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Die unsichtbare Macht – Rüdiger Safranski: „Zeit“


PJ liest Rüdiger Safranski „Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen.“

Mit freundl. Genehmigung des Hanser VerlagsIn Zeiten der wachsenden Beschleunigung müssen wir uns – zwangsläufig – mit dem Phänomen der verrinnenden Resource „Zeit“ auseinandersetzen. Dies tut nun auch Rüdiger Safranski, so wie etliche andere schon seit Jahren. Während Karlheinz Geissler, Stefan Klein und sonstige vor allem unter dem Ratgeber-Aspekt schreiben, also: Wer sind die Zeiträuber? Wie können wir wieder mehr Muße, Gelassenheit und Eigenzeit gewinnen?, geht Safranski einen anderen Weg. Er hat schließlich profunde Literaturkenntnisse, hat Biographien Goethes und Schillers geschrieben und den Deutschen ihre Beziehung zur Romantik aufgeschlüsselt („Romantik – Eine deutsche Affäre“). So kommt er von der literarischen Seite und würzt das Ganze mit philosophischen Überlegungen. Er betrachtet die Zeit unter dem Aspekt ihrer Wirkungen. Und er wählt einen ungewöhnlichen Einstieg, er behandelt im ersten Kapitel die Langeweile.

„Die Langeweile lässt uns einen ungeheuren Aspekt des Zeitvergehens erfahren, allerdings auf paradoxe Weise: denn in der Langeweile will die Zeit ja gerade nicht vergehen, sie stockt, sie zieht sich unerträglich hin. Zeit, sagt Schopenhauer, erfahren wir in der Langeweile, nicht beim Kurzweiligen. Wenn man also begreifen will, was die Zeit ist, wendet man sich zuerst am besten nicht an die Physik, sondern an die Erfahrung der Langeweile. Langeweile, so beschreibt William James diesen Zustand, tritt dann auf, wenn wir aufgrund der relativen Leere des Inhalts einer Zeitspanne auf das Vergehen der Zeit selbst aufmerksam werden.“

Wir sehen: Ein gelungener Einstieg, abgefedert mit Zitaten, die man nicht gerade aus dem Ärmel schüttelt. Um bei der Langeweile zu bleiben, Safranski blickt nicht nur literarisch zurück, er stellt aktuelle, durchaus gesellschaftskritische Bezüge her:

„Für jene Langeweile, die von außen kommt, durch Standardisierung und kulturindustrielle Uniformität, gibt es genügend Anlässe, damals und heute, besonders an den Stützpunkten der modernen Nomaden, an den Flughäfen, Bahnhöfen, Malls und Einkaufszentren. In diesen Transiträumen des praktischen Nihilismus geben sich die Zeitvertreiber ein flüchtiges Stelldichein, den Horror Vacui hinter sich und die Flachbildschirme der Sehnsucht vor sich. … Das Gerade und Abgezirkelte … hat die paradoxe Wirkung, daß es ein Gefühl von Enge hervorruft. Das liegt daran, daß die Regelmäßigkeit im Raum dieselbe Wirkung tut wie die Wiederholung in der Zeit. … Der gleichförmig gegliederte Raum entspricht dem Erlebnis des Immergleichen in der Zeit. Beide Male ist die Folge: Langeweile.“

Man hat es schon immer geahnt, aber hier wird es deutlich formuliert. Weiter geht Safranski und befasst sich nach der Langeweile mit der Zeit des Anfangens, eine lustvolle Aktion, gefolgt von der Zeit der Sorge, der vergesellschafteten und bewirtschafteten Zeit; hier übt er wie so manch anderer harsche Kritik an der Unterwerfung der menschlichen Zeit unter das Diktat der kapitalistischen Ökonomie, die bekanntlich zu einer rasanten Beschleunigung geführt hat.

