Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

„Die Lebenden reparieren“: Mein Leben, mein Tod, meine Organe

Foto: Army Medicine Creative Commons BY 2.0


Ein Auto-Unfall auf der Landstraße. Nach einem beglückenden nächtlichen Surf-Ausflug auf den stürmischen Atlantik-Wellen der Normandie.

Christophe Alba, Johan Rocher und er, Simon Limbres. Als die Wecker klingelten, haben sie ihre Decken zurückgeschlagen und sind aufgestanden; sie hatten sich kurz vor Mitternacht per SMS zu einer Session verabredet, einer Session bei Mittelwasser, wie man sie zwei- oder dreimal im Jahr bekommt – hoher Seegang, regelmäßige Dünung, schwacher Wind und keine Menschenseele am Spot.

Auf dem Rückweg überschlägt sich ihr Van. Simon, als Einziger nicht angeschnallt, fliegt durch die Windschutzscheibe. Schädelhirntrauma, doch sein Herz schlägt.

Auf einem Internationalen Neurologenkongress im Jahr 1959 verkünden zwei Ärzte ihre Forschungsergebnisse:

[Denn] was Goulon und Mollaret darlegen, lässt sich in einem Satz zusammenfassen, der seine Wirkung entfaltet wie eine Splitterbombe: Das sichere Zeichen für den Tod ist nicht mehr der Herzstillstand, sondern der Ausfall der Hirnfunktionen. Mit anderen Worten, wenn ich nicht mehr denke, dann bin ich nicht mehr.

Mit freundl. Genehmigung des Suhrkamp-VerlagsDie Präzision, mit der Kerangal das Folgende erzählt, erinnert an die Arbeit eines Chirurgen. Doch nicht nur die Präzision, auch die Sensibilität und Empathie, die man von einem Menschen erwartet, der einen anderen Menschen operiert, ersteht in ihrer Erzählweise. Nacheinander lässt sie alle Personen auftreten, die im Falle einer Organspende involviert sind; angefangen von den entsetzten und durch Schmerz gelähmten Eltern und der lange ahnungslosen Freundin von Simon, über die Organisatoren der Datenbank, den Transporteuren der Organe bis hin zu den vielen beteiligten Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern und letztendlich den Organ-Empfängern. Von allen erzählt sie Lebensumstände, prägende Erlebnisse, aktuelle innere Zustände. So entstehen intensive vierundzwanzig Stunden, bis die verschiedenen Transportboxen mit der Aufschrift „Bestandteil oder Produkt des menschlichen Körpers zu therapeutischen Zwecken“ ihre Ziele erreichen.

Allein die Gespräche zur Entscheidungsfindung der Eltern, die sensiblen Fragen des Zuständigen lassen einen beim Lesen atemlos werden, berühren tief. Wie herausfinden, ob der Sohn eine Organspende gewollt hätte? War er ein großzügiger Mensch? War er neugierig? Er verausgabte sich gern, sagt sein Vater. Doch wie hätte er entschieden? Mit zwanzig hat man doch keine Patientenverfügung …

Kerangals Dramaturgie ist perfekt, ihr Stil eine außergewöhnliche, aufklärende und stark berührende Mischung, nüchtern wie eine Reportage, emotional wie ein Roman.
Hätte ich zuvor Zweifel gehabt am Sinn einer Organspende, sie wären mit diesem Buch sicher ausgeräumt.

Maylis de Kerangal
Übers. von Andrea Spingler
Die Lebenden reparieren
Suhrkamp € 19,95
978-3-518-42478-0