Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

„Auf der Strecke“: Die Wien-Berlin-Connection

Foto: Jan Kus Creative Commons BY-NC-ND


Um 5.10 Uhr schreckt ein Anruf ihres Kollegen Kolonja Kommissarin Anna Habel aus dem Schnupfen-Schlaf.

„A Leich. Im Weinviertel. Im Zug.“
„Auch ich wünsche Ihnen einen schönen guten Morgen, Herr Kollege, ich bitte um nähere Angaben.“ Robert Kolonja mit seinem Floridsdorfer Gemeindebau-Slang reizte Anna auch nach drei Jahren Zusammenarbeit noch immer dazu, in eine sehr gewählte Ausdrucksweise zu verfallen.
„Ich steh da auf einem Abstellgleis der Österreichischen Bundesbahnen, irgendwo zwischen Bernhardstal und Hohenau. Leiche, männlich, zwischen 25 und 30 Jahre alt, aufgefunden im Schlafwagen.“ Auch Kolonja konnte schön sprechen, wenn er sich bemühte. Dennoch blaffte Anna ihn aus reiner Gewohnheit noch einmal an.
„Erschossen, erdrosselt, erstochen oder gar vergewaltigt?“
„Der Doktor Schima is noch nicht da, aber die Leich is in Wien-West in Zug gestiegen und bald darauf war’s scho tot. Jetzt hat er an ganzn Waggon für sich allein.“

Die „Leich“ ist ein junger österreichischer Autor, Xaver Pucher, der „Shooting-Star der deutschsprachigen Literaturszene“. Er war auf dem Weg zu seinem Berliner Agenten, der ihm zu Ehren eine Party geben wollte. Also schaltet Anna Habel die Berliner Mordkommission ein und gerät an Kommissar Thomas Bernhardt. Allein die köstlich-rauhbeinigen Dialoge zwischen den beiden am Telefon sind die Lektüre wert. Wilder Wiener Aktionismus trifft auf leicht depressiven Berliner Zynismus. Über Mangel an Verdächtigen können sich die Ermittler nicht beklagen.

Pucher hatte zwei Freundinnen, einen „besten“ Freund, selbst Schriftsteller, er hatte Kontakte zu einem mächtigen Berliner Immobilienhai, der in die Politik strebt, eine islamistische Vereinigung drohte ihm wegen seines letzten Romans, irgendwann gibt es auch noch Ermittlungen in Kreisen der österreichischen Kommunistischen Partei, alles sehr undurchsichtig. Bis sich herausstellt, dass Pucher glaubte, in maßloser Selbstüberschätzung, den Roman geschrieben zu haben und sich damit im Grunde selbst ans Messer, Pardon, an die Drahtschlinge geliefert hat.

In einem großen Show-Down auf der wichtigsten Verleger-Party der Frankfurter Buchmesse lösen Habel und Bernhardt den Fall auf. Bis dahin gibt es noch zwei Leichen und jede Menge zwischenmenschlicher Verwicklungen. Gut ausgearbeitete Charaktere sind eine große Stärke des Autorenduos, beide hervorragende Kenner der Literaturszene und ihrer beider Städte. Man kommt mit den zwei Ermittlern gut herum in Wien und Berlin – Literatur als Nebenbei-Reiseführer – wunderbar.

Zum Glück gibt es noch zwei weitere Titel der „heiteren deutsch-österreichischen Freundschaft“: „Bis zur Neige“ und „Nach dem Applaus“, auch bei Diogenes erschienen.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste)
Beitragsbild von Jan Kus steht unter CC BY-NC-ND 4.0

Claus-Ulrich Bielefeld / Petra Hartlieb
Auf der Strecke
Diogenes-Taschenbuch € 10,90
978-3-257-24068-9