Prof. Pu und die Pücher

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„… mich aber interessierten gerade die Lebensumstände (wie immer, wenn man sich in jemanden verliebt) dieses seltsamen Heiligen“

ist die Erklärung für Wagenbachs seit 50 Jahren währende Sammelleidenschaft von Fotographien und Gegenständen aus Kafkas Leben, die umfang-reichste Sammlung der Welt befindet sich in der Charlottenburger Wohnung des Verlegers der schönen roten Bücher. Bereits 1983 erschien die erste Ausgabe des Bilderalbums, jetzt ist die um 100 Abbildungen erweiterte Neuauflage erschienen. Fundstücke, die Wagenbach bei mühevollen Recherchen in der ehemaligen Tschechoslowakei aufgetrieben hat – nur mit einem Trick gelangte er damals in die sozialistischen Archive. Er gab vor, über Egon Erwin Kisch zu recherchieren und konnte so in Ruhe unter dem Buchstaben K wie Kafka stöbern. Nicht nur Fotos sammelt er, unter anderem ist er auch stolzer Besitzer einer Schachtel Ohropax, damals die neueste Errungenschaft und treuer Begleiter des schon in jungen Jahren lärmempfindlichen Schriftstellers:

„Ich sitze in meinem Zimmer im Hauptquartier des Lärms der ganzen Wohung. Alle Türen höre ich schlagen, durch ihren Lärm bleiben mir nur die Schritte der zwischen ihnen Laufenden erspart, noch das Zuklappen der Herdtüre in der Küche höre ich. Der Vater durchbricht die Türen meines Zimmers und zieht im nachschleppenden Schlafrock durch, aus dem Ofen im Nebenzimmer wird die Asche gkratzt, Valli fragt, durch das Vorzimmer Wort für Wort rufend, ob des Vaters Hut schon geputzt ist, ein Zischen, das mir befreundet sein will, erhebt noch das Geschrei einer antwortenden Stimme. Die Wohnungstüre wird aufgeklinkt und lärmt, wie aus katharrhalischem Hals, öffnet sich dann weiterhin mit dem Singen einer Frauenstimme und schließt sich endlich mit einem dumpfen, männlichen Ruck, der sich am rücksichtslosesten anhört. Der Vater ist weg, jetzt beginnt der zartere, zerstreutere, hoffnungslosere Lärm, von den Stimmen der zwei Kanarienvögel angeführt. Schon früher dachte ich daran, bei den Kanarienvögeln fällt es mir von neuem ein, ob ich nicht die Türe bis zu einer kleinen Spalte öffnen, schlangengleich ins Nebenzimmer kriechen und so auf dem Boden meine Schwestern und ihr Fräulein um Ruhe bitten sollte.“

„Eine Darstellung der akustischen Verhältnisse unserer Wohnung, die zur wenig schmerzlichen öffentlichen Züchtigung meiner Familie gerade in einer kleinen Prager Zeitschrift erschienen ist“ – so Kafka 1912 an Felice Bauer. (aus: Wagenbach, Franz Kafka – Bilder aus seinem Leben)

Ein Foto aus Wagenbachs Sammlung ist dann auch DAS Kafkaporträt geworden, das letzte Bild von 1923/24 zeigt den Vierzigjährigen, wenige Monate vor seinem Tod. Das Buch ist ein herrliches Album mit teilweise kuriosen Aufnahmen wie z.B. aus dem „Jungborn – Herrenluftpark“ in dem sich Kafka zur Erholung aufhielt und sich über das „Morgenappell genannte Nacktkrabbeln“ amüsierte, vielen Porträts von ihm, seiner Familie und seiner Lieben. Und natürlich immer wieder Prag. Ein wunderschönes Bilderbuch zum Lesen und ein Lesebuch zum Anschauen, gar nicht kafkaesk – das kafkaeske Element in meinem Leben findet zur Zeit romanhaft in Telefonaten mit der Telekom statt …

Klaus Wagenbach
Franz Kafka – Bilder aus meinem Leben
Wagenbach-Verlag 2008 39 Euro
ISBN 978-3-8031-3625-1

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