„Die allgemeine Beschleunigung, die mehr Zukunft verbraucht, hat die paradoxe Wirkung, daß sie den Zeithorizont verengt. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf die Probleme von heute, nicht aber auf die von morgen oder gar übermorgen. Die Steigerung der Produktions- und Verbrauchsgeschwindigkeit und die damit verbundene Auslagerung von Risiken in die Zukunft müßte eigentlich kompensiert werden durch eine Entschleunigung, Verlangsamung und eine Tendenz zur Nachhaltigkeit. Aber dazu kommt es in den westlichen Industriestaaten wohl auch deshalb nicht, weil in Gesellschaften mit fallender Reproduktionsrate sich die Mentalität von Endverbrauchern ausbreitet. Die wollen bekanntlich nichts auf die lange Bank schieben, da sie alles von der Gegenwart erwarten, und auf Nachkommen brauchen sie keine Rücksicht zu nehmen.“

Nur ein Bespiel für interessante Überlegungen mit hochaktuellem Gegenwartsbezug, Safranski liefert eine gelungene Verknüpfung von literarisch-philosophischem Diskurs und gesellschaftspolitisch relevanten Gedanken. Er formuliert zudem den für manche neuen Gedanken, daß der Mensch sogar mit der Zeit spielen kann, nämlich im Erzählen.

„Durch die Medien von Sprache und Schrift öffnet sich ein ganzes Universum von Zeiten und Zeitgeschichten, wo die Unumkehrbarkeit des Zeitpfeils nicht gilt. Durch Sprache und Schrift wird nicht nur gegenwärtiges Geschehen von da nach dort vermittelt, sondern es kommt etwas in die Welt, was längst vorbei ist oder was noch aussteht, was es nie gegeben hat oder was es nie geben wird, das Mögliche und das Unmögliche, das Stimmige und das Unsinnige, kurz alles, was es nirgendwo sonst gibt als in der Vorstellung.“

Diese Wirklichkeit zweiten Grades sei durch die digitalen Medien noch einmal ins Riesige gewachsen, was schon zur Warnung vor Realitätsverlust geführt habe.

„Einstweilen allerdings kann man wohl noch eine virtuelle von einer wirklichen Ohrfeige unterscheiden. Allerdings wird es bei der virtuellen und wirklichen Beleidigung schon schwieriger, und dass üble Nachrede töten kann, wissen wir auch.“

Safranski beschließt seine Erörterungen über die Zeit mit einem Kapitel, das sich mit erfüllter Zeit und Ewigkeit befasst. Am Ende bleibt der Mensch, also der Leser mit einem Zwiespalt zurück. Denn man kann die Welt nur erleben, wenn man darin anwesend ist; wenn man selbst verschwindet – wo bleibt dann die Welt?

„Natürlich bleibt sie da, das sage ich mir vom objektiven Standpunkt aus. Aber es bleibt, wie ein Stachel, die paradoxe Beunruhigung darüber, daß nicht nur ich aus der Welt verschwinde, sondern dass eine ganze Welt verschwindet, weil sie die meine war und es keine andere gibt.“

Mit diesem Abgrund des Nichtseins muß man sich abfinden. Womit sich Safranksi nicht abfinden will – und da wird er fast radikal – ist die rasende Beschleunigung, die zusammen mit der Ökonomisierung unserer Gesellschaft entstanden ist und dem geplagten Zeitgenossen jeden Zeitgenuss verdirbt. Die einschlägigen Ratgeber helfen da auch wenig, sie steigern lediglich die Verwirrung und helfen kaum, Zeitsouveränität zu bewahren und Entschleunigung zu praktizieren. Safranski fordert ganz klar …

„… daß tatsächlich nicht mehr oder weniger erforderlich ist als eine neue Zeit-Politik, eine Revolution des gesellschaftlichen Zeitregimes, das den Schutz und die Entfaltungsmöglichkeiten der jeweiligen Eigenzeiten einbezieht, psychologisch, kulturell, wirtschaftlich. Denn es häufen sich die Probleme, die sich aus der Bewirtschaftung der Zeit ergeben, und die alle mit der Rücksichtslosigkeit gegenüber der Eigenzeit zu tun haben. … sind wir doch an einem Punkt angelangt, … wo die Zeit und die Berücksichtigung der jeweiligen Eigenzeit zu einem Objekt der Politik werden muss.“

Deutliche Worte an die Adresse der Politik, von einem der einseitigen Agitation unverdächtigen Literaten. Ich wünsche dem Buch viele Leser, vor allem aus den Reihen der gehetzten Politiker.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Rüdiger Safranski
Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen.
Hanser Verlag, 272 Seiten, 24,90 Euro
ISBN 978-3-446-23653-0


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