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In den Wäldern

Prof. Pu empfiehlt: Grabesgrün von Tana French

Nach dieser Lektüre konnte ich dann endlich aufhören, alle diejenigen zu beneiden, die die drei Bände Stieg Larsson-Krimis noch vor sich haben. Für mich war der Erstling von Tana French mindestens genau so spannend. Im Mittelpunkt steht der Ich-Erzähler Rob Ryan mit seiner Partnerin Cassie Maddox.

Eins dürfen Sie nicht vergessen: Ich bin Ermittler. Unser Verhältnis zur Wahrheit ist grundsätzlicher Art, aber rissig, verwirrend gebrochen wie gesplittertes Glas. Wahrheit ist das Kernstück unseres Berufs, das Endspiel bei jedem Zug, den wir machen und wir verfolgen sie mit Strategien, die sorgsam aus Lügen und Verschleierung und jeder Spielart von Betrug zusammengesetzt sind. Die Wahrheit ist die begehrenswerteste Frau der Welt, und wir sind die eifersüchtigen Liebhaber, die reflexartig jedem anderen auch nur einen flüchtigen Blick auf sie verweigern. Wir betrügen sie gewohnheitsmäßig, verstricken uns stunden-, ja tagelang in Lügen, und dann drehen wir uns zu ihr um und halten ihr das ultimative Möbiusband des Liebhabers hin: Ich hab das nur gemacht, weil ich dich so sehr liebe.
Ich haben einen Hang zur bildhaften Sprache, vor allem der beliebigen, gefälligen Art. Lassen Sie sich von mir nicht einreden, wir wären ein Haufen edler Ritter, die im edlen Wams hinter Lady Wahrheit auf ihrem Schimmel hergaloppieren. Was wir tun, ist grob und schmutzig. Eine junge Frau liefert ihrem Freund ein Alibi. „…“
Zuerst flirte ich mit ihr, sage ihr, dass ich mir gut vorstellen kann, warum er gern zu Hause bleibt, wo er doch sie hat. Sie ist wasserstoffblond und schmuddelig. „…“
Dann erzähle ich ihr, dass wir markierte Scheine aus der Kasse in seiner edlen Trainingshose gefunden haben und er behauptet, sie wäre an dem Abend ausgegangen und hätte ihm die Scheine gegeben, als sie zurückkam. Ich bin dabei so überzeugend, lege so eine zarte Mischung aus Unbehagen und Mitgefühl ob des Verrats ihres Freundes an den Tag, dass ihr Glaube schließlich zusammenfällt wie eine Sandburg, und während ihr Freund mit meinem Partner im Nebenzimmer sitzt und immer nur sagt: „Leck mich, ich war mit Jackie zu Hause“, erzählt sie mir heulend und rotzend alles (angefangen von dem Zeitpunkt, als er das Haus verließ, bis hin zu seinen sexuellen Defiziten). Dann klopfe ich ihr sachte auf die Schulter, reiche ihr ein Kleenex und eine Tasse Tee – und lasse sie die Aussage unterschreiben.

Rob und Cassie sind ein gutes, erfolgreiches Team und darüber hinaus beste Freunde. An einem langweiligen Tag, den sie mit Computerspielen verbringen, werden sie zu einem neuen Tatort gerufen. Ein elfjähriges Mädchen, Katy Devlin, liegt wie aufgebahrt im Wald von Knocknaree, inmitten einer archäologischen Ausgrabungsstätte. Rob Ryan erstarrt, als er bei der Abfahrt den Namen des Ortes hört. Niemand außer seiner Kollegin weiß, daß er seinen Vornamen geändert und seine Biographie geschönt hat. Niemandem ist bekannt, daß er, Adam Robert Ryan, der Einzige war, der wieder auftauchte, als er und seine zwei Freunde, ein Mädchen und ein Junge, vor 25 Jahren im Wald von Knocknaree verschwanden.

In den Wäldern

Ryan hat keine Erinnerung an diesen rätselhaften Fall, gerade deswegen ließ er ihn nie los. Im Laufe der Handlung wird er immer besessener davon, Zusammenhänge zwischen seiner Geschichte und dem aktuellen Mordfall zu konstruieren. Ohne Rücksicht auf Verluste betrügt und lügt er, setzt er mit voller Absicht seine gute Beziehung zu Cassie aufs Spiel, und verliert irgendwann den Bezug zur Realität. Er verdächtigt, völlig beansprucht vom Wahn, seinen eigenen Fall endlich zu lösen, immer wieder die Falschen, geht zu weit und bezahlt am Ende nicht nur mit dem Verlust seines Jobs.

Fast bis zum Schluß will er nicht wahrhaben, daß Cassie längst sicher ist zu wissen, wer das junge Mädchen mit der vielversprechenden Ballettkarriere auf dem Gewissen hat. Immer wieder bin ich ihm auf den Leim gegangen, so gut führt French einen in die Irre, zeigt immer wieder neue Facetten auf – wie ferngesteuert beginnt man, sogar den jungen Adam Ryan zu verdächtigen, seine beiden Freunde damals umgebracht zu haben.

Dieser Kriminalroman mit seiner zweigleisigen Handlung ist intelligent, manchmal ironisch-amüsant und zu hundert Prozent spannend. Einen besseren deutschen Titel hätte ich ihr allerdings schon gewünscht – „In the Woods“ passt eindeutig besser als das konstruierte „Grabesgrün“. Mit Cassie geht es im zweiten Band auf jeden Fall weiter, ich bin schon sehr gespannt auf „Totengleich – Ein Fall für Cassie Maddox“.

Tana French
Grabesgrün
Fischer-Taschenbuch 2009
€ 8,95
978-3596-17542-0