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„Unser allerbestes Jahr“: Cinephilie!

Prof. Pu empfiehlt: Unser allerbestes Jahr von David Gilmour

Es ist ein Vater-Sohn-Buch, ein Kompendium für Cineasten, aber auch ein Männer-Erläuterungs- und Erhellungs-Roman für Frauen – sie verstehen dann vielleicht ein wenig besser, wie junge und ältere Jungs so ticken. Es ist eine Erziehung des Herzen par excellence und eine wahre Geschichte dazu.

David Gilmour, kanadischer Journalist und Filmkritiker, genehmigt seinem Sohn, die Schule vorzeitig zu verlassen. Er kann nicht mehr mit ansehen, wie Jesse sich quält.

Er war ein sanfter, umgänglicher Junge, aber sehr stolz und völlig außerstande, etwas zu tun, was ihn nicht interessierte, selbst wenn ihm die Konsequenzen Angst machten. Sie machten ihm sogar große Angst. Er bekam miserable Noten, nur die Kommentare waren positiv. Er war beliebt, die Leute mochten ihn, sogar die Polizisten, die ihn verhafteten, weil er die Mauern seiner ehemaligen Grundschule mit Graffiti besprühte (ein paar Nachbarn erkannten ihn, ungläubig, fassungslos). Als der Beamte ihn zu Hause ablieferte, sagte er: „Ich würde mir an deiner Stelle keine Hoffnungen auf eine kriminelle Karriere machen, Jesse. Dafür hast Du einfach nicht das Zeug.“

Die einzige Bedingung des Vaters an seinen Sohn, nachdem der ihm gestanden hat, er möchte nie mehr eine Schule von innen sehen: Keine Drogen und:

Ich will, dass du jede Woche mit mir drei Filme anschaust. Ich suche sie aus. Das ist die einzige Form von Ausbildung, die du bekommst.

Mit freundlicher Genehmigung S. Fischer VerlagSie beginnen ihren „Filmclub“ mit Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“. Gilmour erzählt auf fesselnde und bisweilen auch sehr amüsante Weise Geschichten rund um die Filme, berichtet seinem Sohn und uns von Interviews, die er mit Regisseuren geführt hat, gerät manchmal ins Dozieren, bremst sich charmant-selbstironisch wieder. Es bereitete mir große Lust, seiner persönlichen Filmauswahl zu folgen. Über fünfzig Filme erwähnt er, gesehen haben müssen sie jedoch viel mehr. Er schult den Blick und den Verstand seines Sohnes auf eine einzigartige Weise und begleitet ihn wechselweise durch Liebeskummer und Verliebtheit. Erinnert sich an seine eigenen Jugendlieben, hadert mit sich, als er selbst beschäftigungslos zu Hause herumsitzt und darüber nachdenkt, was die fleißigen chinesischen Nachbarn wohl über sie beide denken könnten.

Es ist ein großes Lesevergnügen, eine geniale Idee für eine Auszeit. Und wie oft habe ich gedacht, ja, diesen oder jenen Film würde ich jetzt auch gerne auf der Stelle sehen. Und wie würde meine persönliche Liste der Herzensbildung-durch-Film-Schule aussehen? Wie wäre das Buch geschrieben von einer Mutter für ihre Tochter? Das sind die guten Lektüren, die mit der Nachwirkung und der Nachhaltigkeit …

Hier noch ein Rat von Herrn Gilmour für alle Filmliebhaber und –Liebhaberinnen:

Wenn man einen Film zum zweiten Mal anschaut, sieht man ihn eigentlich das erste Mal. Man muss wissen, wie er aufhört, um zu erkennen, wie gut er aufgebaut ist.

Einfach schön. Ein großes Danke an die Freundin, die dachte, ich müsse das Buch unbedingt lesen!

David Gilmour
Unser allerbestes Jahr
Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel
Fischer-Taschenbuch € 9,95
978-3-596-18224-4