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„Pushing Hands“: Erstling mit Herz!

Ang Lee, Foto: Rex Bennett Creative Commons BY SA 2.0

Die Filmwissenschaftlerin und Ang Lee-Expertin Dr. Isabell Wohlfarth wirft für SchönerDenken einen ganz persönlichen Blick auf die Werke des taiwanesischen Regisseurs.


Ein Kammerspiel, ein nonverbaler Kampf zwischen Ost und West, ausgetragen am Küchentisch. Dieser Debütfilm brannte Mister Lee wohl sehr auf den Nägeln, denn es steckt viel Persönliches in dem eher schlichten Familiendrama. Schon ganz früh aber war deutlich: hier hat jemand etwas zu erzählen – und zwar auf seine ganz eigene Art!

Back Story: „I thought, I’d make my first film and quit, I was very lonely“ (Ang Lee)

Das war knapp: Fast hätte Ang Lee das Filmemachen an den Nagel gehängt, bevor seine Karriere überhaupt richtig begann. Denn obwohl er mit seinem Abschlussfilm an der New York University Preise gewann und in der Independent-Filmgemeinde bekannt wurde, bekam er danach jahrelang keine Filmangebote. Lee schrieb weiter Drehbücher und kümmerte sich um seine zwei kleinen Kinder.

Als er gerade beschlossen hatte, seine Karriere an den Nagel zu hängen und mit seiner jungen Familie nach Taiwan zurückkehren wollte, bekam er eine Auszeichnung. Seine beiden Drehbücher zu „Pushing Hands“ und „The Wedding Banquet“ wurden von der staatlichen taiwanesischen Filmproduktionsfirma Central Motion Picture Company ausgezeichnet. Mit dem Preisgeld (500.000 Dollar) konnte Mister Lee seinen ersten Langfilm „Pushing Hands“ realisieren. Improvisiert werden musste trotzdem: Der Film wurde in nur 24 Tagen in Lees Lebenswelt in Westchester County im Staat New York gedreht. Sein älterer Sohn Haan spielte den kleinen Jeremy, viele der Schauplätze gehörten Freunden.

Die Story

Die junge Amerikanerin Martha ist genervt und erschöpft: Seit kurzem wohnt Mr. Chu in ihrem Haus, der chinesische Vater ihres Mannes Alex. Der und Sohn Jeremy sind tagsüber in der Schule und Martha, die als Schriftstellerin zuhause arbeitet, muss sich um den alten Mann kümmern. Er spricht kein Englisch, sie kein Wort Chinesisch.

Ständig praktiziert der alte Tai-Chi-Meister die edle Kampftechnik der „Pushing Hands“, während sie sich am Schreibtisch zu konzentrieren versucht. Doch ein harmonisches Leben der beiden Fremden in einem Haus scheint schwer möglich. Alex versucht zwischen beiden Seiten zu vermitteln, muss sich aber zwischen dem Wunsch seiner Frau und der Pflicht gegenüber seinem Vater – und damit auch zwischen seinen chinesischen und amerikanischen Einflüssen – entscheiden.

Haare raufen und Hände schieben: Ein explosiver Auftakt

Mister Lees Debüt beginnt explosiv, obwohl in den ersten zehn Minuten von „Pushing Hands“ kein Wort gesprochen wird. Man sieht Martha und Mr. Chu bei ihren „alltäglichen“ Verrichtungen im Haus. Sie starrt abwesend auf den Computerbildschirm. Er schwingt elegant Arme und Beine beim Tai Chi. Man könnte meinen, diese beiden lebten in völlig getrennten Welten, obwohl sie im Raum nebenan sind. Nur kurze Blicke, ein flüchtiges Vorbeigehen deutet an, dass sie im gleichen Haus leben – und das nicht in Harmonie.

