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„Goethe ruft an“: Die Angst vor dem leeren Blatt

Prof. Pu empfiehlt: Goethe ruft an von John von Düffel

Wer unter den Schreibenden kennt sie nicht, die Angst vor dem leeren Blatt, den Kampf um den ersten Satz? Wer hat noch nicht solche ungeliebten Arbeiten wie Fenster- oder Schuheputzen begonnen, obwohl man doch eigentlich am Schreibtisch sitzen sollte … Mir scheint, John von Düffel hat alle, aber auch wirklich alle Zweifel, Gedanken und Probleme zum Thema Schreiben und dem Kampf um Erfolg in diesem köstlich-amüsanten Roman zusammengefaßt.

Der Erzähler, ein namen- und erfolgloser Autor, erhält einen Anruf von Goethe, dem Erfolgreichen.

Goethe ruft an. Er heißt nicht Goethe, aber ich nenne ihn Goethe, weil er so sehr Goethe ist, wie man heute nur sein kann. Ein Klassiker gleichsam zu Lebzeiten. Alles von ihm, nicht nur seine Romane, Dramen und Gedichte, auch die aus dem Ärmel geschüttelten Zeitungsartikel, Interviews, Kommentare, sogar die Servietten, auf die er etwas kritzelt – alles, was er von sich gibt, ist klassisch. (…)
Wir haben zusammen angefangen zu schreiben, Goethe und ich, über zwanzig Jahre ist das her. Inzwischen füllen seine Veröffentlichungen eine Gesamtausgabe in zwölf Bänden, ich fülle nicht mal einen.

Goethe hätte da einen Auftrag für seinen Schriftstellerkollegen, vorausgesetzt, er sitze nicht an etwas Größerem.

Ich sitze an etwas Größerem, aber nicht gerade, sondern seit Ewigkeiten, daher sage ich erst einmal nichts.

Der Erfolgreiche bittet ihn, den

als Schriftsteller getarnten Arbeitslosen,

ihn bei einem Schreibseminar in der Lausitz zu vertreten. Problem: gleich morgen früh sei Abreise. Kein Problem: Er gäbe ihm sein Manuskript vom ersten Seminar, das Original! Gleich würde es ihm seine Assistentin vorbeibringen. Goethe textet ihn so dermaßen zu, daß er nicht in der Lage ist, abzulehnen. Obwohl er sich hundertprozentig sicher ist, der Allerletzte zu sein, der jemandem das Schreiben beibringen könnte. Fräulein Eckermann, die natürlich auch nicht so heißt, bringt ihm das hochheilige Original-Manuskript zum Thema „Leichtschreiben“. Die ganze Nacht über hindert ihn dieser Mechanismus, nicht das zu tun, was gerade am wichtigsten ist, daran, hineinzuschauen.

Als er am frühen Morgen im Wellness-Hotel ankommt, ist er alles andere als vorbereitet. Lediglich die Spitznamen der Seminarteilnehmer sind in seinem verkaterten Kopf hängengeblieben: Fräulein Rottenmeier samt Gatte, der Schwamm und Hedwig Courths-Mahler. Dann beginnt ein Reigen von kleinen und größeren Katastrophen, Diskussionen und Streitereien, Anziehungen und Ablehnungen, Verliebungen und Entliebungen, verzweifelten Monologen und vor allem Drückebergereien vor ersten Sätzen. Dramatische Abgänge werden inszeniert, Konkurrenzkämpfe ausgefochten, Schreibblockaden im Hotelpool weggeschwommen, Lebenslügen auf den Tisch gelegt und stapelweise Papier aus dem Fenster geworfen. Und dann ist auch noch das Goethesche Leichtschreiben-Original-Manuskript verschwunden …

John von Düffel spielt ganz köstlich mit sämtlichen Klischees des schriftstellerischen Daseins. Es scheint, als habe er keinen einzigen Aspekt des Zweifelns und Verzweifelns an der einsamen Tätigkeit des Schreibens vergessen, als wäre er selbst jeder seiner Seminarteilnehmer. Sein Roman unterhält auf hohem Niveau, stimmt aber auch nachdenklich, denn er beleuchtet auf satirische Weise die Nöte derer, die täglich versuchen, „den Roman“ zu schreiben. „Goethe ruft an“ ist im Grunde die literarische Fortsetzung des Dokumentarfilms über von Düffel, in dem er sich beim Schreiben seines Romans „Houwelandt“ beobachten ließ.
Nicht nur dafür zolle ich ihm meine Bewunderung.

John von Düffel
Goethe ruft an
Dumont € 19,99
978-38321-9649-3