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Monster im Eis und gefrorene Engel

Nele erklärt, warum es sich auch heute noch lohnt Mary W. Shelleys „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ zu lesen.

Mary Wollstonecraft Shelleys Werk „Frankenstein oder der moderne Prometheus“ ist veraltet und zeitlos zugleich. Stilistisch mutet der typisch gotische Schauerroman verstaubt an. Verklärte Landschaftsbeschreibungen und klischeehafte Gefühlsregungen begleiten den Leser durch das schwärmerische Werk. Wenn er jedoch bereit ist, sich durch Shelleys romantische Wälder zu kämpfen, eröffnet sich vor ihm die Lichtung einer faszinierenden, noch heute aktuellen Thematik.

Victor Frankenstein und sein Monstrum wurden in Mary W. Shelleys Kopf während einer verregneten Sommerfrische im Jahr 1816 am Genfer See geboren. Angesichts des mangelnden Freigangs kam in einer illustren Runde, der unter anderem auch Lord Byron angehörte, die Idee auf, dass jeder eine Gruselgeschichte zu erzählen habe.

Die von Mary W. Shelley wurde etwas ausschweifender. Der 1831 anonym erschienene Roman in Brief- und Berichtform erzählt die (in unzähligen Verfilmungen falsch zitierte) Geschichte eines ebenso ehrgeizigen wie zerbrechlichen jungen Forschers, Victor Frankenstein. Er studiert in Ingolstadt Naturwissenschaften. Fasziniert von den Lehren der Lebendigkeit macht er sich auf die Suche nach der „Ursache von Fortpflanzung und Leben“ – und wird fündig. Er fleddert sein unappetitliches Material illegal aus Leichenhäusern zusammen und beginnt einen Menschen zu bauen. Sein Ziel:

„Eine neue Menschengattung würde mich als ihren Schöpfer und Entdecker preisen; viele glückliche und vortreffliche Geschöpfe würden mir ihr Leben verdanken. Kein Vater konnte solchen Anspruch auf die Dankbarkeit seines Kindes erheben wie ich.“

Der hehre Anspruch des Forschers scheitert an seinem schwachen Nervenkostüm: Beim grausigen Anblick der „Frucht seiner Neugier“ bricht er direkt zusammen. Ohne einen weiteren Gedanken an den „Dämon“ zu verschwenden reist er bald ab zu seiner Familie. Sein „Kind“ verfolgt ihn, muss sich aber erst mal alleine durchschlagen. Ausgestattet mit einer erstaunlichen sozialen Intelligenz, bekommt es immer wieder schmerzlich zu spüren, wie oberflächlich die Menschen sind. Niemand ist bereit ihm zuzuhören, weil es so schaurig aussieht. Bald eskaliert die Situation. Der kleine Bruder von Victor wird das erste Opfer von Frankensteins Kreatur, das ihn aus Verzweiflung über seine Ablehnung tötet. Die mangelnde Fürsorge des Forschers für das von ihm geschaffene Wesen kostet noch einige Rache-Opfer. Schließlich beendet ein dramatisches Finale im ewigen Eis den  Kampf vom Schöpfer und seinem verratenen Henker.

Das Monster kämpft in einer unmenschlichen Welt um die Anerkennung der Menschen. Und verliert dabei immer wieder. Shelley lässt den Leser tiefstes Mitleid für ihre Kopfgeburt empfinden. Victor Frankenstein nicht. Selbst als sein Monster an ihn appelliert:

„Wie kann ich dich erweichen? Kann kein Flehen dich bewegen, auf dein Geschöpf, das deine Güte und Barmherzigkeit anfleht ein mitleidiges Auge zu werfen? Glaub mir, Frankenstein, ich war gutherzig, Liebe und Menschlichkeit erfüllten meine Seele, aber bin ich nicht allein, jämmerlich allein?“

bleibt er kalt.  Victor Frankenstein sieht in seinem Werk nur eine „abscheuliche Bestie“ für die er keine Verantwortung tragen muss.

Der „moderne Prometheus“, wie Frankenstein im Untertitel von Shelleys Roman genannt wird, unterscheidet sich von seinem antiken Vorbild darin, dass er nicht mehr dafür sorgt, dass es seine Schöpfung warm hat. Auch wenn Shelleys Vision in Bezug auf die wissenschaftlichen Details ziemlich naiv wirkt, hat die Autorin – vielleicht unfreiwillig – in ihrem Werk die ethischen Hintergründe der Forschung behandelt.

Und damit Denkanstöße geliefert, die auch heute noch aktuell sind. Mit dem Unterschied, dass das Sammeln von organischem Material in Leichenschauhäusern inzwischen durch das Hantieren mit sauberen Reagenzgläsern ersetzt wurde.  Biotechnologie statt Biobausatz. Ein aktuelles Beispiel ist der viel beachtete und mit dem Prix du Public der Visions du Reél in Nyon ausgezeichnete Dokumentar-Film „Frozen Angels“, der 2005 auf dem Sundance-Festival  uraufgeführt wurde. Frauke Sandig und Eric Black stellen in ihm Befürworter und Gegner der kreierenden Wissenschaft vor. Die Kulisse bietet das „Mekka künstlicher Fortpflanzung“, Kalifornien. Bill Handel, Radiomoderator und Besitzer einer Leihmütteragentur, beschreibt in „Frozen Angels“ Online-Samenbänke begeistert als virtuelle Supermärkte, wenn er sagt:

„Das Internet hat das Samengeschäft revolutioniert. Man kann nach Kriterien wie Haarfarbe, Haarstruktur, Hautfarbe, Rasse, Gewicht und Größe auswählen. Man kann Athleten wählen, sämtliche Sportarten, bis hin zur Couch-Potato“.

Handel sieht sich, wie Frankenstein, als einen Teil einer revolutionären Bewegung. Genau wie die blonden und blauäugigen Leihmütter und Eiszellenspenderinnen, die durch ihre Naivität Erstaunen hervorrufen und sich als „Engel“ betrachten, die den Menschen helfen. Dass sie mit ihrem Handeln unterstützen, dass Menschen zu Designobjekten werden und sich damit gegen eine individuell ausgerichtete Gesellschaft entscheiden, sehen sie nicht.

Man muss kein fundamentalistischer Christ sein, um das Treiben von Frankensteins Enkeln gruselig zu finden. Ihre „vortrefflichen Geschöpfe“ werden heute im Katalog zusammengestellt. Mary W. Shelleys Schauerroman ist so in perfektionierter Form wahr geworden.

Ein Beitrag von Nele F.C. Schüller

Mary Wollstonecraft Shelley
Frankenstein oder der moderne Prometheus.
Aus dem Englischen von Ursula und Christian Grawe. Reclam Verlag. 327 Seiten. 7,00 Euro
Englisches Original zum Beispiel von  Penguin Classics erhältlich
Informationen zum Film „Frozen Angels“ unter www.frozen-angels-der-film.de