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„Sinn und Sinnlichkeit“: Ang – Austen – Amazing!

Ang Lee, Foto: Rex Bennett Creative Commons BY SA 2.0

Die Filmwissenschaftlerin und Ang Lee-Expertin Dr. Isabell Wohlfarth wirft für SchönerDenken einen ganz persönlichen Blick auf die Werke des taiwanesischen Regisseurs.


Ich sage es gleich zu Anfang: Dieser Film ist mir der allerliebste Film auf der Welt, in der goldenen Leeschen Rangliste hält er bisher unangefochten den ersten Platz. Weil er mich einfach mit Haut und Haaren erobert, jedes Mal wieder. Für Mister Lee war Sense and Sensibility der erste große Auftritt in der westlichen Filmwelt. Und was für einer!

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Back Story: Ein Chinese verfilmt Austen?

Es wurde viel geschmunzelt, als bekannt wurde, dass Mister Lee diesen Austen-Klassiker (von 1811) verfilmen sollte. Er selbst lachte wohl zunächst am lautesten darüber:

„Als ich das Drehbuch öffnete und Jane Austens Namen auf dem Titel sah, dachte ich, ihr wärt verrückt geworden!“.

Was sollte er, der Dokumentar ost-westlicher culture-clash-Geschichten denn bitteschön über das englische Bürgertum wissen? Genug, wie sich herausstellte. Produzentin Lindsay Doran und Drehbuchautorin Emma Thompson wussten es vor allen anderen, sie hatten Mister Lees frühe Filme gesehen und waren sich sicher: Wer so feinfühlig und schonungslos aufrichtig von Familien erzählen kann, der versteht Jane Austen.

Hingerissen von Austens Dramastoff war Mister Lee natürlich längst. Er war sich sicher, dass er auch diese Geschichte zu inszenieren weiß, weil Menschen und ihr fatalistisches Ringen um das kleine Glück einfach in allen Kultur- und Zeitepochen ähnlich sind. Statt den Ansprüchen verschiedener Kulturen gerecht zu werden (wie in Lees Anfangs-Trilogie), versuchen die Menschen in Sense and Sensibility, ihre eigenen Wünsche irgendwie mit dem herrschenden Wertesystem zu vereinen. Auch dafür war der Regisseur aus der Fremde eigentlich wie geschaffen, von der Rebellion gegen ein Machtsystem wusste der Chinese natürlich zu erzählen:

„Für chinesische Regisseure aber ist es nicht schwer, einen Film über unterdrückte Engländer zu machen, wir können euch zeigen, was Unterdrückung ist.“

Am Set machte Mister Lee übrigens ganz neue Erfahrungen: Anders als er es vom autoritäreren chinesischen Filmbusiness und den asiatischen Kollegen gewohnt war, gaben die westlichen Schauspieler öfter mal Widerworte und eigene Anregungen. Auf der anderen Seite brachte Mister Lee östliche Stimmung ans Set: Er begann die Dreharbeiten mit einer traditionellen chinesischen Big-Luck-Zeremonie. Emma Thompson beschreibt nicht nur diese Aktion in ihrem köstlich erzählten Buch über die Dreharbeiten („Hinter den Kulissen von Sinn und Sinnlichkeit“, zur Lektüre empfohlen).

Die Story

England, Anfang des 19. Jahrhunderts: Nach Mr. Dashwoods Tod geht dessen ganzes Vermögen an seinen Sohn aus erster Ehe. Mrs. Dashwood und ihre drei Töchter Elinor, Marianne und Margret bekommen kaum etwas ab. Auf einmal sind die vier Frauen so gut wie mittellos. Sie müssen ihr Gut verlassen und in ein kleines Cottage aufs Land ziehen. Mrs. Dashwood hofft, ihre beiden älteren Töchter gut verheiraten zu können und freut sich, als der vornehme Colonel Brandon Marianne ins Auge fasst und der wohlsituierte Edward mit Elinor zarte Bande knüpft. Doch alles kommt anders: Plötzlich muss Edward stürmisch abreisen, Elinor bleibt ohne Versprechen zurück. Und Marianne wird eines Tages vom schnittigen Willoughby in ritterlicher Geste gerettet. Sie verliebt sich stürmisch in ihn. Doch beide, Willoughby und Edward, haben dunkle Geheimnisse. Das Liebesglück der Töchter – und damit auch der gesellschaftliche (Wieder-)Aufstieg – scheinen auf einmal in weiter Ferne.

