“Ein Pfad in der unbekannten Welt”
Götz entdeckt Kafka neu
Zweiter Teil

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Es scheint nicht abwegig zu sein, dass Kafka im März 1912 mit ein wenig Rückenwind von Goethe in Richtung „Amerika“ aufbrach. In den Monaten zuvor dokumentiert das Tagebuch nämlich immer wieder die Beschäftigung mit Goethe, der bereits seit der Schulzeit ein Leitbild für ihn gewesen war. „Ich lese Goethes Sätze, als liefe ich mit ganzem Körper die Betonungen ab“, heißt es etwa am 13. Februar 1912. Doch mehr noch als Goethes Werk scheint ihn Goethes Lebensbewältigung zu interessieren: „Goethes Gespräche“, „Goethes Studentenjahre“, „Stunden mit Goethe“ – das sind die Bücher, die in seinem Zimmer liegen. In jenen Wochen verbrennt er „alte widerliche Papiere“. Er will einen Neuanfang. Die „größere Arbeit“ soll sich „ungezwungen“ nach seinen Fähigkeiten richten. Und ganz beiläufig folgt eine programmatische Aussage, die auf die kommenden Jahre vorausweist:

„Lieber schlaflos sein, als so hinzuleben.“

Diese Bekundungen einer Not, der nur mit Schreiben abzuhelfen ist, sind ernst zu nehmen, und doch darf man sich von ihnen auch nicht auf eine falsche Fährte locken lassen. Kafka wich dem Leben nicht aus, war auch nicht der elende, langweilige Tropf, als den er sich häufig darstellt, das war seine innere Wahrnehmung. Freunde haben sich allzeit anders über ihn geäußert. Und es war zeitweise auch ein Leben von einer erstaunlichen Geselligkeit und Unternehmungslust.

Blättert man sich nur durch die im Wagenbach-Verlag erschienene Tag-für-Tag-Chronik seines Lebens, dann ist, zumindest für jenen Zeitraum, als er als Schreibender erstmals hervortrat, der augenfälligste Eindruck der, dass Kafka permanent Freunde und Bekannte traf und oft wöchentlich mehrfach ins Theater, ins Kabarett, zu Lesungen, Vorträgen und später auch ins Kino ging. An dem Wochenende, an dem er den „Amerika“-Roman beginnen will, besucht er am Samstagabend das Kabarett „Lucerna“, wo ihn eine schöne Tänzerin des englischen Gesangs- und Tanzquartetts „Rocking Girls“ so fasziniert, dass er ihre Erscheinung genau im Tagebuch festhält.

Und am Sonntag ist er mit seiner Mutter bei einem Konzert im „Klub deutscher Künstlerinnen“. Sein Lebensfreund und späterer literarischer Nachlassverwalter Max Brod trägt am Klavier gemeinsam mit einer Sängerin und einem Violinisten Kompositionen zu Texten verschiedener Dichter vor. Anschließend trifft man sich noch im Café Continental. Die Aktivitäten sind nicht auf das Wochenende beschränkt. Bereits am Montag schaut sich Kafka ein französisches Vaudeville im Neuen deutschen Theater an. Donnerstags ist er in der „Lese- und Redehalle“, wo sein Freund, der Schriftsteller Oskar Baum, aus seinen Werken liest.

Am Samstag ist Kafka, selbstverständlich möchte man fast sagen, schon wieder unterwegs, erneut geht es ins Theater: Uraufführung des Dramas „Die Sternenbraut“. Und am Montag hört er einen Vortrag von Berta Fanta, einer Leitfigur der Frauenemanzipation, die in Prag einen kulturellen Salon führte, den „Fantakreis“, in dem auch Albert Einstein verkehrte. Fantas Vorträge widmeten sich vor allem Goethes Weltanschauung. Kafka war also ganz und gar kein Stubenhocker.

