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„Emily, allein“: ein sich langsam ausbreitender Zauber

Prof. Pu empfiehlt: „Emily, allein“ von Stewart O’Nan

Es war keine Liebe auf den ersten Blick zwischen Emily und mir. Viele viele Seiten lang wollte ich es immer wieder weglegen und konnte es doch nicht. Dabei sind die Zeiten, in denen ich dachte, jedes Buch muss zu Ende gelesen werden, weil es sonst beleidigt ist, bei  mir lange vorbei … Es geht ein sich nur langsam ausbreitender Zauber von O’Nans Zeilen aus. Als er bei mir angekommen war, freute ich mich jeden Abend auf die alleinlebende Emily, als würde sie gerade bei mir wohnen und wir uns abends zu einem Glas Wein zusammensetzen.

Emilys Mann Henry, mit dem sie fünfundvierzig Jahre verheiratet war, ist schon ein paar Jahre tot, sie lebt ein ruhiges, unspektakuläres Leben in ihrem Häuschen am Rande von Pittsburgh. Ihre erwachsenen Kinder leben in anderen Städten, sie sieht sie nur an Feiertagen. Sie quält sich mit Erinnerungen.

Emily konnte die Bilder nicht verscheuchen, obwohl sie es gerne getan hätte. Sie quälten sie wie eine Migräne, machten sie hilflos und unzufrieden, als wäre ihr eigenes Leben und das der Menschen, die sie geliebt hatte, im Sande verlaufen, nur weil jene Zeit vorbei war, weil sie sogar aus ihrem Gedächtnis verschwand und von dieser tristen Gegenwart ersetzt wurde. Wenn es ihr wie eine andere Welt vorkam, dann deshalb, weil es so war, und all ihre Sehnsucht konnte diese Welt nicht zurückbringen.

Nachdem ihre beste Freundin gestorben ist, verbringt sie nur noch Zeit mit ihrer Schwägerin Arlene. Als diese bei einem Frühstück zusammenbricht, ändert sich Emilys Leben – peu à peu und zunächst kaum merklich. Sie beginnt nun anders über die wichtigen Dinge nachzudenken, reflektierter. Sie schreibt ein Testament, bringt ihren Willen ihren Kindern nahe, die sich lieber nicht damit beschäftigen wollen, haben sie doch ihre eigenen, bisweilen gravierenden Probleme. Sie traut sich, nach einer Ewigkeit, wieder Auto zu fahren, zunächst mit dem uralten Olds ihres Mannes, dann kauft sie sich, zur großen Verwunderung aller, einen kleinen Neuwagen.

Sie war sich nicht sicher, ob Henry ihr Verhalten verstünde. Ihre Eltern würden sie bestimmt nicht verstehen, Allein die Mehrwertsteuer betrug mehr, als ihr Vater für seinen zuverlässigen Plymouth ausgegeben hatte. Es war der höchste Scheck, den sie je ausgestellt hatte, und als sie ihn abriss und dem Händler gab und dann die unverschämte Zahl in die Ausgabentabelle eintrug, befürchtete sie, einen großen Fehler begangen zu haben.

Doch das Auto bietet ihr vollkommen neue Herausforderungen und Perspektiven. Nun ist sie auch nicht mehr von Arlene, der schlechten Autofahrerin, abhängig. Generalstabsmäßig plant sie einen Besuch ihrer Kinder und Enkel, um nach ihrer Abreise fähiger zum Loslassen geworden zu sein. Am Ende ist sie sogar in der Lage, nach langer Zeit des Blockiert-Seins, in ihren kleinen Geburtsort zu fahren, vor dem sie damals regelrecht geflohen ist, das Grab ihrer Eltern zu besuchen, sich auch mit ihrer Kindheit auszusöhnen.

O’Nans Fähigkeit, die großen Gedanken des Lebens und die alltäglichen Nichtigkeiten so miteinander zu verweben, den Leser an Emilys sanfter und stetiger Veränderung teilhaben zu lassen, hat sie zu meiner papierenen Freundin gemacht. Ein literarischer Beweis, daß man nie aufhören sollte, nie resignieren. Ein Lob gebührt auch dem sensiblen Übersetzer Thomas Gunkel, beim Lesen der Zeile „Das ergibt keinen Sinn.“, habe ich innerlich gejubelt. Vielen Dank dafür!

Aber eigentlich liebte ich dieses Buch doch schon gleich zu Beginn, wegen seiner Widmung:
Für meine Mutter, die mich immer zum Bücherbus mitnahm.
Das muss man doch lieben, oder?

Stewart O’Nan
Emily, allein
Übersetzt von Thomas Gunkel
Rowohlt € 19,95
978-3-498-05039-9