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„Brokeback Mountain“: Liebe ist eine Naturgewalt!

Ang Lee, Foto: Rex Bennett Creative Commons BY SA 2.0

Die Filmwissenschaftlerin und Ang Lee-Expertin Dr. Isabell Wohlfarth wirft für SchönerDenken einen ganz persönlichen Blick auf die Werke des taiwanesischen Regisseurs.


Die Story

(c) Focus Features / Tobis1963 werden Rancharbeiter Ennis (Heath Ledger) und Rodeoreiter Jack (Jake Gyllenhaal) engagiert, um über den Sommer gemeinsam Schafe auf dem Brokeback Mountain zu hüten. In einer kühlen Nacht kommen sie sich unerwartet näher. Sie erleben romantische Tage fern der Zivilisation. Am Ende ihres Arbeitsauftrags verabschieden sie sich und jeder geht seines Weges. Sie heiraten und gründen Familien, können einander aber nie vergessen. Ist vielleicht doch irgendwo und irgendwann ein gemeinsames Leben möglich? „I wish I knew how to quit you!“

Diese wunderschöne, tragische Geschichte ergreift einen unweigerlich. Es gibt nicht viele Filme, in denen eine Liebe so aufrichtig und eindringlich inszeniert wird. Ennis und Jack sind raue Burschen, die durch ihr Leben driften, bis sie plötzlich von ihren Gefühlen regelrecht übermannt werden – dann lieben und leiden sie bis zur Schmerzgrenze. Ihre Sehnsucht wird zur körperlichen Erfahrung, auch für den Zuschauer.

Worte für das, was mit ihnen geschieht, haben sie nicht. Und weil sie ihre Gefühle erst kaum verstehen können, dann aussperren wollen und schließlich in einer Welt strenger Konventionen unterdrücken müssen, brodeln die Emotionen unentwegt in ihnen. Wenn sie es nicht mehr tragen können, bricht es unkontrolliert aus ihnen heraus. Besonders der menschenscheue Ennis weiß mit seiner Ohnmacht oft nichts anzufangen als zuzuschlagen. Eine beeindruckende Darstellungsleistung von Heath Ledger – dessen gebrochener, verletzlicher Blick im Schatten der Hutkrempe längst den Weg in die Filmgeschichte gefunden hat. Genauso wie das Filmzitat, das Ennis in einem Moment tiefster Verzweiflung an Jack richtet: „I wish I knew how to quit you!“.

Blicke als heimliche Liebesboten

Die Liebe zwischen den wortkargen Männern schleicht sich in unbewussten und heimlich gewagten Blicken heran. Das ist so clever inszeniert, dass man als Zuschauer gebannt zuschaut, obwohl zunächst kaum etwas passiert. In der Zivilisation bleiben den Verliebten meist nur die sehnsuchtsvollen Blicke aus der Ferne. Auf der anderen Seite spürt man in den Augen der Ehefrauen Alma (Michelle Williams) und Lureen (Anne Hathaway), wie schmerzvoll es für sie ist, von ihren Männern emotional isoliert zu werden. Unvergessen ist Almas Blick, als sie die Männer einmal heimlich beim Küssen beobachtet – sie friert geradezu ein, erstarrt im Moment des für sie Unvorstellbaren. Ang Lee inspiziert gnadenlos, was in den Gesichtern passiert, wertet aber nicht, teilt keine Opfer- und Täterrollen zu, sondern zeigt die Figuren als Getriebene ihrer Gefühle. Ein komplexes Netz aus Lieben und Leiden. Der Zuschauer muss selbst ergründen, wessen Schicksal ihm am Herzen liegt.

Glühende Landschaften

Die unberührte Natur wird für Ennis und Jack eine Art Liebesheimat, hier können sie unbeschwerte Stunden verbringen. Diese Freiheit spiegelt sich auch in der Landschaft, die in satten, leuchtenden Farben glüht, magische Wolken-Formationen bewegen sich über einer idyllischen, scheinbar unendlichen Weite. Das reale familiäre Zuhause der beiden ist dagegen ein düsterer, kühler Ort. Die Stadt bedeutet den seelischen Tod für sie. Das Rausgehen wird zum Heimkommen. Hier verspürt man sogar einen Hauch eines Western-Motivs: Der domestizierte Cowboy ist eingeengt und findet nur draußen zu sich selbst – auch wenn das hier symbolisch gemeint ist.

Back Story: Ohje, schwule Cowboys!?

Schon vor dem Kinostart gab es ein großes Echo rund um „Brokeback Mountain“. Konservative, religiöse Gruppen sahen die sexuelle Moral verletzt. Verfechter des traditionellen Western-Genres fürchteten die „Entmännlichung“ des Cowboys. Vertreter für Schwulenrechte dagegen freuten sich über einen Film, der eine homosexuelle Liebesgeschichte zum Hauptthema machte. Letzten Endes verstummten alle ein wenig. Nicht nur, weil dieser Film ein Überraschungserfolg wurde, sondern vor allem, weil er so viele Menschen berührte. Es ist einfach eine große Liebesgeschichte.

Dass die beiden Liebenden schwul sind, ist zwar entscheidend für die Entwicklung der Geschichte, tritt aber in den Hintergrund. Denn die Erfahrung von Liebe ist schließlich universal und allgemeingültig. Diese doch eigentlich selbstverständliche Botschaft und die Tatsache, dass ein Film mit solch einer Geschichte so viele Menschen überwältigte, haben dem amerikanischen Kino einen angenehmen Schub gegeben. Und Mister Ang Lee bekam für seinen selbst ernannten „Post-Western“ den Regie-Oscar. Der Ausdruck „Brokeback“ wurde übrigens zum „Hollyword“ des Jahres gewählt.

Meisterwerk: Anschauen!

Ich habe bewusst „Brokeback Mountain“, Ang Lees neunten Film, ausgewählt, um mit der Reihe zu beginnen. Nicht nur, weil es der bisherige Höhepunkt seines filmischen Schaffens war, sondern vor allem, weil sich in diesem berührenden Film die Essenz seines Kinos perfekt bündelt. Wer einen nachhaltigen Eindruck bekommen möchte vom Ang-Lee-Kosmos, der sollte diesen Film unbedingt anschauen – und sich danach gleich bereithalten für die nächste seiner lustigen, tragischen und bombastischen Geschichten. Aber davon mehr beim nächsten Mal.

Brokeback Mountain
USA, CAN 2005, 134 Min., Regie: Ang Lee

Es geht am 8. September 2013 weiter mit Ang Lees Debütfilm „Pushing Hands“.


Dr. Isabell Wohlfarth, geb. Goessele, arbeitet als Journalistin in Köln. Ihre Doktorarbeit wurde unter dem Titel “Das Kino des Ang Lee: Im Atem des verborgenen Drachen” veröffentlicht. Der Podcast wurde gesprochen von Susanne Hagen.
Hier alle Beiträge der Reihe „Mr. Lee And Me“.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY NC ND 4.0.
Quelle: Dr. Isabell Wohlfahrt, geb. Goessele
Das Foto im Banner stammt von Rex Bennett und steht unter der CC-Lizenz BY SA 2.0


Das Kino des Ang LeeIsabell Gössele
Das Kino des Ang Lee
Im Atem des verborgenen Drachen

Wissenschaftliche Beiträge
aus dem Tectum Verlag
Medienwissenschaften, Band 5
349 Seiten, Paperback, 2009
ISBN 978-3-8288-2046-3