Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

„Landgericht“: Die Einsamkeit der Überlebenden

Prof. Pu empfiehlt: Landgericht von Ursula Krechel

Über dieses Buch, das den Deutschen Buchpreis 2012 erhalten hat, ist bereits alles gesagt und geschrieben worden, wie also anfangen? Wie klar machen, daß man es un-be-dingt lesen muss? Weil dank Guido Knopp und anderen zwar alles, was in der Zeit zwischen 1933 und 1945 passiert ist, mindestens hundertfach durchleuchtet wurde, mir aber die Zeit danach noch viel zu wenig in unserem Bewußtsein verhaftet scheint.

Das ist es, was mich am stärksten beeindruckt hat, neben der akribischen Faktenrecherche, die Ursula Krechel in den Archiven betrieben hat: Die Atmosphäre der frühen Nachkriegszeit im zerstörten Mainz, die sie so dicht und lebensnah beschreibt, daß man komplett eintauchen kann, ganz nah neben Richard Kornitzer durch die Stadt geht und ihn dabei begleitet, wie er sich immer mehr in seinem tiefsitzenden Bedürfnis nach ausgleichender Gerechtigkeit verstrickt.

Richard Kornitzer, Jurist, verheiratet mit Claire, die eine kleine Werbe-Firma für die aufstrebende Kinowelt betreibt, zwei kleine Kinder, lebt gut und etabliert in Berlin. Bis zu dem Tag, an dem er dieses Schreiben erhält:

Der Gerichtsassessor Dr. Richard Kornitzer in Berlin wird auf Grund des § 3 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 (RgBl.I S. 175) in den Ruhestand versetzt.
Berlin, den 20. Juli 1933.
Der Justizminister (Siegel des Preuss. Just. Min.)
in Vertretung gez. Dr. Freisler

Immer wieder hatte Kornitzer auf das Dokument gestarrt, jeden Satz, jedes Wort, jedes Zeichen hatte er genau studiert, als könnte er in ihm doch noch einen anderen Sinn finden als den offenkundigen der Erniedrigung, der Verstörung. Aus der Traum, aus der Traum, eine Richterlaufbahn war vernichtet. Und er warf sich auch vor, während er sich über seine neue aufregende Tätigkeit am Landgericht gebeugt hatte, sich nicht genügend um die Veränderung der politischen Verhältnisse gesorgt, gekümmert zu haben.

Wie so viele damals gehört er durch seine Mutter dem Judentum an, ohne es auszuüben. Zunächst versucht Kornitzer, natürlich vergeblich, sich zu wehren. Bevor er dann in fast letzter Minute nach Kuba flieht, bringen die Eheleute ihre beiden Kinder zu einem Transport nach England, nicht ahnend, daß ihre Beziehungen zueinander nie wieder innig sein werden. Später scheitert ein hilfloser Versuch, die Tochter zurück nach Deutschland zu holen, sie und ihr Bruder werden für immer in Großbritannien leben.

Claire bleibt in Berlin zurück. Während Kornitzers Exil auf Kuba haben sie keinen Kontakt. Er schlägt sich kärglich als Assistent eines kubanischen Rechtsanwaltes durch. Erst 1948 gelingt es Claire, ihren Mann ausfindig zu machen und ihn zu sich nach Lindau zu holen, wo sie bei Apfelbauern untergekommen ist. Er beginnt, in einem Untersuchungsausschuß für politische Säuberung zu arbeiten.

In dieser Zeit erhielt Kornitzer einen offiziellen Brief, der ihn elektrisierte und vom Dorfgeschehen wegriß. Das Justizministerium des neu gegründeten Landes Rheinland-Pfalz ließ anfragen, ob er eine Stelle am Landgericht Mainz antreten wolle.

Im Frühjahr 1949 kommt er im zerstörten Mainz an und beginnt seine Tätigkeit als Landgerichtsdirektor. Schnell spürt er die Vorbehalte gegen einen wie ihn, ob unter den Kollegen oder bei seinen Vermietern. Exilanten hatten es gut, sie waren den Bombardierungen nicht ausgesetzt, mußten nicht hungern, meint man, welch’ ein Zynismus …

Bald beginnt Kornitzer, um seine Wiedergutmachung, um staatliche Anerkennung zu kämpfen. Diesen Kampf macht er zu seiner Lebensaufgabe, vergeblich. Er scheitert, wird aus Erbitterung und Enttäuschung davon herzkrank und erreicht lediglich seine Versetzung in den Ruhestand, aus gesundheitlichen Gründen. Weg mit dem Störenfried. Auch das eine zynische Wiederholung …

Ursula Krechels Roman über Richard Kornitzer, dessen Vorbild tatsächlich ein Mainzer Landgerichtsdirektor war und auf den sie bei der Recherche zu ihrem ersten Roman über die Exilanten in Shanghai stieß, ist eines der nachhaltig beeindruckendsten Bücher, die ich je in der Hand hatte. Es liest sich nicht einfach und schnell, es gibt viele Zitate aus Akten, aus Zeitungsartikeln, sie erzählt von der Geschichte Kubas, über die deutsche Nachkriegsgeschichte. Ständig möchte man etwas nachlesen, nachschlagen.

Ihre sehr dichte Beschreibung der Atmosphäre der frühen Fünfziger Jahre ergreift, dieser unaufrichtige, lauernde, unangenehme Umgang mit den Überlebenden, den „Displaced Persons“, von denen nur wenige nach Deutschland zurückkehrten. Allein mit unserem heutigen Wissen um Traumatisierungen möchte man aufstöhnen, wie sehr die Verfolgten an ihren Schicksalen nahezu sprachlos erstickten. Sie fanden einfach keine Heimat mehr. Erst im Jahr 1964 hat ein Nervenarzt etwas über die Auswirkungen jener Verfolgungsschäden verfaßt.

Ich kann den Rezensionen nicht zustimmen, die Kornitzer als immer unsympathischer werdend bezeichnen. Ich empfand während der ganzen 494 Seiten ein tiefes Mitgefühl.
Ein Buch mit Langzeit-Nachdenk-Wirkung. Sprachlich ein Meisterwerk. Fiktion und Realität in gelungener Mischung. Wie gesagt: Un-be-dingt empfehlenswert.

Text und Podcast stehen unter einer Creative Commons-Lizenz.
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken

Ursula Krechel
Landgericht
Jung und Jung € 29,90
978-3-99027-024-0