Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

„dass seit dem letzten Sommer keine Zeit verstrichen sei …“

Prof. Pu empfiehlt: „Sophie fährt in die Berge“ von Rainer Moritz

Nach Madame Cottard in Paris begleitet Rainer Moritz jetzt Sophie nach Südtirol. Ihr Mann hat sie nach achtzehn Jahren verlassen, ihr Sohn mailt ab und zu aus Amerika, der Chef macht ihr im Berliner Museum das Leben schwer, also flüchtet sie dort hin, wo sie schon einmal mit einer Freundin einen schönen Urlaub verbracht hat. Nach Zweikapellen, in ein Berghotel über dem Eisacktal.

Eine Unterkunft wie diese lebte von ihren Ritualen. Die Stammgäste – und Sophie war es beim ersten Mal so vorgekommen, als gebe es nur Stammgäste – legten Wert darauf, sich binnen weniger Stunden in die immergleichen Abläufe einzuklinken und das Gefühl zu bekommen, dass seit dem letzten Sommer keine Zeit verstrichen, niemand der Anwesenden älter geworden sei.

Sie will ihre Ruhe, auf der Wiese lesen, will wandern und gut essen, vier Mal am Tag, wenn ihr der Sinn danach steht. Mittags schon kühlen Weißwein trinken. Nicht unbedingt immer mit den anderen Gästen plaudern müssen, nur manchmal, mit der gescheiterten Liedermacherin in Beziehungskrise, dem Lehrer-Ehepaar, dem Haushaltswarenhändler und seiner Frau oder dem Privatgelehrten mit seinem wiederkehrendem Lieblingsforschungsthema. Von den Paaren als Alleinreisende immer ein wenig bedauert und umsorgt, ergibt sie sich dem erholsamen Rhythmus des Immergleichen, auf diesem leichten Zauberberg, zu Hause würde sie es spießig finden.

Doch ewig lockt – immer wieder schade, dass es kein männliches Pendant zu „Weib“ gibt – der Mann … Am Abend beobachtet sie den Hotelbesitzer im Streit mit einem interessanten Schwarzgelockten. Als sie in den nächsten Tagen eine Kapelle betritt, sitzt er auf einer der Bänke.

Wie in Zeitlupe wandte der Mann sich um und sah Sophie durchdringend, fast einschüchternd an. Suchen Sie Andacht?, flüsterte er. Dann setzen Sie sich zu mir. Sophie regte sich nicht. Sie erkannte ihn wieder, obwohl es heute kaum heller war als vorgestern, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, abends, im Streit mit dem jungen Gruber. Warum nicht?, antwortete sie.

Sie unterhalten sich und gehen auseinander. Nur die Vornamen haben sie ausgetauscht. Ihre nächste Begegnung ist so, wie man es sich überhaupt nicht wünscht. Sie steht nackt in einem Teich im Wald, als ausgerechnet Stefano des Weges kommt. Allein wie amüsant Moritz diese Szene beschreibt, ist das Lesen seines Romanes wert.

Stefano ist Journalist und der meistgehasste Mann in der Umgebung, er recherchiert die unrühmliche Vergangenheit der Südtiroler im Dritten Reich. Wühlt Dinge auf, über die die Einheimischen nicht reden wollen.
Sophie ist fasziniert von diesem Steppenwolf. Er zeigt ihr die Gegend, sie erzählen sich ihr Leben und verbringen die Nacht zusammen.

Einen Tag später, vier Tage bevor Sophie die Heimfahrt nach Berlin antrat, zurück in die Stadt, die ihr mittlerweile zusetzte, endete die wolkenlose Zeit mit Stefano.

Er muss zu einem Auftrag nach Triest. Sophie vertreibt sich die letzten Tage mit Nichtstun. Zuhause, es ist mittlerweile Silvester, erhält sie ein Päckchen:

„Der Berg ruft, noch immer. Proviant für die Besteigung anbei“. Darunter Styroporerbsen, die auf den Boden rieselten, eine Südtiroler Speckseite, zwei Paar Kaminwurzen, Schüttelbrot und ein Stück Bergkäse.

Kann ein Entscheidungsfindungsprozess durch ein Care-Paket beschleunigt werden? Vediamo …

Ich bewundere Moritz’ Fähigkeit, sich in Frauen hineinzudenken. Der Roman ist genau die richtige Lektüre für den Urlaub, ob in Südtirol, am Meer oder daheim. Ein paar Stunden Urlaub an sich, zwischen zwei Buchdeckeln, ganz egal, wo.

Rainer Moritz
Sophie fährt in die Berge
Piper € 18,99
978-3-492-05426-3