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Sieben Sünden

Prof. Pu empfiehlt: „Lässliche Todsünden“ von Eva Menasse

Mal ehrlich, wer kümmert sich heute noch um die sieben Todsünden? Wenn er nicht gerade mal wieder „Sieben“ mit Brad Pitt gesehen hat? Öfter noch sind sie mir als Partygespräch begegnet: Wie war das noch mal? Wie lauten sie? Wer kann sie alle aufzählen? Mindestens eine wurde immer vergessen. Jeder erinnert sich am ehesten an die, deren Eigenschaft ihn am meisten stört. Neid habe ich noch nie vergessen. Welche könnte man am ehesten verzeihen? In unserer sexualisierten Gesellschaft vielleicht die Wollust? Präzise und scharf beobachtet schildert Eva Menasse ihre Episoden über die schlechten Charaktereigenschaften.

Buchcover "Lässliche Todsünden", Foto: Prof. Pu

Es braucht einige Seiten, bis man ihre Absichten erkennt. Vor Spannung las ich immer schneller um herauszufinden, wann und wo in der Erzählung die Habgier, der Hochmut, die Trägheit auftauchen, wie sie die Gefräßigkeit verpackt und wann sie den Zorn erstehen läßt.  Es sind Alltäglichkeiten. Ein Mann versäumt eine Liebe, in der er sich aufgehoben fühlen könnte. Wenn er sich nicht aus Trägheit von seiner Ex-Ehefrau und den Kindern einspannen lassen würde:

„Natürlich hielt sich Fritz für einen reflektierten Menschen. Karin hatte ihm oft genug vorgeworfen, dass er träge sei, aber wenn er sich treiben ließ, dann, hielt er sich zugute, tat er das immer im vollen Bewusstsein. Dass ihm einiges über sich selbst entging, hätte er vehement bestritten.“

Manchmal geht auch um Unterlassung. Eine Frau hält sich mit Allergien und Krankheiten ihren liebevoll um sie besorgten Mann vom Leib. Er duscht kalt, wünscht sich aber etwas anderes:

„Meine Frau ist fit, dachte Rument, fast trotzig, und versuchte, sich selbst gedanklich irgendwie zu neutralisieren, alles, was sonst immer mitschwang, wegzublenden, so als wäre er nicht er und Joana nicht Joana mit all ihren Geschichten, als wäre er einfach nur irgendein Mann, der sich am Sonntagmorgen ganz selbstverständlich in seiner Frau versenken wollte. Und er packte den Milchkaffee und ging ins Schlafzimmer.“

Eine Familie in ihrem Wochenendhaus: Die Geschichte über den Zorn erzählt nicht nur von der, mindestens innerlich, ständig aufgebrachten Ehefrau und Mutter, sondern auch von ihrem Sohn:

„Joshi, der so charmant, kreativ und witzig sein kann, hat von klein auf eine dunkle, unerreichbare Seite, the dark side of the moon. Wenn er sich dort verschanzt, hat niemand mehr Zugang zu ihm, aber Ilka findet verstörend, wie unglücklich er dort ist. Nein, das lässt sie sich nicht einfach einreden, dass Joshi sich besser distanziert als Alina. Das riecht ihr zu sehr nach der aalglatten Problementsorgung, die unter modernen Müttern so beliebt ist: Mein Kind spinnt zwar komplett, aber ich bin riesig stolz auf seine Besonderheit.“

„Habgier“ ist die Geschichte einer jungen Journalistin, die für einen Rechercheauftrag spät, viel zu spät das ihr natürlich zustehende Honorar einfordert. Sie handelt sich unangenehme Verwicklungen und peinliche Begegnungen ein – ach, hätte sie doch nur verzichtet …
Ein besonderes Schmankerl, um im Idiom der Autorin zu bleiben: Die Erzählung spielt teilweise im Archiv eines Fernsehsenders, meines Wissens die einzige literarische Ode an diese Art Einrichtung.

Sprachlich ein Hochgenuß, setzt Eva Menasse mit den Worten Zorn oder Neid Verweise von einer Geschichte auf die andere. Sie verwebt spinnennetzfein die Geschichten miteinander. In jeder Episode kommt ein Ort oder ein Name vor, der in einer anderen wiederum eine Hauptrolle spielt. Man bewegt sich in den gleichen Kreisen, kennt diesen oder jenen Schriftsteller, trifft sich im „Blaubichler“, in der die kränkelnde Joana bedient.

In einer anderen Geschichte stirbt der Bruder ihres Mannes Rument, dem die von allen aufgesuchte Gaststätte „Blaubichler“ gehört. Wunderbar, diese leise aufblitzenden Verflechtungen, ähnlich dem Werk Giorgio Bassanis, in dessen Romanen die Hauptpersonen des einen Buches Nebendarsteller im anderen sind. Und was die Moral von der Geschicht’ betrifft: Nach der Lektüre beobachtet man sich ein wenig anders, auch ohne grosses Glaubensbekenntnis …

Eva Menasse
Lässliche Todsünden
Kiepenheuer & Witsch € 18,95
978-3-462-04127-9