Filme zwischen Kirk und Kafka seit 2004

„Method Detecting“: Draht im Blut

SchönerTöten
Martina startet die neue Serie SchönerTöten“ bei SchönerDenken mit „Wire in the Blood“ – „Method Detecting“ at its best

„Eigentlich“ – ein großes und beliebtes Wort zu Beginn, ob beim Schreiben oder Reden. „Eigentlich“ wollte ich ja dies und das … Heute werde ich auch mal vor mich hinrelativieren!

Also: EIGENTLICH wollte ich unsere neue Reihe „SchönerTöten“ mit einem meiner Lieblingsthemen, dem – möglichst attraktiven – Serienkiller im Kinofilm beginnen. Ein Absatz für die Empfehlung von „Mr. Brooks“ ist auch schon geschrieben, aber ich emotionsüberflutetes Ding lasse mich doch immer wieder hin- und wegreißen.

Ihr wißt ja, daß ich ein Serienflittchen bin – und anglophil dazu. Folgerichtig komme ich ja an Blut und Leichen, Verbrechensaufklärung, Stil, Eleganz und einem unvergleichlichen Können auf dem Gebiet der Kriminalliteratur und des Kriminalfilms nicht vorbei: und ehrlich gesagt, habe ich auch niemals versucht, dem auszuweichen, sondern mich breitbeinig mitten auf die glitschigrote, blutverschmierte Fahrbahn gestellt. Ambitionierte Dialoge, tückische Plots, schauspielerische Meisterleistungen rund um herumliegende Leichen – jaaaaaaaaaaaaaaaaa! Dazu noch eine Tasse schwarzen Tees mit Milch und Zucker und ein Bendicks Bittermint, und mein Leben nähert sich der Perfektion.

Nach all den Jahren intensivster Beschäftigung mit der Thematik hat sich in meinem Herzen eine Lieblingsserie etabliert, die in ihrer Einzigartigkeit einen Solitär in der Juwelensammlung meiner Serien-DVDs darstellt.
Für sie habe ich den Begriff „Method Detecting“ erfunden, analog zu dem schauspielerischen Method Acting der Stanislawski/Strasberg-Schule. Lee Strasberg definierte Schauspielen als die „Fähigkeit, auf imaginäre Stimuli zu reagieren“ und entwickelte die vier zentralen Fragen, die sich ein Schauspieler in der Vorbereitung auf das Spiel stellen sollte: Wer und wo er ist, was er dort tut und was dort zuvor geschah.

Nichts anderes macht Dr. Tony Hill, Psychologe und Protagonist der englischen Krimiserie Wire in the Blood (Hautnah – die Methode Hill), gespielt von Robson Green. Der außergewöhnlichen Serie mit drei bis vier Fernsehfilmen pro Staffel (es gibt leider deren nur sechs, da die Produktionskosten durch die aufwendigen Drehbücher, das detailgetreue Ambiente und das arbeitsintensive Rollenstudium bis auf über 700 000 Pfund anstiegen) liegen einige Kriminalromane von Val McDermid zugrunde. Sie spielt in der fiktiven nordenglischen Großstadt Bradfield; gedreht wurde in Newcastle
upon Tyne und in Northumberland.

Ein Fan wider Willen beschreibt sein langsames, aber unverrückbares Mutieren zum Hill-Bewunderer wie folgt:

“Advertising hype usually arouses nothing but resistance in me, so I’ve been a long time coming to watch BBC America’s Wire in the Blood, the „most intense two hours on television.“ I just didn’t feel ready for yet another semi-autistic savant leading investigations. (…) Resolutions are made to be broken, and I did watch it finally—and I’m hooked. Robson Green’s Dr. Tony Hill makes his mental efforts totally transparent, and he’s less a mental magician than an obsessed compulsive completer. If you had my training and access to the police data, his manner says, you could solve these crimes, too. (…) Dr. Hill’s assistance comes from his ability to enter the mind of a serial killer (and sometimes, his victims), sorting clues and juggling evidence until a pattern becomes clear. Clear to Dr. Hill, anyway. Like House, Wire involves some false starts and mistaken diagnoses before the real answer comes clear. (…)This is a well-written drama (…), the result is a thoroughly enjoyable, and (I hate to admit) intense experience.”
“Dr.Prat” :  Bloody Intellectual: BBC America’s Wire In the Blood auf http://blogcritics.org/

Tony Hills operative Fallanalysen und erstellten Täterprofile fußen auf seiner einzigartigen Fähigkeit, in seinem Kopf quasi naturalistisch das Geschehene nachzudenken – auch und gerade aus der Perspektive des Täters. Dabei stimuliert er sich durch Assoziationsketten, permanentes Überdenken, das Testen neuer geistiger Ansätze und grobes motorisches „Ausprobieren“, in dem er z.B. mit der gleichen Taktfrequenz und Heftigkeit wie der gesuchte Mörder den Kopf des Opfers eine Wassermelone auf dem Küchentisch zerschlägt (zu Hills besonderem Charme gehört es, daß Wassermelonenreste dann seine Haare sprenkeln und an der Kleidung kleben). In diesen Momenten mutiert er zu einer komplett anderen Persönlichkeit, die noch schemenhaft ist, in den Konturen noch mindestens drei mal verworfen wird, aber am Schluß ein fast deckungsgleiches Bild des Täters zeigt.

