Axel über „Klimakriege“ von Harald Welzer

Es gibt Bücher, die schreibt man in der Hoffnung, dass man Unrecht hat. Das schreibt der Autor von „Klimakriege“ in seinem Vorwort. Und es gibt Bücher, die liest man in der Hoffnung, dass der Autor Unrecht hat. „Klimakriege“ zum Beispiel. Was der Sozialpsychologe Harald Welzer auf knapp 300 Seiten an Analyse der Gegenwart und Geschichtsbetrachtung ausbreitet, um daraus einen Blick in die Zukunft zu werfen, lässt einen schaudern. Mehr Katastrophen, mehr Gewalt. Der Klimawandel ist weit mehr als ein Naturphänomen, er bedeutet einen globalen Kulturbruch, wird Gesellschaften und unser Weltgefüge in einem Umfang verändern, den wir so bislang nicht erwarten. Je länger ich gelesen habe, umso stärker habe ich nach Gegenargumenten gesucht, um Welzer entgegen zu schleudern: Doch, es wird noch alles gut!

Im Grunde macht Harald Welzer klar, dass die von Soziologen wie Ulrich Menzel schon länger für Teile der Dritten Welt benannte Destrukturierung, die Auflösung staatlicher Strukturen, vielerorts noch weiter zunehmen wird. Der Klimawandel spaltet die Welt weitaus stärker als bisher in Gewinner und Verlierer, in Profiteure und Ausgebeutete. Und er macht Gewalt als Lösung wieder hoffähig. Wenn eine 17-Millionen-Stadt wie Lagos wegen des steigenden Meeresspiegel absäuft, wird ganz Westafrika destabilisiert, wird die Herrschaft von Warlords und regionalen Kriegsherren gefördert. Ein Blick in den Kongo lässt ahnen, was sich künftig auch out of Afrika abspielen könnte, Dauerkriege ohne Ende, nicht nur in Darfur, Irak und Afghanistan. Bereits jetzt rüstet sich Europa mit der Europäischen Agentur zur operativen Zusammenarbeit an den Außengrenzen, kurz: Frontex, die immer wieder Aktionen gegen Flüchtlinge etwa im Mittelmeer oder im Umfeld der Kanarischen Inseln durchführt. Die USA setzen auf die befestigte und bewachte Grenze nach Mexiko. Doch auf Dauer wird der Krieg um Ressourcen, der Kampf ums Überleben auch in die reichen Regionen getragen, davon ist Harald Welzer überzeugt.

Er rechnet beispielsweise mit einer Zunahme terroristischer Aktivitäten etwa durch Angehörige von Menschen in benachteiligten Weltregionen. Der mit der Globalisierung von Modernisierungsprozessen wachsende Terrorismus wird durch klimawandel-bedingte Ungleichheit und Ungerechtigkeit legitimiert und verstärkt. Mit der Gefahrabwehr geht ein Freiheitsverlust einher, der sich bereits jetzt abzeichnet, Stichwort BKA-Gesetz oder Stasi 2.0. Hinzu kommt: rechtsfreie Räume à la Guantanamo könnten zunehmen – und schneller allgemein akzeptiert werden als uns allen lieb sein kann. Die Verrohung geht flugs. Ein Blick auf den rapiden Wertewandel etwa im Deutschland der 30er Jahres des letzten Jahrhunderts oder auf die Vorgänge im zerfallenden Jugoslawien zeigt, wie schnell das dünne Häutchen der Mitmenschlichkeit zerreißt und Gewalt als Massenphänomen akzeptiert wird. Das Abraham-Experiment gelingt auch großflächig.

Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch – im Fall des Klimawandels freilich  langsam. Denn die Verursacher im Norden trifft er nicht mit der vollen Härte. Außerdem wird’s erst in fünfzig Jahren richtig ungemütlich . Zudem haben reiche, stabile Staaten eher Möglichkeiten, mit Katastrophen fertig zu werden als die zumeist armen Länder im Süden. Welzer warnt außerdem davor, den Eindruck zu erwecken, es müsste nur jeder den Standbye-Schalter am Fernseher abschalten, dann würden wir das mit dem Klimawandel schon geregelt bekommen. Probleme, die auf das ökonomische Prinzip des Wachstums durch Ressourcenvernutzung zurück gehen, sind nicht durch individuelle Verhaltensmaßregeln zu lösen, so Welzer. Jeder kann etwas tun – leider nicht wirklich. Dabei redet Welzer keineswegs einem wörtlichen „Na, dann nach mir die Sintflut“ das Wort. Ohne individuelles Engagement wird es beim Weiter-so in eine absehbare gewalttätige Zukunft bleiben. Nur Illusionen über Ursache und Wirkung sowie über Verantwortung und Zuständigkeiten sollte sich niemand hingeben.

Das Problem der Klimaerwärmung, schreibt Welzer, ist durch bedenkenlosen Einsatz von Technik entstanden, weshalb jeder Versuch, es durch weiteren, nun aber „besseren“ Technikeinsatz zu beheben, Teil des Problems und nicht der Lösung ist. Das läuft nicht auf eine plumpe Technikkritik grundsätzlicher Art oder Wissenschaftsfeindlichkeit hinaus, sondern stellt schlicht den Wahn des „anything-goes“ in Frage. Klimawandel ist ein kulturelles Problem, für das es primär gesellschaftlicher, politischer Lösungen bedarf. Die Frage lautet nicht: Atomkraft oder Kohle, sonder eher: Wer stellt den Staaten mit Modernisierungsbedarf im Süden kostenlos Technik zur Emissionsminderung zur Verfügung. Vor allem aber: Wie werden die Lasten gerecht verteilt, die durch reduzierten Energieverbrauch entstehen? Das Problem ist: Wir müssten jetzt handeln, wir werden die Auswirkungen aber nicht mehr erleben. Massiver Verzicht auf rein intellektueller Grundlage und rationaler Erkenntnis geplant – das kann im Grunde nicht gut gehen. Dazu ist der Fetisch Wachstum zu verlockend und die Propagandisten der Achse des Guten zu lautstark. Es wird also wohl beim Weiterwursteln bleiben – mit absehbaren Folgen.

Das 21. Jahrhundert, resümiert Harald Welzer, wird weniger von ideologisch motivierten Kriegen bestimmt. Es ist in Ermangelung zukunftsfähiger Gesellschaftsmodelle utopiefern und ressourcennah – es wird getötet, weil die Täter jene Ressourcen beanspruchen, die die Opfer haben oder auch nur haben möchten. Vierzig Seiten Anmerkungen machen deutlich, dass sich Welzer solche Analysen nicht eben leicht gemacht hat, auch wenn sie ein kulturpessimistischer Grundtenor durchzieht. Dennoch und gerade deswegen finde ich sein Buch klug und wichtig. Es zeigt den enormen Handlungsbedarf auf, den unsere technisierten Gesellschaften verursacht haben. Diesen Karren aus dem Dreck zu ziehen wird schwierig. Doch wo Gefahr wächst… Packen wir’s also an oder neudeutsch: Yes, we can! Jetzt erst recht.

Harald Welzer
Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008
336 Seiten, EUR 19,90

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