Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Die Ähnlichkeit

Prof. Pu empfiehlt: Totengleich von Tana French

„… Nichts Verwertbares unter ihren Fingernägeln, sagt das Labor. Anscheinend ist sie nicht dazu gekommen, sich gegen den Mörder zu wehren. Sie untersuchen die Spuren noch immer, aber nach vorläufiger Einschätzung ist nichts Hervorstechendes dabei. Sämtliche Haare und Fasern stammen offenbar von ihr selbst, ihren Wohngenossen oder von diversen Sachen im Haus, sie bringen uns also nicht weiter.
Wir durchkämmen noch immer die Gegend, aber bislang haben wir keine Spur einer Mordwaffe und keine Anzeichen dafür, wo jemand sie überfallen oder ein Kampf stattgefunden haben könnte. Im Grunde haben wir eine Tote und mehr nicht.“
„Wunderbar“, sagte O’Kelly düster. „Schon wieder einer von der Sorte. Wie machen Sie das, Maddox, tragen Sie einen Magnet für beschissene Fälle im BH?“
„Das ist nicht mein Fall, Sir“, rief ich ihm in Erinnerung.

Nein, es ist nicht Cassie Maddox’ Fall, ließ sie sich doch nach dem Knocknaree-Mord, dem ersten Kriminalroman von Tana French, sofort versetzen. Sie wollte ihre Ruhe haben, die Geschichte mit Rob Ryan, so gut es geht, verdrängen und sich an die Schulter ihres Kollegen Sam lehnen.

Die Beziehung zwischen Sam und mir begann ein paar Monate, nachdem ich das Morddezernat verlassen hatte. Ich weiß nicht genau, wie das passierte. Ich kann mich an vieles aus dieser Zeit nicht mehr erinnern.

Doch wie das so ist mit der Vergangenheit, sie holt sie schneller ein als sie es sich wünschen konnte. Sam bittet sie ausnahmsweise und außergewöhnlich aufgeregt zu einem Leichenfund.

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Zögernd und mit einer unbehaglichen Vorahnung macht sie sich auf den Weg und trifft dort nicht nur ihren Freund, sondern auch Frank, ihren Vorgesetzten aus der Zeit ihrer Tätigkeit als verdeckte Ermittlerin.

Frank schlang einen Arm um mich und hob mich in die Luft. Vier Jahre hatten es nicht geschafft, ihn auch nur ein kleines bisschen zu verändern. Ich war mir sogar ziemlich sicher, dass er noch dieselbe abgewetzte Lederjacke trug. „Cassie Maddox“, sagte er, „die beste falsche Studentin der Welt. Wie geht es Dir? Du beim Dezernat für häusliche Gewalt, wieso denn das?“
„Ich rette die Welt. Die haben mir ein Lichtschwert gegeben und alles, was dazugehört“.

Doch das Scherzen vergeht ihr, als sie vor der Leiche steht.

„… ich kannte sie von irgendwoher, ich hatte das Gesicht schon tausendmal gesehen. Dann trat ich einen Schritt vor, um genauer hinzuschauen, und die ganze Welt verstummte, gefror, während Dunkelheit von allen Seiten herantobte und in der Mitte gleißend weiß nur das Gesicht der jungen Frau blieb, denn das war ich.“

Doch da ist nicht nur die frappierende Ähnlichkeit zwischen den beiden Frauen. Das Mordopfer trägt einen Studentenausweis bei sich, der auf den Namen Alexandra Madison ausgestellt ist. Alexandra Madison, genannt Lexie – Cassie Maddox’ selbstkreierte Undercover-Identität, als sie die Studentin spielte, um einen Drogendealer zu fassen. Frank versucht tagelang, Cassie zu überreden, in die Rolle der Getöteten zu schlüpfen, um herauszufinden, wer die Frau mit dem Messer angegriffen hat. Er hat einen ausgefeilten Plan. Sam, ihr Freund und zuständiger Ermittler, schäumt. Doch Cassie erliegt der Anziehungskraft der Undercover-Arbeit und läßt sich auf das gefährliche Spiel ein. Den vier Freunden, mit denen die Tote in einem alten Haus zusammengewohnt hat, wird erzählt, Lexie habe überlebt und kehre bald zu ihnen zurück.

Und dann beginnt Cassies große Herausforderung. Sie spielt einen Menschen, den sie nicht kannte, für Menschen, die das Opfer sehr gut kennen. Das erzählt die Autorin so unglaublich spannend, daß ich mir im wahrsten Sinne des Wortes Verspannungen eingeholt habe, so festgetackert hing ich an diesem Buch. Die Personen sind so präzise, lebendig und detailliert herausgearbeitet, daß ich sogar von Daniel, Justin, Rafe und Abby träumte. Cassie verstrickt sich beinahe in ihrem geliehenen Leben, droht aufzufliegen, doch sie löst den Fall, selbstverständlich. Glücklich ist sie darüber aber nicht …

Ich dagegen bin glücklich über diese Entdeckung, dieses Mal zufrieden mit dem deutschen Titel von „The Likeness“ und darüber, daß Tana French an einem dritten Roman arbeitet.

Tana French
Totengleich
Scherz-Verlag 2009
€ 16,95
978-3-502-10192-5