Podcast zwischen Kirk und Kafka

Lust / Christus kam nur bis Eboli

Immer wieder Italien. PJ ist im Sehnsuchtsland der Deutschen unterwegs. Kaum hat man den Brenner passiert und sich in sanften Windungen entlang der Etsch der Region nördlich des Gardasees genähert, wird die Atmosphäre „italienischer“. Die Ortsschilder in Südtirol / Alto Adige sind nun zweisprachig, die Hänge präsentieren sich voller Obst und Wein – irgendwie entspannt man innerlich.

Foto: PJ Klein
Vittoriale mit wesentlichen Teilen des Kreuzers „Puglia“


Am Gardasee dominieren deutsche Nummernschilder, schwäbische und vor allem bayrische Urlaute dringen wie eine Fremdsprache ins Ohr (warum muß der Bayer eigentlich immer so laut reden?). Dann fallen mir zwei Sachverhalte ein: Schwaben und Bayern haben jetzt gerade Pfingstferien und von Süddeutschland ist es nur ein Katzensprung an den „Lago“. Außerdem gehörte die Gardaregion schon im Mittelalter zu Bayern – das erklärt vieles – aber nicht alles.

Am südlichen Ostufer zwischen Peschiera und Malcesine also deutsche Dominanz, die eigenen Italienischkenntnisse (soweit vorhanden) sind absolut überflüssig, man spricht Deutsch. Am Westufer hingegen kann man nach Abzug der touristischen temporären Besatzer „Italiantitá“ in Perfektion erleben, wenn man das Vittoriale besichtigt. Das meistbesuchte Museum Italiens mit 300-tausend verkauften Eintrittskarten jährlich, wurde von Gabriele D’Annunzio konzipiert und von ihm „dem italienischen Volk übereignet“.

Zur Einstimmung empfiehlt sich, eines seiner bekanntesten Werke zu lesen „Lust“, im Original „Il Piacere“. Ein altes Thema – ein Mann und die Liebe; ein Mann und eine Frau, die er begehrt, sie verliert und wieder erobern will. Darum geht es im Roman des italienischen Stardichters, dessen Titel mit „Lust“ nicht ganz treffend übersetzt ist, denn „Il Piacere“ heißt einfach „Gefallen“; anderen gefallen, aber auch sich selbst mit Worten und Taten; das thematisiert D’Annunzio.

Der Rahmen: Rom im ausgehenden 19. Jahrhundert und seine Spielorte der adeligen Gesellschaft mit den Anlässen, die zur Unterhaltung und Zerstreuung der reichen Müssiggänger dienten. Die handelnden Personen: Andreas Sperelli, alter italienischer Adel und blendend aussehend sowie Helena Muti, Witwe und von umwerfender Schönheit. Daneben weitere Angehörige der Oberschicht, die in D’Annunzios Szenen einen illustren Rahmen bilden, der einem klassischen Kostümfilm alle Ehre machen würde. Und D’Annunzio zeigt deutlich, was er von seiner aktuellen Zeit, also den 20er und 30er Jahren, hält:

„In der grauen Sintflut der heutigen Demokratie, in der so viele schöne und seltene Dinge so elend zugrunde gehen, verschwindet auch allmählich eine besondere Klasse des altitalienischen Adels, in der sich von Generation auf Generation eine gewisse Familientradition gewähltester Kutur, von Kunstsinn und Eleganz lebendig erhalten hatte … Die Urbanität der Formen, attischer Witz, feinstes Zartgefühl, Vorliebe für ungewöhnliche Studien, ästhetische Liebhabereien, Leidenschaft für Archäologie, raffinierte Liebeshändel waren im Hause der Sperelli erbliche Eigenschaften … Graf Andreas Sperelli-Fieschi von Ugenta, einziger Erbe, folgte den Familientraditionen.“

Man muß schon Geduld aufbringen, um den detaillierten Beschreibungen des Poeten zu folgen, die wortreich, wortgewaltig die Irrungen und Wirrungen im Seelenleben seiner Figuren und vor allem des Andreas Sperelli auffächern. Die Nebenrollen sind ebenfalls gut herausgearbeitet und kommen nicht zu kurz, so daß der Leser wie in einer Soap Opera den Wendungen der Handlung bestens illustriert folgt.

Die Handlung ist recht überschaubar: Andreas verliebt sich in Helena, verliert sie, stürzt sich darauf hin in hemmungslose Liebschaften, wird bei einem Duell verletzt. Dann taucht Helena wieder auf, inzwischen erneut verheiratet und er will sie wieder erobern. Das Ende lasse ich offen – sage nur soviel: Es geht nicht gut aus … Ebenso wie im wahren Leben die fünfjährige Liebesbeziehung D’Annunzios zur Schauspielerin Eleonora Duse, deren Ende er lebenslänglich betrauerte.

