FilmPodcast zwischen Kirk und Kitano

MORDSWETTER: Vorsicht vor dem Blitzeinschlag

Uli Aechtner Mordswetter


Blitz und Donner, Starkregen, lokale Überschwemmung, punktueller Hagel – der Klimawandel bringt extreme Wettererscheinungen mit sich und so kann Uli Aechtner einiges aufbieten, um Menschen in die Bredouille, wenn nicht sogar zu Tode zu bringen. Zuerst aber muß eine Handvoll Kühe dran glauben, die Hauptkommissar Christian Bär beim Joggen frisch entleibt antrifft. Ein Gewitter hat ihn überrascht, ein heftiger Blitz schlägt ganz in der Nähe ein, er trifft einen Baum, unter dem die Kühe Schutz suchten und schon ist es um die Vierbeiner geschehen. Wie, das weiß die Journalistin Roberta Hennig, die einen Job in der Pressestelle des Wetterdienstes bekommen hat und Bär – und damit den Leser – über diese elektrischen Phänomene aufklärt.

„Der Blitz ist offenbar in den Baum gefahren. … Die elektrische Spannung hat sich daraufhin wellenartig im nassen Boden ausgebreitet. Bei den Kühen ist sie in ein oder zwei Beine gefahren, teilweise durch den Körper gezuckt und dann durch die übrigen Beine wieder ausgetreten. Dabei war das Herz im Weg, das ja auch von elektrischen Impulsen angetrieben wird. Und aus war’s.“
„Schrittspannung“, sagte Bär. Dass er darauf nicht selbst gekommen war. Das Phänomen war ihm in der Theorie bekannt, nur hatte er es noch nie erlebt.

Dann wird es ernster, denn auf einem Campingplatz liegt eine junge Frau nach einem Blitzeinschlag tot zwischen den Zelten. Ihr Lebensgefährte ist sinnigerweise Fotograf, der Bilder von Wetterphänomenen schießt. Und sie hatten Streit miteinander gehabt, erfährt Bär.

„Darf ich mal Ihren Ausweis sehen?“
Ein Achselzucken. Dann hatte Bär den Personalausweis in der Hand.
„Maik Herres. … Mein Beileid, Herr Herres. Schaffen Sie es, mir ein paar Fragen zu beantworten?“
„Ja.“
„Die Zeltnachbarn sagen, Sie hätten Streit mit Ihrer Freundin gehabt. …
„Welches Paar hat keinen Streit?“ Maik Herres starrte auf seine Schuhe.
„Worum ging es denn da?“
„Um nichts Besonderes. Wir haben zusammengelebt. Aber Jessika kam mit meiner Familie nicht ganz klar. Schwester, Mutter, Oma. Wie das so ist.“

PJ beim Podcasten, Foto: Thomas LaufersweilerRoberta nimmt den Mann unter ihre Fittiche – sehr zum Missfallen Bärs; ihr Beschützerinstinkt verstärkt sich, nachdem sie erfährt, daß seine Schwester suizidgefährdet im Krankenhaus untergebracht ist. Sie hat u.a. eine panische Angst vor Gewittern. Dann wird auch noch die Mutter der beiden tot in ihrer Waschküche aufgefunden. Ertrunken – durch ein defektes Rückschlagventil konnten die Wassermassen eines Starkregens den Raum überschwemmen. Nachbarn fiel auf, daß der Haushund halb verhungert vor dem Gebäude lag, sie riefen den Tierarzt.

„Der Arme hat sich einen Zahn ausgebissen, als er den Draht von seinem Zwinger zernagt hat.
„Ja, schön. Und was ist mit der Leiche?“ fragte Bär. … Der Tierarzt hatte die Polizei gerufen, weil er eine Leiche gefunden hatte. … Doch nun hatte der Mann nur den Hund im Sinn.
„Die finden Sie im Waschhaus dort drüben. … Ich habe durchs Fenster geschaut und sah die Frau drinnen am Boden liegen. Die Tür war abgeschlossen. Ich habe das Schloß geknackt, weil ich sehen wollte, ob man ihr noch helfen kann. Als mir der Verwesungsgeruch entgegenschlug, wusste ich, dass nichts mehr zu machen war.“

Drinnen sah es aus wie nach einer Sintflut. Hier hatte kniehoch Wasser gestanden und war wieder abgelaufen. … Der Boden war zentimeterhoch mit schwarzbraun marmoriertem Schlick bedeckt. Die oberste Schicht war eingetrocknet und wies Risse auf, mitten darin lag die Leiche.

Kommissar Bär ist dies alles ein wenig zuviel Unwetter, er glaubt in dem jungen Mann den Täter gefunden zu haben; zumal die Waschküche von außen abgeschlossen worden war. Die dritte Tote – soviel kann ich noch verraten – stirbt an einem punktuellen Hagelschlag, der ihre Windschutzscheibe zertrümmert und sie das Auto an einen Pfeiler steuern läßt. Das ist nun die Kardinalfrage, ist das Wetter in Form von Blitz, Starkregen, Hagelschlag für den Tod von Freundin, Mutter und Großmutter verantwortlich? Oder hat hier ein kaltblütig vorgehender Wetterexperte unliebsame Familienmitglieder aus dem Weg geräumt? Davon ist Bär überzeugt, während sein Chef Becker skeptisch bleibt.

„Sie verrennen sich da in was.“
Bär … blickte seinen Chef aus schmalen Augen an.
„Maik Herres‘ Freundin stirbt an einem Blitzschlag, Seine Mutter kommt durch eine Überschwemmung bei einem Unwetter um. Seine Großmutter verunglückt im Hagelschauer. Wie würden Sie das nennen?“
Becker zog eine Braue hoch. „Eine Reihe unglücklicher Zufälle?“
„Ich nenne es ein dreifaches Tötungsdelikt“, sagte Bär. „Ein Verrückter, der bei einem Blitzwarndienst arbeitet und Gewitter fotografiert, tarnt es selbstredend als Wetterunfall, wenn er jemanden aus der Welt schafft. Sollen wir warten, bis er sich etwas für seine Schwester ausdenkt?“

Roberta hingegen versucht, den manchmal wortkargen, etwas eigenbrötlerisch und verschlossen wirkenden Maik Herres in seiner schwierigen Situation zu unterstützen. Am Ende kommt es selbstverständlich ganz anders, als mancher Leser und der Kommissar vermuten.

Uli Aechtner hat in „Mordswetter“ nach bewährter Manier eine spannende Geschichte konstruiert, die das menschliche und emotionale Element nicht unterschlägt; das trifft sowohl für die schon aus dem Vorläufer-Krimi „Todesrauscher“ bekannte Beziehung zwischen Bär und Roberta zu als auch auf das Familienpsychogramm in „Mordswetter“. Hinzu kommen gut recherchierte Sachinformationen über Wettererscheinungen. Man ist vor allem bezüglich Gewitter nach der Lektüre deutlich schlauer und würde sich gegebenenfalls nur noch mit geschlossenen Beinen am Boden niederkauern. So habe ich das Buch trotz eines etwas gemütlichen Anlaufs gerne gelesen und mußte am Ende eher ungläubig die überraschende Auflösung akzeptieren.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Uli Aechtner
Mordswetter

Kriminalroman
224 Seiten
ISBN 978-3-7408-0160-1


 

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