Wenn Mr. Chu bei seinen geschmeidigen Übungen kontrollierte Atemgeräusche ausstößt, stöhnt sie, von diesem Luftzug belästigt, theatralisch in seine Richtung, marschiert dann aggressiv, bisweilen in die Luft boxend durch die Wohnung. Wenn der Alte sich mit chinesischen Opern über Kopfhörer berauschen lässt und innig mitsummt, baut die Zimmernachbarin sich autoritär vor ihm auf, und er versteht natürlich sofort. Worte werden tunlichst vermieden, aber die Stimmung ist eisig. Durch die Art und Weise, wie sich Martha und Chu durch den Raum bewegen, erkennt man ihren Antagonismus, Marthas Hass und Chus Unverständnis. Man ertappt sich dabei, wie man selbst mucksmäuschenstill ist, aus Angst, die „Furie“ zu stören. Der erste Satz, den sie schließlich an ihn richtet, ist natürlich ein Affront: No alu in the microwave! Wenn später im Film noch das Geschirr durch die Luft fliegt, ist das nur die logische Fortsetzung dieser lautesten leisen Explosionen. Ein nonverbales Vergnügen.

Der Tisch als multikulturelles Schlachtfeld

Sich ohne Worte zu verständigen, das gelingt genau in jenem Moment nicht mehr, wenn die Familie am Essenstisch zusammenkommt. Denn dort sitzen jene, die sich zuvor einigermaßen aus dem Weg gehen konnten, nah beieinander, die eigenen Abneigungen und Befindlichkeiten sind jetzt schwer zu verbergen, schließlich ist man zur (minimalen) Interaktion gezwungen.

Von Anfang an war sie ein Schlüsselmoment in Mister Lees Erzählungen: die Essensszene. Der Tisch, die familiäre Mitte, ist der Ort des Geschehens und der Platz der Schlachten. Hier kommen Wahrheiten ans Licht, laufen Emotionen über und explodieren Konflikte. Das Familienmahl ist der Dreh- und Angelpunkt der familiären Dynamik. Auch schon in diesem ersten Film.

Während Martha tagsüber noch fliehen kann, sobald der alte Chu sich beim Essen zu ihr an die Theke setzt (sie springt auf wie ein angeschossenes Reh!), führt beim Abendessen kein Weg daran vorbei. Alex und Jeremy sitzen mit den beiden Streithähnen am Tisch. Aber auch hier werden Territorien verteidigt, Mr. Chu isst nur chinesische Gerichte und Martha nur selbst Gekochtes – beide aber legen Alex und dem Jungen das eigene Gericht auf den Teller, ein Wettstreit um das Recht des Nährens hat begonnen. Wenn die Kommunikation in Gang kommt, reden Martha und Chu in ihren Sprachen ungehalten auf Alex ein. Er übersetzt „beschönigt“, um die Harmonie zu bewahren, ist also mit Absicht ein verhinderter Vermittler.

Der Zuschauer erhält dennoch einen guten Eindruck, wie ausgeprägt der Konflikt ist, wie viel Wut in der Luft liegt. Der kleine Sohn verstummt und in Alex brodelt es von Mahl zu Mahl immer mehr. Als sich sein aufgestauter Konflikt in einem jähzornigen Wutanfall entlädt, wirft er in seiner berserkerhaften Rage zuerst den Essenstisch um und verwüstet dann die Küche – ein wirkungsmächtiges Symbol für die Schieflage der Familie. Die rührende Folge: Martha und Mr. Chu beseitigen gemeinsam das Chaos in der Küche und richten den Tisch wieder auf, die erste positive Interaktion.

Ach, Papa!

„Pushing Hands“ ist ein sehr persönlicher Film, Mister Lee erzählt darin vor allem von seinen eigenen Erfahrungen als junger Einwanderer in den USA. Der Konflikt zwischen den chinesischen Traditionen und der westlichen, individualistischen Lebensweise hat er hier in einer Familiengeschichte verpackt. Man spürt seinen Wunsch, von diesem Leben zwischen den Welten zu erzählen. Er versucht auch gar nicht erst, seine Intention zu verstecken:

„Pushing Hands, and my earlier films, was a lot of me, me, me. […] I just wanted to tell them about me, about what I knew.“