„Il Piacere“ liefert eigentlich das Libretto für eine Barock-Oper; und so facetten- und koloraturenreich wie eine Oper von Mozart oder Händel, so schildert D’Annunzio die emotionalen Schwingungen und Regungen seiner Hauptfiguren. So taucht zwischenzeitlich eine zweite Frauenfigur auf, die den Helden bezaubert, es dürfen auch nicht die Gespielinnen schlichterer Natur fehlen – ein bunter Reigen aus der Welt der Reichen und Schönen vor der Kulisse des ewigen Roms, mit farbenreichster Palette gemalt.

Dieses Ambiente der mondänen Welt hat D’Annunzio für sich selbst geschaffen, indem er am Westufer des Gardasees in Gardone Riviera eine Villa nach seinen Vorstellungen ausbaute und einrichtete. Die Beschreibung der Wohnung Andreas Sperellis in Rom könnte man ebenso gut als Anleitung für den Innenarchitekten des Wohnhauses im „Vittoriale“ lesen.

„Das Zimmer war fromm wie eine Kapelle … Das Bett stand auf einer Erhöhung von drei Stufen; im Schatten eines Baldachins aus venzianischem gerippten Samt … Überall waren außerdem mit erlesenem Geschmack kirchliche Stoffe zum Zwecke des Gebrauchs oder des Schmucks angebracht: Hostienkapseln, Taufbeckenhüllen, Kelchdecken, Meßgewänder und Meßbinden, Stolen, …“

usw. usw. Ganz ähnlich sieht es auch im Reliquienraum aus, den D’Annunzio ausstatten ließ.

Als D’Annunzio 1921 die Villa übernahm (sie gehörte ursprünglich einem deutschen Kunsthändler und war praktischerweise nach dem 1. Weltkrieg beschlagnahmt worden), hatte er sich bereits einen Ruf als Dichter, Schriftsteller und Kriegsheld erworben. Seine kriegerischen Taten passten zu seinem ausgeprägten Hang zur Selbstinszenierung und man könnte sie als „typisch italienisch“ bezeichnen – effektvoll, aber ohne jegliche militärische Wirkung. Andererseits nahmen sie die Denkweise und Symbolik des Faschismus vorweg:

Ende des 1. Weltkrieges flog D’Annunzio mit einer Flugzeugstaffel über das feindliche Wien und warf – nein, nicht Bomben, sondern Flugblätter ab, in denen die Größe Italiens gepriesen wurde. Mit drei schnellen Torpedobooten fuhr er unbemerkt in den Hafen Buccari / Bakar (Kroatien) zwischen die östereichischen Kriegsschiffe und hinterließ neben einem torpedierten Dampfschiff drei launige Flaschenpost-Botschaften mit Freischärlern und regulären Truppen besetzte er nach dem 1. Weltkrieg die Stadt Fiume / Riejka und errichtete dort eine 15-monatige Herrschaft, indem er Fiume als eigenständige Republik ausrief.

Dann suchte er Ruhe und einen Platz für seine Arbeit, seine Genüsse und seine Geliebten (die Gattin hatte sich mit einer Trennung ohne Scheidung abgefunden und wohnte auf dem Gelände des Vittoriale in einer eigene Dependance). Bei einem Gang durch die Privaträume D’Annunzios taucht man in die Phantasiewelt und die Assoziationsräume des Dichters ein, gleichzeitig in die Welt des Andreas Sperelli aus „Il Piacere“. So wie Sperelli Kunstgegenstände, Preziosen und andere Stücke sammelt, so überläd auch D’Annunzio seine abgeschatteten Wohnräume mit tausenden von Sammlerstücken. Eine Manie, die er schon früh zugab.

„Ich benötige aufgrund einer Veranlagung, eines Instinkts das Überflüssige. Meine Geistesbildung verleitet mich unwiderstehlich zum Erwerb schöner Dinge. Ich hätte ebenso gut in einer bescheidenen Wohnung leben können … Aber auf beinahe fatale Weise wollte ich Sofas, wertvolle Stoffe, Perserteppiche, japanisches Porzellan, Bronze- und Elfenbeinstatuen und sonstigen Tand, all diese schönen und unnützen Dinge, die ich mit tiefster, ruinöser Leidenschaft liebe.“

Es scheint nur geringe Unterschiede zwischen dem realen Dichter und dem fiktiven Romanhelden zu geben – bis auf die leidige Tatsache, daß Sperelli über ausreichende Geldmittel verfügt, während D’Annunzio chronisch verschuldet war und einmal sogar eine Zwangsversteigerung von allem Hab und Gut (inklusive Reitpferde) über sich ergehen lassen mußte. Dies wurde erst durch den Duce Mussolini geregelt, der ihn finanziell unterstützte, weil er einen potentiellen Konkurrenten um die Macht in Italien ruhigstellen wollte.

So konnte D’Annunzio mit dem Vittoriale ein Denkmal der Größe Italiens (und seiner selbst) kreieren. Mit seinem eigenen, monumentalen Grabmal, umgeben von Erinnerungssarkophagen an seine Getreuen bei der Eroberung Fiumes, mit einem Freilicht-Theater, mit Wasserfällen und als Gipfel der Memorabila wesentliche Teile des Kreuzers „Puglia“ auf einem Hügel.

