Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

„Freiheit“: „Das kann nicht gut gehen“

Prof. Pu empfiehlt: „Freiheit“ von Jonathan Franzen

„Der Mensch ist zur Freiheit verdammt“

sagte Jean-Paul Sartre. Der Satz ist mir erst nach der Lektüre des neuen Romans von Franzen wieder begegnet, passt aber zu den Protagonisten ganz hervorragend. Walter und Patty Berglund, beide in den 1960er Jahren geboren, leben mit ihren beiden Kindern, Joey und Jessica, in einer viktorianischen Villa in einem Mustervorort von St. Paul. Sie, ehemalige Leistungssportlerin, möchte Idealhausfrau und Vorzeigemutter sein, er, ein früher Umweltpionier, arbeitet für eine Stiftung, die sich dem Vogel- und Naturschutz verschrieben hat.

„Patty Berglund war für alle Fragen ein reicher Quell, ein sonniger Überträger von soziokulturellen Pollen, eine freundliche Biene. Sie war eine der wenigen nicht-berufstätigen Frauen in Ramsey Hill und notorisch abgeneigt, gut von sich selbst oder schlecht von anderen zu sprechen. Sie sagte, sie gehe davon aus, eines Tages von einem Schiebefenster „geköpft“ zu werden, deren Gewichtsschnüre sie selbst ausgewechselt habe. Ihre Kinder würden „wahrscheinlich“ an Trichinose sterben, weil sie Schweinefleisch nicht immer lange genug brate. Sie fragte sich, ob ihre „Abhängigkeit“ von Abbeizmitteldämpfen wohl damit in Zusammenhang stehe, dass sie „überhaupt keine“ Bücher mehr lese. Sie gestand, seit dem, was beim „letzten Mal“ passiert sei, habe Walter ihr „strikt verboten“, seine Blumen zu düngen.“

Doch hinter den Musterfassaden äusserlicher und innerlicher Natur bröckelt es, nach und nach bricht einiges zusammen. Vor der Überliebe seiner Übermutter flieht der Sohn zu den prolligen Republikaner-Nachbarn und heiratet später auch noch heimlich deren Tochter Connie, seine Freundin aus Kindertagen. Jahrelang hat er versucht, sie zu verlassen, loszuwerden, zu betrügen. Schon als Student verdient er Geld mit höchst dubiosen Geschäften in Zusammenhang mit dem Irak-Krieg und wendet sich dann selbst den Republikanern zu.

Alles Dinge, die seinen Vater provozieren, ihn, dem Pazifisten, Naturschützer und verschrobenen Kämpfer gegen das Bevölkerungswachstum. Patty verfällt nach Joeys Auszug in Depressionen, trinkt zuviel und betrügt Walter mit seinem einzigen Freund, in den sie seit ihrer Jugend verliebt ist: Richard Katz, Rocksänger, Bohemien und das hundertprozentige Gegenteil von Walter. Nach den vielen Jahren, in denen sie davon besessen war, ihren Eltern zu demonstrieren, alles besser machen zu können, muss sie feststellen, dass sie sich in erster Linie selbst betrogen hat. Wie sagte Franzen in einem seiner zahllosen Interviews:

„Wenn in einem Franzen-Roman jemand sagt, er will es anders und besser machen, dann weiss man schon, das kann nicht gut gehen.“

Und es geht auch vieles nicht gut. Walter erfährt durch eine mit großer Lässigkeit ausgeführten Gemeinheit Richards von Pattys Verhältnis mit ihm und wirft sie aus dem Haus. Er flüchtet sich in die Arme seiner jungen Assistentin, doch das Glück mit ihr währt nicht lange. Er verliert seinen Job bei der Waldsängerberg-Stiftung, weil er in der Öffentlichkeit einen Wutausbruch bekommt statt eine Rede zu halten. Er wird ein verschrobener, von den Nachbarn streng beäugter Eremit, der Katzen neonfarbene Lätzchen umbinden will, damit sie keine Vögel mehr jagen können.

„Als Patty über ihre Kinder von der irrwitzigen Rede hörte, die er in West Virginia gehalten hatte, verzweifelte sie erst recht. Es schien, als hätte Walter sich nur von ihr trennen müssen, um ein freierer Mensch zu werden. Die alte Theorie, der sie beide angehangen hatten – dass er sie mehr liebte und brauchte als sie ihn –, war falsch gewesen, es verhielt sich genau umgekehrt. Und nun hatte sie die Liebe ihres Lebens verloren.“

Nur die Geschwister Joey und Jessica brachte die Trennung ihrer Eltern wieder näher zusammen. Walter und Patty hatten alle Freiheiten, ihr Leben zu gestalten – und sie haben es vergeigt. Doch zum Schluss gibt es einen leisen Hoffnungsschimmer. Am Ende der 730 Seiten versinkt dann doch nicht alles in Depression, so oft dieses Wort auch immer wieder vorkommt.

Ob es mir weniger ins Auge gefallen wäre, wenn ich nicht gewusst hätte, dass Franzen beim Schreiben selbst unter Depressionen gelitten hat? Und unter welchem Aspekt hätte ich seine langen Ausführungen zu Singvögeln betrachtet, wüßte ich nicht, dass Bird-Watching sein Hobby ist? Wie sagte Götz von Tausendundein Buch so treffend, als ich ihm davon erzählte: „Ein Autor sollte sein Hobby nicht zum Gegenstand seines Romans machen.“ Danke Götz, das finde ich auch. Doch, das hatte Längen. Ich hätte das Buch sehr gerne in ein paar Tagen verschlungen, so sehnsüchtig, wie ich neun Jahre darauf gewartet habe. Mein Lesezeitmangel und eben jene gewissen Längen haben die Lektüre etwas zäh werden lassen. Ich vermisste das hundertprozentige Abtauchen ins Geschehen.

Trotzdem: Franzen entwirft auf geniale Weise umfassendste Biografien seiner Protagonisten. Lange noch nach dem Lesen muss ich noch an sie denken, als wären sie reale Bekannte. Das zeichnet ihn aus und ich warte ab sofort wieder auf den nächsten Roman. Amerikas weisse Mittelschicht in all’ ihren Facetten abzubilden und dazu das aktuelle Weltgeschehen mit einzubinden, das ist seine große Stärke. Sprachlich sind seine Romane ein Hochgenuss. Trotz meiner leisen Enttäuschung über „Freiheit“ wird er mein amerikanischer Liebling bleiben.

Jonathan Franzen
Freiheit
Rowohlt € 24,95
978-3-498-02129-0