Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Podcast 9: Die Mondmotte


Hendriks imaginäre Anthologie,
NICER FICTIONS, Band 1,
Dritte Geschichte
Jack Vance
DIE MONDMOTTE
(The Moon Moth, 1961)

Er stand auf, ging durch Salon und Speisesalon, an der Kombüse vorbei und kam zum Vorderdeck. Dort beugte er sich über die Reling und schaute hinab in die Unterwasserställe, wo Toby und Rex, die Sklaven, die Drachenfische für die wöchentliche Reise nach Fan anschirrten. Es waren nur acht Meilen. Der jüngste Fisch schien ziemlich verspielt zu sein und duckte sich immer vom Geschirr weg. Sein schwarzes Maul stieß durch das Wasser, und Thissell sah bestürzt in das Gesicht: der Fisch trug keine Maske!
Thissell lachte ein wenig unbehaglich und fingerte an seiner eigenen Maske herum, der Mondmotte. Kein Zweifel, er paßte sich den Sitten auf Sirene an. Es war bezeichnend, daß er sich beim Anblick des nackten Fischgesichts erschüttert fühlte.

Der Erfinder des phantastischen Subgenres der Science Fantasy ist – um an eine seiner eigenen Figurenschöpfungen anzuspielen – ein world-thinker. Die Geschichten, die er erzählt, sind oft nichts Neues, trivial zuweilen. Jedoch versteht es Vance, mit seinem gut strukturierten Repertoire erzählerischer Requisiten so farbenprächtige Hintergründe für seine Geschichten zu entwerfen, daß man seiner Erzählerstimme völlig verfallen kann.

Vance kümmert sich wenig um technologische Details und Plausibilitäten, arbeitet mit der puren Magie des Wortes und der Beschreibung des schillernd Exotischen. Damit ist er für mich derjenige SF-Autor, der einer Art modernem Märchenerzähler mit am nächsten kommt. Und wie das bei Märchen so ist, lassen sich in den Geschichten häufig überraschend viele Deutungsebenen finden.

“Die Mondmotte” ist aus dreierlei Gründen einer meiner beiden Favoriten unter den Geschichten von Jack Vance:
1.) ist sie mit ihrer Krimihandlung verdammt spannend, wobei der Umstand, daß Vance zuweilen tatsächlich auch Kriminalromane geschrieben hat, sicherlich geholfen haben dürfte.
2.) Die phantastische Kultur des Planeten Sirene, die Vance hier entwirft, ist ein schlichter Geniestreich – es ist definitiv sehr schade, daß diese Welt nur in dieser einen Geschichte existiert…
3.) … aber halt: tut sie das wirklich? Denn bei genauerem Hinsehen läßt sich diese so fernexotische Phantasie durchaus auch als Metapher lesen: tragen wir nicht alle Masken, die meiste Zeit über, und treten eilig zur Seite, wenn uns nur eine ausreichend furchterregende Fratze entgegengehalten wird? Achten nicht auch wir oft mehr auf die Tonart als auf den Inhalt? Und welches unserer Gesichter haben wir eigentlich verloren, wenn wir uns gesellschaftlich ‘bloßgestellt’ fühlen?

Eine der schönsten Eigenschaften phantastischer Geschichten ist, daß sie uns häufig spielerisch einladen, im Altvertrauten auf Entdeckungsreise zu gehen und es als eine völlig neue Erfahrung zu erleben.

Ich fand diese Geschichte in…: Jack Vance, “Grüne Magie”, Heyne Verlag, sowie in “Die besten SF-Stories von Jack Vance”, Moewig Verlag