„Als wären Sie schon tot und unsterblich“

Kein anderer Autor der Weltliteratur lässt sich so schwer in die Literaturgeschichte einordnen wie Kafka, so ein Schreiben wie seines gab es weder zuvor noch danach. Selbst der sprachexperimentelle Weg, den Joyce mit „Ulysses“ und „Finnegans Wake“ beschritt, wird als konsequenter, literarischer Teil der künstlerischen Avantgarde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wahrgenommen. Proust und Thomas Mann, auch Musil, knüpften nahtlos an das 19. Jahrhundert an. Gewiss, Flaubert, Stifter, Kleist und Dostojewskij, sie alle waren Fixpunkte, an denen sich Kafka orientierte, an deren Texten er sich schulte, doch eine unmittelbare Verwandtschaft lässt sich kaum herstellen. Allenfalls Becketts Prosa steht ähnlich monolithisch im Raum wie diejenige Kafkas, doch selbst bei ihm, der die Gattung Roman wie Joyce an einen Endpunkt führte, hat man nicht diesen schlagenden Eindruck einer wundersamen Originalität.

Dennoch war auch Kafka ein Kind seiner Zeit. Parallelen zu zeitgenössischen Autoren, gerade auch zum Schreiben der Prager, besser gesagt der österreichischen Literaturszene, lassen sich durchaus ziehen. Die Erzählung „Das Urteil“ enthält starke expressionistische Elemente, nicht von ungefähr wurde sie vor Jahren einmal mit Edvard Munchs Gemälde „Der Schrei“ illustriert. Gerade die Werke, die Kafka zu Lebzeiten zur Veröffentlichung herausrückte, transportieren vieles vom Geist der Epoche: „Das Urteil“, „Die Strafkolonie“ und die „Die Verwandlung“ vor allen anderen. Doch auch der letztgenannten Novelle gegenüber konstatierte Franz Werfel in einem Brief an Kafka:

„Sie sind so rein, neu, unabhängig, und vollendet, dass man eigentlich mit Ihnen verkehren müsste, als wären Sie schon tot und unsterblich. So etwas fühlt man sonst bei keinem Lebenden.“

Nur ein Beispiel für die uneingeschränkte Anerkennung, die Kafka bereits zu Lebzeiten gerade von anderen Schriftstellern entgegengebracht wurde – sie zogen förmlich alle den Hut vor ihm, würdigten neidlos sein ganz und gar außerordentliches Talent. Einem breiten Publikum noch unbekannt hatte er in literarischen Kreisen einen guten Namen und war auch mit einer ganzen Reihe von noch heute bedeutenden Autoren persönlich bekannt, neben Werfel auch mit Robert Musil.

Carl Sternheim wollte das Preisgeld des Fontane-Preises 1915 an Kafka weiterreichen, was dieser natürlich nicht annehmen wollte, da er des Geldes nicht „bedürftig“ sei, wie er an seinen Verlag schrieb. Ein Anteil an dem Preis wäre „natürlich wichtig“ für ihn. Das Geld allein ohne jeden Anteil am Preis dürfe er aber „gar nicht annehmen“.

Der Verleger Kurt Wolff hielt mit seiner Irritation nicht hinter dem Berg, nachdem er die „Strafkolonie“ gelesen hatte. Das war nun ganz etwas anderes als die zarten, geradezu kindlichen Miniaturen der „Betrachtung“, Kafkas Erstling. Aber Kafka, allzeit bereit den Wert seiner Werke und seine Befähigung zum Schreiben anzuzweifeln, tritt hin und wieder, und gerade in den Briefen an seinen Verleger, mit einem verblüffenden Selbstvertrauen auf. Wolffs Einschätzung treffe ganz mit seiner Meinung zusammen. Die „Strafkolonie“ sei „peinlich“. Doch dann fährt er fort:

„Zur Erklärung dieser letzten Erzählung füge ich nur hinzu, dass nicht nur sie peinlich ist, dass vielmehr unsere allgemeine und meine besondere Zeit gleichfalls sehr peinlich war und ist…“.