Nicht ohne Grund ist das Vittoriale das meistbesuchte Museum Italiens, denn die Produkte eines der berühmtesten Dichter des Landes lohnen sich, bestaunt und auch ein wenig belächelt zu werden; neben außergewöhnlicher Architektur finden sich alltägliche Dinge wie unzählige Kleidungsstücke, Schuhe, usw., bis hin zum Menschlichen, allzu Menschlichen.

Foto: PJ Klein
Wer solch ein Nachthemd trägt und gleichzeitig über seinem Schlafzimmereingang anbringen läßt „Gewidmet dem Genie und der Lust“, der zeigt, wie nahe Genie und Wahn liegen.

Ob D’Annunzio jemals in den tiefen Süden Italiens, z. B. in die Basilikata gekommen ist, weiß ich nicht. Aber Orte wie Bari oder Matera würden nicht in die literarischen Sujets des Dichters passen. Hier kommt Carlo Levi ins Spiel, etwas jünger als D’Annunzio, dennoch zumindest politischer Zeitgenosse, denn er wurde 1935 wegen seiner antifaschistischen Haltung in eben diesen Süden verbannt. Sein Buch „Christus kam nur bis Eboli“ schildert seine Jahre in Lukanien, wie die Basilikata damals genannt wurde, seine Erfahrungen mit der Verzweiflung, der Armut und der Hoffnungslosigkeit der Menschen dort. Sie selbst bezeichnen sich nicht als Christen, denn Christus kam (von Rom) nur bis in das viel weiter nördlich liegende Eboli. Christ sein bedeutet für diese Leute „Mensch sein“, sie sehen sich also nicht als Menschen, weil sie weit ab der Zivilisation dahinvegetieren. Dies erlebt die Schwester Levis – Ärztin wie er – als sie ihn dort besucht. Sie erzählt ihm von ihrer Anreise und Ankunft.

Foto: PJ Klein

„Ich (kam) auf eine Straße, die nur auf einer Seite von alten Häusern gesäumt war und auf der anderen an einem Abgrund entlangführte. In diesem Abgrund lag Matera … Ich begann … in den Grund hinunterzusteigen. Dieses ganz schmale Sträßchen … führt über die Hausdächer, wenn man sie so nennen kann. Es sind Höhlen … Die Türen standen wegen der Hitze offen, und ich sah in das Innere der Höhlen, die Licht und Luft nur durch die Türe empfangen … In diesen schwarzen Löchern sah ich Betten, elenden Hausrat und hingeworfene Lumpen. Auf dem Boden lagen Hunde, Schafe, Ziegen und Schweine. Im allgemeinen verfügt jede Familie nur über eine solche Höhle, und darin schlafen alle zusammen, Männer, Frauen, Kinder und Tiere. So leben zwanzigtausend Menschen … Ich habe noch nie ein solches Bild des Elends erblickt, …“

Diese unerhörten Schilderungen führten dazu, daß Anfang der 1950er Jahre ein Wohnungsbauprogramm für Matera aufgelegt wurde und die Bewohner der „Sassi“, der Höhlen, menschenwürdige Behausungen erhielten. Als vor rund einem Vierteljahrhundert ein deutscher Kunsthistoriker versuchte, Fresken aus einigen der 150 Felsenkirchen rund um Matera zu stehlen, wurde die Welt auf die Stadt aufmerksam.

Wenn man sie heute besucht, erfährt man bei einer Führung durch einige dieser Kirchen, daß Matera nun Weltkulturerbe ist, daß es nirgendwo eine solche Menge von Felsenkirchen mit 1200-jahrealten Fresken gib und daß die Stadt 2020 europäische Kulturhauptstadt sein wird. Eine lokale Initiative kümmert sich um den Schutz und den Erhalt der Kunstdenkmäler. Ja, und die Höhlen, sie demonstrieren die durchgehende Besiedelung dieser Hänge von steinzeitlichen Wohn-Höhlen bis zu den Sassi von heute. Über die Lebensbedingungen damals redet man nicht mehr.

So hat sich Matera innerhalb eines halben Jahrhunderts vom Elendsquartier zum kulturellen Juwel gemausert, das seit den 90er Jahren gerne als Filmkulisse genutzt wird – insgesamt mehr als zwanzig mal; zuletzt in der Neuverfilmung von „Ben Hur“, wo es Jerusalem darstellte. Die grandiose Kulisse konnte allerdings nicht verhindern, daß der Film ziemlich erfolglos blieb.
„Christus kam nur bis Eboli“ wurde selbstverständlich auch verfilmt (1979) und ist wie das Buch eine Liebeserklärung an die Region und ihre Menschen.

Gardasee und Matera – zwischen beiden liegt der ganze italienische Stiefel – und es liegen Welten dazwischen; vielleicht Indiz dafür, daß Italien wohl niemals wirklich vereint sein wird.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Gabriele D’Annunzio
Il Piacere – Lust
Reclam

Carlo Levi
Christus kam nur bis Eboli
Fischer

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