Schwester-Liebe: Mit Gefühl oder Verstand?

Die beiden Schwestern Elinor und Marianne stehen sich sehr nah, könnten aber vom Charakter nicht unterschiedlicher sein. Die selbstlose, pragmatische Elinor lebt nach dem Verstand („sense“), sie übernimmt nach dem Tod des Vaters die Versorgerrolle im Haus und stellt ihre Gefühle zurück. Als sie sich verliebt, nimmt sie das vorsichtig zweifelnd zur Kenntnis und wägt die Umstände und Möglichkeiten für diese Beziehung ab („Wir sind nicht verlobt, Mama!“). Die stürmische, träumerische Marianne („sensibility“) ist eine leidenschaftliche Person, die sich von Natur, Poesie und großen Gesten berauschen lässt („Für die Liebe zu sterben – was könnte glorreicher sein!“). Als sie einen romantischen Prinzen zu treffen glaubt, macht sie keinen Hehl um ihre Zuneigung und stürmt mit ihren Gefühlen lauthals an die Öffentlichkeit, ohne die gesellschaftlichen Konsequenzen zu beachten.

Auch wenn der einen Schwester das Verhalten der anderen suspekt ist, erleben beide ein ähnliches Gefühls-Auf-und-Ab. Dabei fiebert man eher mit der stillen Elinor – nicht nur, weil sie so vorbildlich selbstlos ist, sondern weil ihre quälend unterdrückte Verzweiflung minutiös dokumentiert wird. Die Kamera wartet geradezu vor ihr, um die Mimik ihres Leidens einzufangen, ein trauriger Blick, eine ablenkende Geste. Emma Thompson spielt diese kleinen Anzeichen des bohrenden Schmerzes, dieses Pendeln zwischen Beherrschung und Berührtsein, so eindrücklich, dass diese ruhigen, aber bewegten Momente zu den spannendsten des Films gehören. Als Elinor dann doch mal ihre Gefühle herauslässt, dann fallen sie so unerwartet und brachial aus ihr heraus, dass man als Zuschauer unweigerlich mitgerissen wird, als sehe man so etwas zum ersten Mal.

Die Männer, die um die Schwestern kreisen, sind nicht weniger unterschiedlich, aber ebenfalls liebevoll und herrlich komisch inszeniert. Da ist der herzensgute Colonel Brandon, der (als eigentlicher romantischer Held der Geschichte) immerzu hilft, wo er kann, aber weiß, dass er als „alter Junggeselle“ bei Marianne keine Chance hat. Da ist der tapsige, schüchterne Edward, der statt eine militärische Karriere zu verfolgen lieber Pfarrer werden und Hühner halten will. Und schließlich der Märchenprinz Willoughby, der gerne Lyrik zitiert, unfassbar gut aussieht und ein formvollendeter Gentleman ist – zumindest fast. Die Dashwood-Schwestern haben es nicht leicht mit all diesen Männern. Sie müssen lernen, dass die Kombination von „Verstand“ und „Gefühl“ nicht immer der schlechteste Weg zum Glück ist.

Erbe oder vermähle dich klug!

Worum geht es in diesem Film eigentlich? Um das (gesellschaftliche) Überleben. Vier neuerdings mittellose Frauen kämpfen um die Rückkehr in ihren Stand. Sie wissen, es gibt nur zwei Möglichkeiten, das zu erreichen: Erben – was sich bereits erledigt hat – oder sich mit einem reichen Mann zu verheiraten. Die Partnerwahl der zwei Schwestern Elinor und Marianne entscheidet auch über das (finanzielle) Wohlergehen der Mutter und der kleinen Schwester. Wenn ein angemessener Junggeselle also den Weg der jungen Damen kreuzt, sollte man sich tunlichst gut präsentieren – schnellstens wird am Kleid gezupft, die Schürze abgelegt und eine aufrechte, Luft abschnürende Haltung eingenommen, der Knicks folgt.

Zu dumm nur, wenn das Herz eine andere Wahl trifft. Dann gilt es, zu kaschieren und zu taktieren, um ja das Schlimmste zu vermeiden, den Spott und die Diffamierung durch die „gute Gesellschaft“. Wichtig ist es, so lernt man früh in diesem Film, Emotionen nicht zu zeigen und stattdessen über das Wetter zu parlieren und selbst dem verhasstesten Widersacher mit einem höflichen Lächeln zu begegnen. Die Momente, in denen das nicht gelingt, sind herrlich amüsant. Wenn etwa Marianne ihre Leidenschaften so ungestüm durch die Gegend schleudert, dass ihr Umfeld nur noch mit blassen Gesichtern zuschaut. Oder wenn die furchtlose Tratschtante Mrs. Jennings ihre Ehe-Spekulationen lauthals durch den Saal flötet und die umgebenden Damen peinlich erröten. Austens Sprachwitz wurde hier exzellent eingefangen und mildert das Dramatische ein wenig ab.

