Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Meister ihres eigenen Schicksals

Prof. Pu empfiehlt: Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land von Gianrico Carofiglio

Dieser Roman ist verstörend. So wie sich Giorgio immer mehr in die Machenschaften seines Freundes Francesco verstricken läßt, kann man sich dem Sog dieser Geschichte nicht entziehen. Giorgio ist Anfang zwanzig:

„Ich war ein vorbildlicher Student. Im letzten Jahr meines Jurastudiums hatte ich das Gros der Prüfungen bereits abgelegt, meine Examensarbeit im Fachgebiet Strafrecht so gut wie fertig und für keine meiner Leistungen weniger als die Höchstpunktzahl erhalten. Im Juni wollte ich meinen Abschluss machen und dann entscheiden, welchen Weg ich einschlagen würde. Entweder Universitätskarriere oder Bewerbung bei der Justizbehörde. Alles war sehr klar, sehr ordentlich, sehr normal. Seit fast zwei Jahren war ich mit Giulia zusammen. Sie war genauso alt wie ich, studierte Medizin und würde Ärztin werden, wie ihr Papa. Sie war zierlich und hübsch. Ich gefiel ihrer Mama sehr. Ehrlich gesagt, habe ich den Müttern meiner Freundinnen immer gut gefallen. Alles lief bestens.“

Auf einer Party lernt er Francesco kennen, der eine merkwürdige, unerklärbare Anziehungskraft auf Giorgio ausübt. Francesco ist charismatisch, befremdend, undurchschaubar und unberechenbar, ein Nichtstuer, der offensichtlich viel Geld besitzt. In allem das Gegenteil von Giorgio. Sehr bald weiht er ihn in das Geheimnis seines Reichtums ein – Poker. Nicht einfach nur Spielen. Francesco ist ein Trickbetrüger und braucht einen Compagnon.

„Und dann wurde mir etwas Schreckliches klar. Etwas, was noch schrecklicher war als alles andere.
Ich wollte es wieder tun.
Francesco las meine Gedanken.
„Hast Du Lust auf eine weitere Partie, in ein paar Tagen? Wir machen halbe-halbe.“
„Aber warum? Du brauchst mich doch gar nicht.“

Er erklärte mir, dass er mich sehr wohl braucht. Man kann, vor allem beim Poker, nicht allein betrügen. Wenn man in einer Runde von ernsthaften Spielern immer dann gewinnt – und zwar viel gewinnt -, wenn man selbst die Karten gibt, werden das die anderen nach kurzer Zeit merken und Verdacht schöpfen. Der Partner ist genauso wichtig wie der Falschspieler. Der eine manipuliert die Karten, der andere kassiert den Gewinn, und alle sind zufrieden. Das heißt, sie sind natürlich nicht zufrieden, aber sie denken, dass sie einfach verfluchtes, aberwitziges Pech hatten.“

Ein Roman überzeugt mich immer dann besonders, wenn er mir Welten eröffnet, um die ich mich im Leben nicht gekümmert hätte. Poker gehört ganz sicher nicht zu meinen Lieblingsthemen. Und doch konnte ich das Buch nicht aus der Hand legen. Wie sich Giorgio nahezu wehrlos immer weiter verstrickt, sich beeinflussen läßt, ja geradezu moralisch verwahrlost, hat mich beschäftigt. Und auch erinnert, wie leicht man doch in diesem Alter Dinge tut, bei denen man sich selbst zuschaut und nur noch wundert. Bei seinen ziellosen Wanderungen jenseits der Pokerabende findet er in einer Buchhandlung ein Zitat in einem Roman mit dem Titel „Der fremde Student“, von dem er sich seltsam berührt fühlt:

„Es ging um die Jugend und ihre „zerbrechlichen Tage, in denen alles, was passiert, zum ersten Mal passiert und uns unauslöschlich zeichnet, im Guten wie im Bösen.“ … „Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land: Die Dinge geschehen dort auf eine andere Weise als hier.“

Die Spirale dreht sich immer weiter, es dauert nicht lange, bis Giorgio seine Freundin verlässt, sein Studium vernachlässigt und seine Eltern meidet, nur noch von einem Spiel zum anderen lebt. Francesco lehrt Giorgio, beim Poker zu betrügen, sie gewinnen viel und leben gefährlich.

„Wir begannen, regelmäßig zu spielen. Drei, vier, maximal fünf Mal im Monat. Meistens in Privathäusern; in seltenen Fällen auch in bestimmten Kreisen, das heißt, in illegalen Spielhöllen. … Es kam vor, daß wir mehr als einmal mit denselben Leuten spielten, aber auch das war Teil der Strategie. Es diente dazu, jeden möglicherweise entstehenden Verdacht auszuräumen.“

Parallel zu Giorgios und Francescos Geschichte gibt es einen zweiten Erzählstrang:

„Tenente Citi betrat sein Büro. Es war Mai mittlerweile, aber draußen regnete es, und es war kalt. Er war ein paar Monate zuvor nach Bari gekommen, in dem Glauben, dass dies eine Stadt sei, in der sich ein heißer Sommer mit einem milden Herbst und einem lieblichen Frühling abwechselte. Mit Winter im Mai hatte er nicht gerechnet. Ebenso wenig hatte er damit gerechnet, mit Arbeit überschüttet zu werden an einer Dienststelle, die in den Achtzigerjahren alle für ruhig hielten. Einem Interimssitz, um seine Karriere voranzutreiben, Capitano zu werden et cetera.
Et cetera.
Er hatte sofort erkannt, dass die Dinge anders standen.
Es gab die üblichen Verhaftungen wegen Drogenbesitzes, Handtaschenraubs, Wohnungseinbrüchen; es gab Einsätze in der Stadt und im Umkreis, wegen Raubüberfällen, Erpressung, Sprengstoffattentaten.
Es gab so etwas Ähnliches wie eine Mafia, die unter der Oberfläche wucherte. Etwas Schemenhaftes, wie die grazile und doch monströse Kreatur, die man hinter der durchscheinenden Schale eines Reptilieneis erahnt. Und dann diese Vergewaltigungen.“

Genial führt Carofiglio die beiden Handlungsstränge zusammen. Es passiert noch viel, bis Giorgio sich aus dieser unheilvollen Verbindung mit Francesco löst – und es Tenente Citi gelingt, die rätselhaften Vergewaltigungen aufzuklären. Und man fast ein wenig erleichtert das Buch schliessen kann …

„Viele Jahre später las ich, dass die pathologische Art des Glücksspiels der Versuch ist, das Unkontrollierbare zu kontrollieren, und dass es den Spielern das Gefühl gibt, Meister ihres eigenen Schicksals zu sein.“

Auch die Krimis von Giancarlo Carofiglio, drei wurden mittlerweile ins Deutsche übersetzt, sind an dieser Stelle – dazu vielleicht später mehr – zu empfehlen!

Gianrico Carofiglio
Die Vergangenheit ist ein gefährliches Land
Goldmann 2009
978-3-442-31183-5