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Hard-boiled Wonderland and the end of the world

Susanne liest Haruki Murakami „Hard-boiled Wonderland and the end of the world“

Wer durch „Hard-boiled Wonderland and the end of the world“ seine erste Begegnung mit Haruki Murakami hat, für den ist das Buch ein literarisches Blind-Date. Denn der groteske Titel ist zur Einschätzung dessen, worauf man sich als Leser einlässt, nicht wirklich hilfreich. Was bitte soll man sich unter einem hartgekochten Wunderland und dem Ende der Welt vorstellen?

Nippon für Nachdenkliche

Was klingt wie eine Mischung aus Lewis Carroll und Nachkriegsgericht lässt sich auf den ersten Blick schließlich nicht sofort einem Genre zuordnen. Science-Fiction-Roman? Surrealistische Erzählung? Skurriles Märchen? Tatsächlich liegt Murakamis hartgekochte Wunderwelt irgendwo dazwischen – der Klappentext verspricht schwammig „Science Fiction, Detektivgeschichte und postmodernes Manifest“.

Wunderland zum Wundern: Der Inhalt

Die ersten Zeilen des Romans verbringt der Leser zusammen mit dem Protagonisten in der sterilen Neonlichtatmosphäre eines Fahrstuhls. Die Hauptfigur, zugleich Ich-Erzähler, macht sich aber nicht die Mühe, den verwirrten Leser in die Situation einzuweihen. Nur so viel lässt sich erahnen: Schauplatz ist ein Bürokomplex, und der gelangweilte Mittdreißiger muss zu einem mehr oder weniger geheimen Geschäftstermin mit unbekannten Ausgang.

Nach und nach enthüllt sich der Grund der Mission: Der Yuppie soll einem ominösen Wissenschaftler bei der Sicherung geheimer Codes helfen. Dieser „Professor“ weiht den verhinderten Großstadthelden in die geheimen Machenschaften des politischen Systems ein. Denn was „da draußen“ kaum einer weiß: In der Heimat von Fuji-san und Mandelblüte tobt ein Datenkrieg.

Verschlüsselungstechnik ist das Zauberwort im Kampf um Macht und Geld. Das so genannte „System“ entwickelt daher immer ausgeklügeltere Codierungsmöglichkeiten, denen die Konkurrenz in Form einer Datenmafia permanent auf der Spur ist. Dem schrulligen Professoren und Ex-Systemmitarbeiter ist es gelungen, ein absolut sicheres Codierverfahren zu entwickeln. Dabei werden die verschlüsselten Informationen ins Unterbewusstsein einer Versuchspersonen implantiert.

Das „todsichere“ Verfahren hat jedoch seine Tücken. Denn lediglich die Hauptfigur hat die Prozedur als Versuchskaninchen überlebt – ohne sich dieser Gehirnmanipulation bewusst zu sein. Erst nach einer Reihe dubioser Zwischenfälle kommt der Protagonist dem ganzen Ausmaß des Datenterrors auf die Schliche. Auf der Flucht vor phantastisch-schrägen Kreaturen und erschreckend realen Schlägertrupps oszilliert er zwischen dem Tokioter Tunnelsystem und einer düsteren Märchenwelt. Dabei häufen sich Filmrisse und Ausflüge ins Unterbewusstsein, bis beide Weltenauf seltsame Art und Weise zu einer zu verschmelzen scheinen.

Was in einer merkwürdigen Realität im Land des Lächelns beginnt, entwickelt sich schließlich zur alptraumartigen Groteske – und überrumpelt den Leser ebenso wie den Yupp-paner in der Hauptrolle.

Abgebrüht oder weichgekocht? Das Urteil

Auch die äußere Form des Romans entspricht dem zweigeteilten Charakter der Handlungsebenen. Denn die Geschichte ist in Kapitel unterteilt, die abwechselnd an den beiden Schauplätzen spielen. So hat Murakami eine gelungene Parallele zum Handlungsstrang geschaffen. Dadurch wird der Leser regelrecht ins Geschehen hineingesogen und erlebt die Parallelexistenz der Hauptfigur hautnah mit. Ob unüberlegte Gedankenströme des Protagonisten oder Höllentrips ins Herz der Tiefenpsychologie – man ist einfach überall dabei. Die nüchterne Sprache gepaart mit Anflügen von Ironie, Witz und Sarkasmus machen den launigen Protagonisten in seiner Erzählerrolle dabei real und glaubwürdig.

„Hard-boiled Wonderland“beginnt als nüchterne Beschreibung zweier auf den ersten Blick unabhängiger Geschichten – und endet in einem komplexen Geflecht aus Realität, Fiktion, Psyche und Moral. Dabei werden die Verstrickungen und Verbindungen der Schauplätze erst im Verlauf des Romans klar – bis sich in einem Höhepunkt im allerletzten Moment die gesamte Komplexität der Geschichte entfaltet. Das Buch ist geistreiche und inspirierende Lektüre, die dennoch auf dem Teppich bleibt und das Zeug zum Lesevergnügen hat.

Mit dem Wunderland und dem Ende der Welt hat Murakami einen spannenden Spagat geschafft – zwischen der surrealen Gegenwart Tokios und einer düsteren Märchenwelt, in der man bis zuletzt auf eine rettende Instanz hofft.

Romane statt Reisbällchen: Der Autor

Murakami Haruki, geboren 1949 in Ashiya bei Kobe, „ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Japans und ein Held der jüngeren Generation. Seine Romane verherrlichen, gegen die Tradition des Landes, das Glück des Individuums.“ (Der Spiegel)

Haruki, Murakami
Hardboiled Wonderland

541 Seiten, Insel-Verlag, Frankfurt a.M. 1995
ISBN: 3458167099

Links

Biographische Daten von Haruki Murakami bei Wikipedia.
Ein Autorenportrait bei Leselust.
„The Outsider“: Salon-Interview mit Murakami (engl.).

„Hardboiled Wonderland“ wurde empfohlen von Susanne Hagen