Natürlich durchschaut der Zuschauer die Mechanismen, die aus heutiger Sicht kuriosen Gesellschaftsregeln, die sich die Menschen zur Zivilisierung zurechtgezimmert haben. Die Figuren werden (gewaltsam) in die Schranken der Standesordnung gepresst. Die Kamera baut passend dazu kleine visuelle Rahmen um die Figuren. So eingesperrt in ein Repertoire aus Verhaltensparadigmen und sprachlichen Zwängen wirken die Menschen wie die Karikaturen ihrer selbst. Und doch ist dieses Verbiegen uns weniger fremd als uns lieb sein mag – sind wir doch auch in vielen Situationen mehr oder weniger dringend zu konventionellen Handlungen verdammt.

Austen und Lee, a match made in heaven!

Wie schon schmachtend vorausgeschickt: Dieser heitere, sinnliche, tiefsinnige Film ist mir der allerliebste auf der Welt. Und das hat mich am Anfang selbst überrascht, war ich doch weder Liebhaberin von Kostümfilmen noch besonders offen für triefende Liebesgeschichten. Natürlich merkte ich schnell, dass der Film so viel mehr ist. Sense and Sensibility besitzt das unwiderstehliche magische Dreieck: Actors – Austen – Ang.

Zum einen sind da die großartigen Schauspieler: Seit damals verehre ich die charmante Kate Winslet, Alan Rickman und Hugh Grant haben für immer einen Platz in meiner Best-of-Liste, aber vor allem bin ich bis heute verliebt in die betörende Emma Thompson, die ich eigentlich immerzu in den Arm nehmen will. Zum anderen ist da die literarische Vorlage: die gestochen scharfe und ironische Austensche Milieustudie (ein Hauch feministischer Rebellion, und das zu dieser Zeit!). Ich bin jetzt begeisterte Austen-Leserin. Und last but not least ist da natürlich die Handschrift von Mister Lee, der diese Geschichte so sensibel und doch ironisch inszeniert, dass man als Zuschauer immer wieder tief ergriffen wird, dramatisch mitgeht und doch im nächsten Moment wieder aus respektvoller Distanz heraus über die Figuren schmunzelt.

Sense and Sensibility wurde weltweit geschätzt, erhielt 1996 den Goldenen Bären in Berlin, zwei Golden Globes, drei BAFTA Awards und einen Oscar (für Thompsons Drehbuch, sie ist damit bis heute die einzige Person, die einen Oscar in zwei verschiedenen Kategorien gewann: fürs Schreiben und fürs Schauspielen, 1993 für „Howards End“).

Übrigens ist Sense and Sensibility ausdrücklich kein Frauenfilm. Meine Bemühungen, männliche Filmliebhaber für dieses Drama zu begeistern, fruchteten: Die Männer in meiner Welt finden ihn toll, trotz Kostümen. Also keine Scheu!

Sinn und Sinnlichkeit (Sense and Sensibility)
UK 1995, 180 Min., Regie: Ang Lee

Es geht am 20. Oktober 2013 weiter mit Ang Lees Film „Taking Woodstock“.


Dr. Isabell Wohlfarth, geb. Goessele, arbeitet als Journalistin in Köln. Ihre Doktorarbeit wurde unter dem Titel “Das Kino des Ang Lee: Im Atem des verborgenen Drachen” veröffentlicht. Der Podcast wurde gesprochen von Susanne Hagen.
Hier alle Beiträge der Reihe „Mr. Lee And Me“.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY NC ND 4.0.
Quelle: Dr. Isabell Wohlfahrt, geb. Goessele
Das Foto im Banner stammt von Rex Bennett und steht unter der CC-Lizenz BY SA 2.0


Das Kino des Ang LeeIsabell Gössele
Das Kino des Ang Lee
Im Atem des verborgenen Drachen

Wissenschaftliche Beiträge
aus dem Tectum Verlag
Medienwissenschaften, Band 5
349 Seiten, Paperback, 2009
ISBN 978-3-8288-2046-3