Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Große Kunst en miniature

Prof. Pu empfiehlt: Kleine Leute in der grossen Stadt von Slinkachu

Schon als Kind liebte ich alles in Miniaturform. Am liebsten spielte ich mit Puppenhaus und Kaufladen, wegen des kleinen Geschirrs, der Waschpulverschachteln en miniature und der Früchte aus Marzipan, die ich nie hätte aufessen können. Nie werde ich die grosse Puppenstubensammlung einer Kollegin vergessen. Nicht ohne Grund habe ich heute wenigstens eine kleine Sammlung von Minibüchern. Kein Wunder also, dass ich mich nach einem Fernsehbeitrag sofort zu Slinkachus Kunst hingezogen fühlte.

„Ich mag den Gedanken, dass gar niemand meine Arbeiten sieht. Denn wir alle ignorieren absichtlich oder unabsichtlich vieles, das uns in einer Stadt umgibt.“ Slinkachu

Auch darin stimme ich ihm zu – was habe ich schon alles entdeckt, während ich auf der Strasse auf jemanden wartete, an einer Stelle, die ich schon tausend Mal gesehen hatte – und plötzlich ist da eine schöne, bisher unbeachtete Hausfassade. Dementsprechend glücklich war ich, als ich den Bildband in der Buchhandlung entdeckte – auf dem „Geschenkbücher-Tisch“, na ja, sicher ist es ein gutes Geschenk, aber vor allem ist es Kunst.

Cover

Slinkachu, geboren 1979, nennt sich Streetart-Künstler und arbeitet anonym auf Londons Strassen. Er arrangiert Szenen mit den kleinen Figuren, die eigentlich für die Modelleisenbahn bestimmt sind, plaziert und fotografiert sie auf Londons Strassen und überläßt sie dann ihrem Schicksal.

Polizist: Entschuldigen Sie, Sir. Würden Sie mir verraten, was Sie da machen?
Slinkachu: Oh. Äh … ich klebe hier eine kleine Plastikfigur fest.
Polizist: Hä?
Slinkachu: Hier, sehen Sie. Das ist … äh … Kunst. Sozusagen. Ich mache Fotos von diesen kleinen Leuten. Und dann lasse ich sie hier.
Polizist: Ach so! Wie niedlich. Verzeihung, ich dachte schon, Sie schnüffeln Klebstoff. Das kommt hier öfter vor.
Slinkachu: Tja. Haha …
Polizist: Ja, das ist wirklich niedlich. Haha, sogar ein kleines Auto! Süß. Meine Kinder wären begeistert!
Slinkachu: Ja … das ist … äh … eine kleine Prostituierte. Und ein Freier. Im Auto.
Polizist: … aha … also, ähm … lassen Sie sich nicht stören.
Slinkachu: Äh … ja. Vielen Dank …

Das Foto dazu heißt „Zu verkaufen/Verkauft.“

Slinkachu liebt es, zu provozieren. Es gibt eine Exhibitionistin, die mit hochgeschobenem Kleid auf einer Zigarettenkippe sitzt. Bedrückend das Szenario, bei dem ein Bettler sein Schild „Poor & Hungry“ neben echten, im Vergleich obszön grossen, One-Pence-Stücken in die Höhe hält. Trostlos das Foto eines kleinen Kindes, das mit Schwimmflügeln in einer Kanaldeckelpfütze schwimmt. Auch mag ich die Ironie, mit der er einen Jogger an zertretenen Bierbüchsen und Plastikflaschen entlang laufen läßt und das Ganze „Panoramatour“ nennt. Oder „Beutezug“: Wie fleissige Ameisen tragen zwei Männer einen Erdnussflip davon. In „Taggen“ besprüht ein Sprayer das Haus einer lebendigen Schnecke.

Wahre Horrorfilm-Szenarios weiß er zu arrangieren: Eine echte Fliege sitzt auf einem blutendem Mann, dem schon ein Bein fehlt. Gruselig auch die Szene, in der ein Vater mit dem Gewehr auf eine tote Hummel zielt, hinter ihm versteckt sich ein kleines Mädchen – Titel des Fotos: „Das sind keine Kuscheltiere, Susan!“

Es gibt melancholische Szenerien, die mich sehr anrührten. Ein kleiner Anzug-Mann sitzt in einer Pflasterritze und blickt auf die Themse – „Aussteigerträume“. Wie traurig wirkt die Frau, die an einer riesigen weggeworfenen Chips-Tüte vorbeigeht und denkt: „Eines Tages wird er mich bemerken.“ Am liebsten würde ich sie alle hochnehmen und an einen schöneren Ort bringen, sie trösten und sagen, ist doch alles nicht so schlimm. Aber die Welt ist nun mal böse: Ein Mann sitzt auf einem originalgrossen Verlobungsring und die Bildunterschrift lautet: „Nein“. Da bricht einem das Herz …

Liebe LehrerInnen, das sind die richtigen Bilder für Bildbeschreibungen. Und für alle anderen die perfekte Alternative, wenn man mal nur schauen möchte, für den Museumsbesuch aber zu müde ist. Zu gerne ich würde ja doch zu wissen, ob die „Little People in the City“ hinterher noch einmal von jemandem beachtet worden sind … Auf jeden Fall hat mich Slinkachu dazu gebracht, wieder genauer hinzuschauen.

Auch Nicole ist von Slinkachu völlig begeistert.

Slinkachu
Kleine Leute in der grossen Stadt
Hoffmann und Campe € 12,95
978-3-455-38060-6