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Die Geschichte der Ottilie von Faber-Castell

Prof. Pu empfiehlt: „Eine Zierde in ihrem Hause“ von Asta Scheib

Sicher hat jeder von uns schon mindestens einmal einen Bleistift des Nürnberger Unternehmens Faber-Castell in der Hand gehabt. Schon als Kind stand ich bewundernd vor den Blechschachteln mit den bunten Stiften und roch den einmaligen Duft von Holz und Lack. Der vertraute Name also war es, der meine Aufmerksamkeit auf die Romanbiographie der Ottilie von Faber-Castell lenkte.

Asta Scheib hat ein wunderbares und gut recherchiertes Buch über die Erbin des Hauses A.W. Faber geschrieben. Die tragische Lebensgeschichte dieser interessanten mutigen Frau und die liebevoll-detaillierten Beschreibungen des Lebens um die Jahrhundertwende fesseln bis zur letzten Seite.

Ottilie, schön, melancholisch und im Mädchenpensionat zur höheren Tochter erzogen, wurde 1893 im Alter von 16 Jahren vom Großvater zur Firmeneigentümerin bestimmt. Gleichzeitig verlangte er von ihr, einen Mann zu ehelichen, der die Firma führen könne. Sie solle nicht aus Liebe heiraten:

„Liebe, Lust, das ist nicht mehr als Jahrmarktsgaukelei.“

pflegte er zu sagen. Sie gehorchte ihrem so sehr verehrten Großvater und heiratete Alexander von Castell-Rüdenhausen, einen adeligen Offizier, der sofort in die Firma einstieg. Ihr Dasein reduzierte sich auf das Führen des hochherrschaftlichen Haushaltes, das Kinderkriegen und das Einweihen von Waisenhäusern. Mit 41, nach 5 Geburten, wagte es Ottilie, sich endlich zu dem Mann zu bekennen, den sie seit über 20 Jahren heimlich liebte. Ihre Ehe wurde 1918 geschieden, sie verlor ihren gesamten Anteil an dem millionenschweren Unternehmen und musste jahrelang vor Gerichten um ihren Unterhalt kämpfen.

Sie verbrachte noch 17 Jahre an der Seite des geliebten Mannes, für den sie alles aufgegeben hatte. Ihre Tochter schrieb in einem Brief, sie habe mit Philipp von Brand die vollkommenste Ehe geführt, die sie kenne. Trotzdem, bis heute gilt sie als das schwarze Schaf der Familie. Ihr Porträt im Stammschloss der Faber-Castells ließ die Autorin auf sie aufmerksam werden, als sie den jetzigen Firmenchef interviewte – und der eigentlich nicht über seine Großmutter reden wollte.

Auch in der aktuellen Firmenchronik liest man nach ihrer Heirat im Jahre 1898 kein Wort mehr über sie …

Eine Zierde in ihrem Hause
von Asta Scheib
Rowohlt Taschenbuch 22744
978-3-499-22744-8
€ 9,95