FilmPodcast zwischen Kirk und Kitano

Im Banne des Bembel – PJ liest „Todesrauscher“


Wer nicht weiß, was ein „Bembel“ ist, aus dem der „Rauscher“ bzw. das „Stöffche“ ins „Gerippte“ gegossen wird, der erlebt neben spannender Krimilektüre einen Einführungskurs in die Kultur des Apfelweins. Diese prägt nicht nur die Wetterau, also die Region nördlich von Frankfurt, die Normandie und die SaarLorLux-Region, sondern – man höre und staune – auch einen Landstrich in Portugal.

Dieser Apfelwein, genauer gesagt, der Apfelmost in einem riesigen Tank tötet den Mitarbeiter eines Stöffche-Produzenten. Der Mann hatte sich dummerweise just zu dem Zeitpunkt in dem Stahlkörper befunden, als dieser mit süßem Most geflutet wurde.

Terminhinweis!
Am 13. November 2016 um 18.00 Uhr liest PJ mit der Autorin Uli Aechtner aus „Todesrauscher“ im Nackenheimer Ortsmuseum, Kirchberg 2, 55299 Nackenheim.

Erst nach zehn Tagen, die der Gärung dienten, wurde die Leiche entdeckt und damit kommen zwei Handlungsträger des Aechtner’schen Krimis auf die Bühne: Christian Bär, Hauptkommissar mit Eheproblemen und Roberta Hennig, Reporterin mit Figurproblemen.

„‚Wie lange hat der Tote Ihrer Meinung nach in dem Tank gelegen?‘ Nun kaute die Rotbraune an ihrem Bleistift, bereit die Antwort auf ihren Block zu kritzeln. ‚Wie es aussieht, lag er eine ganze Weile darin‘, entgegnete Bär knapp. Es ging sie nichts an. Außerdem mußte er hier weiterkommen …
‚Es wird vielleicht eine Pressekonferenz zu den Ermittlungen geben…wenn Sie mir Ihre Karte geben, lade ich Sie dazu ein. Bis dahin müssen Sie sich leider gedulden.‘
Sie schien zu verstehen, daß er sie wegschicken wollte …
‚Kann es sein, dass ihm etwas in den Tank gefallen ist? Beim Reinschauen? Und dass er hineingestiegen ist, um es noch schnell rauszuholen?‘
Diese Zeitungsreporterin fing an, ihn zu nerven. … Gaffer waren an jedem Tatort die Pest. Und sie war noch dazu vom Typ, der schlaue Bemerkungen machte.“

Damit ist nach 10 Seiten die Konstellation klar: Der obskure Tod eines akkuraten Mitarbeiters, der so penibil war, daß er die Befüllungstermine der Tanks auf die Minute kannte; und die Aufklärungsversuche des Hauptkommissars, die parallel zu den Recherchen der Reporterin laufen, wobei sie sich naturgemäß ins Gehege und in die Wolle geraten. Eine Entwicklung, die von gegenseitiger Sympathie und Abneigung wie in einem Ping-Pong-Spiel geprägt ist. Der Tod im Apfelmost-Tank ist schon rätselhaft genug, umso mehr ein zweiter Mord an dem französischen Jugendfreund der Reporterin, der in einem kleinen Kaff eine Apfelweinwirtschaft im bretonischen Stil eröffnen will.

„Roberta tastete sich in die kalte Dunkelheit hinaus. … ein diesiger Novembernebel behinderte die Sicht. … An der Kelter … lehnte etwas Unförmiges. Ein Sack Torf vielleicht … Der Mond kam hinter einer Wolke hervor und spendete ihr ein wenig mehr Helligkeit. Bevor das, was er offenbarte, Robertas Bewußtsein erreichte, wurde ihr Nacken ganz steif, und ihre Finger ballten sich zusammen, bis sie ihre Nägel schmerzhaft in den Handflächen spürte. Der Sack war ein Mensch. Und der Mensch war Jaques.“

Mit dem zermatschten Kopf eingeklemmt in eine alte Kelter fand er, kaum in Deutschland angekommen, ein tragisches Ende. Zur Entspannung des Lesers erzählt Ulrike Aechtner zwischendurch über die Apfelweinherstellung, man erfährt viel über Apfelsorten und die ökologische Bedeutung von Streuobstwiesen. Außerdem, daß das englische „Cider“, das französische „Cidre“ und das „portugiesische „Sidar“ von der historischen Region Side stammen, in der bereits zu griechisch-römischen Zeiten Äpfel ausgepresst wurden. Daß die mittelalterliche Zwischeneiszeit die Reben aus Regionen wie der Wetterau vertrieb und den Wein aus Äpfeln, den „vinum vice“ (den zweiten Wein) als Ersatz hoffähig machte. Da zeigt sich die journalistische Ader der TV-Redakteurin Aechtner, die sich auch zweifelsohne in der Figur der Roberta Hennig widerspiegelt.

Zwischenzeitlich gerät die Journalistin Roberta selbst in Mordverdacht; sogar Bär, der heimliche Sympathien für sie entwickelte, zweifelt an ihr. Dann wird klar, daß ein geheimnisvoller Unbekannter aus dem Hintergrund agiert und daß er irgend etwas mit der Familie des ersten Ermordeten zu tun hat, ja möglicherweise ein verschollenes Mitglied derselben sein könnte. Und der verstörende Signale sendet. Roberta …

„… schnappte nach Luft, als sie die oberste Treppenstufe erklommen hatte. Im selben Moment stellten sich die Haare ihrer Unterarme auf, und ihre Augen weiteten sich voller Entsetzen. Auf ihrer Fußmatte lagen drei kleine Apfelstücke. Fein säuberlich waren sie nebeneinander aufgereiht. Sie waren ein wenig braun angelaufen und der Größe nach von einem erwachsenen Menschen aus einem Apfel herausgebissen, die Spuren der Zähne waren am oberen Rand noch zu erkennen … Er ist hier, durchfuhr es sie. Er weiß, wo ich wohne … Mit einem großen Schritt stieg sie über die Apfelbissen hinweg, darauf bedacht, sie nur ja nicht zu berühren … Im Zimmer schmiß sie sich von innen gegen die Tür. Ihr Herz wummerte. Sie hatte sich zu weit aus dem Fenster gelehnt und mit all ihren Berichten und Recherchen zu viel Staub aufgewirbelt.“

Ein furioses Finale bringt alles zum aufklärenden Ende. Mehr kann nicht über „Todesrauscher“ erzählt werden, ohne zu viel zu verraten. Mir hat das Buch auch deshalb gefallen, weil es einen gelungenen Wechsel von Spannung und Entspannung aufweist und weil man die gelassene Lockerheit der Bembel-Region gut spüren kann. Liebhaber des „Stöffche“ können sich dieser Pflichtlektüre sowieso nicht verweigern.


Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Uli Aechtner
Todesrauscher
emons Verlag, 256 Seiten
ISBN 978-3-95451-789-3


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