Der alltägliche Zweifel, die Not des Tages, ist bei Kafka immer mit der unerschütterlichen Gewissheit seiner literarischen Bestimmung gepaart. Er wusste um die Kräfte, die in ihm steckten. Das Problem war nur, dass sie ihm nicht jederzeit zugänglich waren.

Kafka hätte sich vielleicht mit mehr Recht in der Nachfolge Goethes sehen können, als der lebenslang mit seiner Goethe-Imitatio kokettierende Thomas Mann. Spiegelte sich Mann in Goethes Stärken, so Kafka in Goethes Schwächen. Kafka sah, dass das Gelingen in diesem herausragenden Leben allzeit vom Scheitern bedroht gewesen war. Ziehen wir doch einmal einen etwas unschicklichen Vergleich: Kafka starb mit 40 Jahren und 11 Monaten – wie jung! denke ich erschrocken mit meinen 47 Jahren.

Als Goethe Kafkas Todesalter erreicht hatte, im Juli 1790, war gerade die erste offizielle Sammlung seiner Schriften erschienen. Die Ausgabe im Leipziger Göschen-Verlag umfasste acht Bände mit folgenden Werken: An Prosa den „Werther“, dann die Dramen „Götz von Berlichingen“, „Die Mitschuldigen“, „Iphigenie“, „Egmont“, „Stella“, „Tasso“ und „Clavigo“ sowie „Faust. Ein Fragment“; außerdem einen Band mit Gedichten. An Prosatexten lag zu jenem Zeitpunkt noch eine fragmentarische erste Fassung des „Wilhelm Meister“ vor, die unveröffentlicht blieb.

Sportlich betrachtet, ist also nicht von der Hand zu weisen, dass Kafka nicht schlecht, ja man könnte sagen, gleichwertig abschneidet. Der Umfang seiner Prosa übertrifft Goethes Leistung bei weitem, dafür liegen keine Theaterarbeiten und Gedichte von ihm vor. Die Zahl der von beiden in vier Lebensjahrzehnten geschriebenen Briefe dürfte sich fast die Waage halten.

Goethe war in seinem ersten Jahrzehnt in Weimar, bis zu der Flucht nach Italien, in zahlreiche beruflichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen verstrickt, was ihn ebenso viel Schreibzeit gekostet haben dürfte, wie die Bürofron Kafka. Blättert man sich durch eine Zeittafel von Goethes Leben und Werk, so sieht man, dass in jenen ersten Weimarer Jahren kaum mehr etwas entstand. Der Dichter Goethe verstummte. Goethe rettete sich in seiner Verzweiflung nach Italien, Kafka erkrankte tödlich.

Ich will diesen diffizilen Vergleich nicht zu weit treiben. Er macht nur deutlich, welche Leistung Kafka vollbracht hat und dass Goethe auch erst langsam, im hohen Lebensalter, zu der mächtigen Gestalt wurde, die wir kennen. Er hatte den großen Erfolg gehabt, den Bestseller, den „Werther“ – doch danach war auch ihm vieles nicht im ersten Zugriff geglückt. „Wilhelm Meister“, „Tasso“, „Iphigenie“ – alles wurde abgebrochen, blieb Monate, gar Jahre liegen.

Goethe hatte jedoch Geduld und vielleicht eine Ahnung, dass ihm viel Zeit gegönnt sein würde; manche Schreibprojekte begleiteten ihn über Jahrzehnte, der “Faust“ quasi sein gesamtes Erwachsenenleben lang. Er wartete auf die „gute Stunde“, um ein liegen gelassenes Werk wieder aufnehmen zu können. Hätte auch Kafka, hätte er mehr als achtzig Lebensjahre gehabt, auf die gute Stunde gewartet, um den „Prozess“ und das „Schloss“ zu vollenden (sofern es daran etwas zu vollenden gibt)? Hatte er diese Lektion aus seinen umfangreichen Studien von Goethes Leben gelernt? Müßige Fragen.

Sprecher: Thomas Laufersweiler und Axel Weiß
Fortsetzung folgt

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