Trotzdem ist Hill kein strahlender Held, er irrt sich, scheitert, zweifelt, verzagt. Er bemüht sich, seine Emotionen beim Nachstellen der Verbrechen nicht flüchtig werden zu lassen, sondern sie beherrschbar und wiederholbar zu machen, gründlich, akademisch, diszipliniert, besessen, immer und immer wieder.

Die große Faszination seiner Person liegt in ihrer Vielschichtigkeit. Hill ist sehr eigen, reserviert, im besten englischen Sinne EXZENTRISCH, auch auf eine akademische Weise geistesabwesend und zerstreut, dabei aber zutiefst BERÜHREND, verletzlich, mitfühlend, ein verinnerlichter Typ, der auch „innen“ die Informationen des Falles verarbeitet und ordnet.

Für Robson Green war es eine der schwersten Rollen seiner Karriere. In einem Fernsehinterview vom 08. Juli 2007 formulierte er es wie folgt:

“It is an incredibly high-pressure part. The preparation and the amount of dialogue involved are intense. You need a lot of concentration. When we’re filming, I spend a lot of time on my own rehearsing and it comes to a point when it’s just overload. It’s a very lonely process sometimes. I have to deliver speeches like an eight-page monologue about narcissistic personality disorder. (…) The storylines are complex and interesting and I know it’s up to me to get it right.”

Die mutigen und verstörenden Filme der Reihe basieren auf Tony Hills TIEFBLICK, aber natürlich hat er auch eine kongeniale – leider dann doch nur auf beruflicher Ebene agierende – Partnerin an seiner Seite, die hart arbeitende und scharfsichtige DI/DCI Carol Jordan, gespielt von Hermione Norris (zu Beginn der vierten Staffel wird sie ersetzt durch DI Alex Fielding, dargestellt von Simone Lahbib). Überhaupt agiert der supporting cast der Hauptdarsteller so exzellent wie Green und Norris selbst – englisch eben.

Ich setze mich bestimmt jetzt bei dem ein oder anderen in die Nesseln, aber: Die Engländer haben es einfach drauf. Dagegen sind beispielsweise diese schrecklich öden oder hysterisch-bemühten, krampfigen deutschen „Tatorts“ eine Qual. Sie sind oft (Ausnahmen gibt es natürlich auch) so unglaublich künstlich, so gewollt, plakativ und platt zugleich.
Bei „Wire in the Blood“ dagegen stimmt jede Geste, jeder Blick, da ist nichts zuviel und nichts zuwenig, keine Unsicherheiten, keine Peinlichkeiten, nur Können, auch was die private, emotionale Ebene der Hauptfiguren angeht und nicht nur in Bezug auf die Mordfälle, die es zu lösen gilt. Beispielsweise schwingt zwischen Hill und Jordan im Hintergrund eine leider nicht gelebte Liebesbeziehung mit, und die ganze Palette möglicher Gefühle spiegelt sich in Antlitz und Körpersprache.

Das Geheimnis könnte u.a. in der Qualität der englischen Drehbücher liegen – Robson Green schilderte einmal in einem Interview, daß die Keimzelle für einen der Filme ein handgeschriebenes DinA4-Blatt war, und die fertige Story im Team in einem gemeinsamen kreativen Prozeß entstand.

Die Fälle selbst sind komplex und oft außerordentlich brutal, nichts für schwache Nerven, und sehr spannend. Wie gut sie reales kriminologisches Können widerspiegeln, zeigt u.a. diese Rezension eines Fachmannes:

“The character development is quite entertaining. (…) The creative and honest mind of the writers is put on the screen with a quality job of directing. I am a detective investigator and I am very critical with “who done it” crime solving type movies. These I would use to show my students when teaching a crime profiling class.”
DI Randucci in der IMDb

Zum Schluß noch ein paar Worte zu dem Originaltitel der Serie: Wire in the Blood: Draht im Blut. Was diese Worte zu bedeuten haben, liegt im Bereich der freien Interpretation. Die Zeile stammt aus T. S. Eliots „Four Quartets“:

The trilling wire in the blood
Sings below inveterate scars
Appeasing long forgotten wars.

Robson Green meint dazu:

“The phrase was taken to mean a genetic kink, something impure and unusual in the blood, that might lead to the kind of psychosis Hill deals with”.

Val McDermid, die Autorin der Dr. Hill und DCI Jordan-Krimireihe,  stimmt ihm zu:

„Who knows what Eliot really meant by that line? Robson’s explanation is as good as any. For myself, I’ve always taken it to be a metaphor for the thrill of adrenaline surging through the bloodstream. But we’ll never know for sure.“