Natürlich ist „Pushing Hands“ vor allem eine Vater-Sohn-Geschichte. Wie Protagonist Alex hat auch Mister Lee erlebt, wie schwierig es ist, dem Wunsch des Vaters zu entsprechen und dabei im freiheitlichen Amerika anzukommen. Während Mister Lee vor allem bei seiner Berufswahl seinen Vater enttäuschte – erst sehr spät erkannte dieser die Leistung seines Sohnes an -, hat Alex besondere Mühe, die Essenz der traditionellen chinesischen Moral zu erfüllen, nämlich für den Vater im Alter zu sorgen. Es ist ein fast unlösbarer Konflikt, denn in dem Moment, wo er sich von den Ansprüchen des Vaters löst, läuft er auch Gefahr, ihn zu verlieren. Dieser Film, so könnte man spekulieren, hatte sicher auch therapeutische Wirkung für seinen Schöpfer Mister Lee.

Familie ist so eine Sache: Mister Lees wegweisendes Debüt

Dieser Film bringt einen als Zuschauer in ein mächtiges Wertungsdilemma: Zunächst fiebert man ausnahmslos mit dem armen Mr. Chu mit, der von der neurotischen Frau im Haus ohne Grunde terrorisiert zu werden scheint. Sie ist einfach so hysterisch doof. Und der passive Alex, der meist den Schwanz einzieht, ist auch kein Sympathieträger. Warum sind sie nur so garstig zu dem alten Mann?

Je länger der Film dauert, desto mehr ahnt man aber, dass es hier um etwas Grundsätzliches geht, um die Selbstbestimmung im eigenen Leben. Martha hat Angst davor, dass das Chinesische in ihrem Haus sie als einzige aus dem Familienkreis ausschließt. Und beide wollen ihre Lebensweise nicht so sehr an die Bedürfnisse des Alten anpassen, wie der es einfordert. Unvereinbar scheinen die Welten. Und während man die Geschichte verfolgt, spiegelt man die Probleme (unbemerkt) ins eigene Leben zurück. Denn der Film wirft ein paar Fragen auf, die uns fast alle irgendwann betreffen. Wie weit geht Familienpflicht? Mister Lee beantwortet diese Frage nicht eindeutig, er stellt sie einfach zur Diskussion – und das ist typisch für seine Erzählweise, er gibt uns ein Tableau an Erzählungen, Sichtweisen und Gefühlen , die Wertung aber liegt bei uns. In seinen nachfolgenden Filmen geht er ihm dann weiter auf den Grund, dem „Schlachtfeld Familie“.

„Pushing Hands“ ist Lees unbekanntestes Werk, erst nach seinem großen Durchbruch wurde der Film überhaupt auf DVD veröffentlicht, heute ist er immer noch schwer zu erwerben. Wer Gelegenheit bekommt, sollte ihn aber unbedingt anschauen. Denn er erzählt viel über den jungen Filmemacher Ang Lee. Noch etwas ungeschliffen, aber bereits eindrücklich zeigt dieser unaufgeregte Erstlingsfilm schon seine besondere Art, menschliche Konflikte zu inszenieren.

Pushing Hands
Taiwan/USA, 1992, 105 Min., Regie: Ang Lee

Es geht am 22. September 2013 weiter mit Ang Lees Debütfilm „Das Hochzeitsbankett“.


Dr. Isabell Wohlfarth, geb. Goessele, arbeitet als Journalistin in Köln. Ihre Doktorarbeit wurde unter dem Titel “Das Kino des Ang Lee: Im Atem des verborgenen Drachen” veröffentlicht. Der Podcast wurde gesprochen von Susanne Hagen.
Hier alle Beiträge der Reihe „Mr. Lee And Me“.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY NC ND 4.0.
Quelle: Dr. Isabell Wohlfahrt, geb. Goessele
Das Foto im Banner stammt von Rex Bennett und steht unter der CC-Lizenz BY SA 2.0


Das Kino des Ang LeeIsabell Gössele
Das Kino des Ang Lee
Im Atem des verborgenen Drachen

Wissenschaftliche Beiträge
aus dem Tectum Verlag
Medienwissenschaften, Band 5
349 Seiten, Paperback, 2009
ISBN 978-3-8288-2046-3