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Warum sie Feinde wurden …

Axel über Klaus Hemmos Warum sie Feinde wurden. Völkerhaß vom Balkan bis zum Nahen Osten.
Pünktlich zur Buchmesse kamen die Morddrohungen. Wieder einmal. Orhan Pamuk, der türkische Literaturnobelpreisträger, ist es gewohnt, das sein Leben die Zielscheibe von Extremisten ist. Was die Sache nicht besser macht, denn die Ultranationalisten, denen Pamuk und andere Intellektuelle quer kommen, machen ihre Drohungen wo sie können auch wahr. Dutzende Tote gehen noch in jüngster Zeit auf das Konto derer, die die Türkei als Nationalstaat bereits durch simple Worte und Schriften, durch Reden, Gedichte und Literatur bedroht sehen und deshalb zum Waffenterror greifen.

Woher kommt diese Furcht? Und wieso tut sich die Türkei so schwer mit ihrer Gratwanderung zwischen Okzident und Orient, mit ihrer Suche nach Identität? Letzte, unstrittige Antworten gibt es darauf so wenig wie auf die Frage nach den Ursachen des Völkermords an den Armeniern im Ersten Weltkrieg, den Ursachen der Balkankriege der 90er Jahre rund um das Kosovo und der Palästina-Konflikte seit Staatsgründung Israels. Aber wenigstens Näherungen zu diesen Fragestellungen gibt es glücklicherweise, grobe Skizzen, die rote Fäden durch die komplexe Geschichte des Orients legen, in dem so vieles miteinander verwoben ist. Die Geschichte der Türkei ist ohne einen Blick in die Geschichte des Osmanischen Reiches nicht zu verstehen und jenes reichte einst von den Toren Wiens bis Libyen und im Osten bis fast nach Sibirien.

Mein Lieblingsbuch mit solchen Ideen, weshalb frei nach Goethe „hinten, weit, in der Türkei, die Völker immer noch aufeinander schlagen“ heißt bezeichnenderweise „Warum sie Feinde wurden“ und der Titel beschreibt den Inhalt ziemlich treffend. Der Journalist Klaus Hemmo, langjähriger Korrespondent in Osteuropa, hat es geschrieben, und dem Völkerhass vom Balkan bis zum Nahen Osten nahezu 300 Seiten gewidmet. Wir lesen von Enver Pascha, dem türkischen Kriegsminister und Wegbereiter Kemal Atatürks, vom Größenwahn griechischer Nationalisten, deren Eroberungsdrang erst durch Atatürk jäh ausgebremst wurde. Hemmo führt uns das Versagen Großbritanniens im selbst verursachten Palästinakonflikt vor, beleuchtet die Rolle der Großmächte wie Russland, Frankreich und England im Poker um die strategisch wichtigen Stätten des Orients.

Auch dem Krieg in Tschetschenien widmet Hemmo ein Kapitel seines Buches. Und auch hier schimmert immer wieder die zentrale Botschaft des Autors durch: Lernt aus den Erfahrungen!

„Vernunft“, schreibt Hemmo, „hergeleitet aus der Geschichte, muss auch von den Politikern der Großmächte verlangt werden, die letztendlich verantwortlich sind für die meisten ethnischen Auseinandersetzungen und Kriege. Weil sie stets ihre eigenen strategischen und ökonomischen Interessen über die der kleinen Völker gestellt haben, die niemals gefragt wurden, wenn die Mächtigen an den grünen Tischen der internationalen Konferenzen die Grenzen auf dem Balkan, im Nahen Osten oder im Kaukasus markierten oder neu zogen.“

Daran sollten wir denken, wenn wieder einmal – zu Recht – von der Türkei verlangt wird, sich ihrer Geschichte zu stellen, sie kritisch auf zu arbeiten. Historiker mögen über die eine oder andere These und Analyse in „Warum sie Feinde wurden“ streiten, für mich hat das Buch eine Menge erhellende Momente in der Betrachtung des Orients geliefert. Und meine Wertschätzung für diese wunderbare Region, die wir hierzulande so oft unter- und fehleinschätzen, ist dadurch deutlich gestiegen.

Klaus Hemmo
Warum sie Feinde wurden. Völkerhaß vom Balkan bis zum Nahen Osten.
Patmos Verlag, 2001
Derzeit vergriffen, sollte aber in jeder gut sortierten Bibliothek zu haben sein!