. Die Nominierungen sind eine große Ehre und ein Ansporn weiterzumachen und nicht aufzugeben, ehe alle Bände erschienen sind.

HS: Ich glaube ohnehin, dass die Genregrenze zumindest in der SF zum größten Teil nur eine Halbseitigkeit darstellt: wer mit SF nichts anfangen kann, pauschalisiert oft gerne und baut dann eine Genremauer um den blinden Fleck herum; aber wer SF und all ihre per se grenzgängerischen Tendenzen mag, der sieht, meine ich, gar keine Genregrenzen – sondern freut sich eben einfach über eine schöne Edition.

Wenn nun der Pokal für Ihre erfolgreiche Umsetzung der Tiptree-Werkausgabe darin bestünde, die Rechte für eine weitere phantastische Werkedition zugesprochen zu bekommen: welche Autorin oder welchen Autoren würden Sie wählen und warum?

JS: Die Besten sind schon weg: James Tiptree Jr. (Septime), Philip K. Dick (Haffmans), Arkadi und Boris Strugatzki (Heyne/Golkonda), und, soweit ich weiss, hat sich ein Verlag auch dem James Bond gewidmet (auch das wurde langsam Zeit).

Aber was noch gut zu Septime passen würde: Kurt Vonnegut Jr., er ist sicher im Himmel. Ich mag ihn als Mensch, ich mag seine Tonart, ich liebe seine Geschichten, und der Bedarf ist da, und obwohl bei Kain und Aber ein paar Erzählbande posthum erschienen sind, wäre eine Werkausgabe von ihm schon toll.

HS: Der wäre mir jetzt gar nicht sofort in den Sinn gekommen, aber, ja, gute Wahl, zweifellos, und er würde Sie mit seinem umfangreichen Werk auch eine gute Zeitlang beschäftigen können. Ich würde allerdings schon meinen, einige sehr gute AutorInnen sind immer noch übrig: Banks, Brunner, Stephenson und noch einige mehr. Was mich zu der Frage führt, was bei Ihnen daheim so im Regal steht – ganz unabhängig vielleicht vom Septime-Programm?

JS: Max Frisch, Roberto Bolaño, George Orwell, Philip K. Dick, Leonardo Padura, Jan Kjaerstad (erscheint nun auch bei uns), Steven Millhauser, Franz Kafka, Die Strugatzkis, Julio Cortázar. Einzelne große Romane: Lolita, Der große Gatsby, Wir, Sturmhöhe, Der Menschen Hörigkeit, Gottes Werk und Teufels Beitrag, Pedro Paramo …

HS: Und letzte Frage für heute – würden Sie uns noch den ein und anderen Ihrer Lieblingsfilme verraten?

JS: Sehr gern, wir lieben Listen: Blade Runner, Matrix, Der englische Patient, Dog Ville, Mulholland Drive, Apocalypse Now, Uhrwerk Orange, Italienisch für Anfänger, Die Reifeprüfung, Blow Up, Das Imperium schlägt zurück, Pulp Fiction, Kill Bill, Im Geheimdienst ihrer Majestät, Viva la Vie, In the Mood for Love, Die Tiefseetaucher, Amarcord, Satyricon, 8 ½, Gattaca, alle 3 von James Dean, und und und … Federico Fellini, Stanley Kubrick und Francis Ford Coppola sind meine Lieblingsregisseure.

HS: Ich bedanke mich herzlich bei Ihnen für das Interview und wünsche Ihnen und Ihrem Verlag weiterhin guten Erfolg!

JS: Dankeschön!


Das Interview führte Hendrik Schulthe für SchönerDenken. Der Text steht wie immer bei uns unter einer Creative Commons-Lizenz.


„Doktor Ain“ – geplant für Anfang 2013

Die Erzählungsbände „Quintana Roo“, „Zu einem Preis“ sowie seit kurzem „Houston! Houston“ sowie „James Tiptree jr. – Das Doppelleben der Alice B. Sheldon“ von Julie Phillips sind bereits erhältlich.

Die Bände „Doktor Ain“, „Yanqui Doodle“, „Liebe ist der Plan“ und „Sternengraben“ sollen in halbjährlichen Abständen folgen.

Frisch erschienen: „Houston! Houston!“

Abrunden sollen das Ganze Tiptrees Romane „Die Mauern der Welt hoch“ sowie „Helligkeit fällt vom Himmel“.

Die auf sieben Bände angelegte Werkausgabe der Erzählungen Tiptrees, erweitert um die umfangreiche Tiptree-Biographie, ist mittlerweile zur Hälfte erschienen.

Aktuelle Informationen über die Werkausgabe finden sich hier.

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