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Podcast 2: Spartanische Schlachtplatte

Gerade gesehen: Thomas über „300“

Das Action- und Effekte-Kino hat ja viele Freunde. Da zähle ich mich auch selbst gern dazu. Aber immer noch gilt, was Tricktechnik-Guru Stan Winston gesagt haben soll: „Für einen guten Film braucht man 1. eine gute Story, 2. eine gute Story und 3. eine gute Story“. Der tapfere Leonidas und seine kühnen Spartiaten in ihrem Kampf gegen die persische Übermacht, nur durch Verrat zu besiegen: Na, wenn das keine gute Geschichte ist. Und dann stammt die Vorlage auch noch vom Tarantino der Comic-Künstler, von Frank Miller höchstpersönlich. Da gab es dann auch Vorschusslorbeeren bis zum Abwinken. Aber zurecht?

Erste Erkenntnis: Was im Comic perfekt funktioniert, muss auf der Kinoleinwand noch lange nicht gelingen. Millers Comic tritt in Sachen Gewalt und Pathos voll aufs Gas – die ganze Zeit. Sowohl bei den ästhetisch beeindruckenden Bildern als auch beim Text, der eine simple Geschichte ganz aufs Wesentliche konzentriert. Was im Comic mitreisst, wirkt im Film allerdings unfreiwillig komisch. Leonidas schreit statt zu reden und manch kurze Textzeile im Comic wirkt auf der Leinwand durch das inflationäre Brüllen eher pubertär.

Botschafter: Das ist Blasphemie! Das ist Wahnsinn!
Leonidas: Wahnsinn? DAS IST SPARTA!

Zweite Erkenntnis: Ein schöner Film muss kein guter Film sein. Optisch ist „300“ absolut fantastisch. Man möchte mindestens einmal pro Minute aufspringen und schreien: „Halt! Davon hätte ich gerne ein Poster!“ Licht, Farben, Perspektiven – durch slow motion verstärkt – kann man kaum beeindruckender einsetzen. Was aber auf der Strecke bleibt, sind die Charaktere. Ein Drehbuch im Holzschnitt-Modus lässt nur Platz für Klischees. Wo ich bei Kubricks „Spartacus“ noch Gänsehaut hatte und mit den Tränen kämpfte, hat sich bei „300“ emotional wenig bewegt. Nur große Bilder statt großer Gefühle.

Dritte Erkenntnis: Meine Bedenken, der Film könne als gewaltverherrlichende Wichsvorlage für Neonazis herhalten, haben sich zerstreut. Ohne echte Gefühle läuft Pathos immer ins Leere – eine subtile Verführung, die Welt so einfach und eindimensional zu sehen wie Leonidas und seine Spartiaten in „300“, findet nicht statt. Die beeindruckenden, gut eingeölten Muskelpakete werden Frauen und Homosexuellen mehr gefallen als den Leni-Riefenstahl-Verehrer.

Auch eine andere Geschichte wird nur angedeutet aber nicht überzeugend erzählt: Dass Leonidas tatsächlich eine frühe, demokratische Zivilisation und deren Freiheit und Zukunft verteidigt hat. Und dass unsere Welt heute vielleicht anders aussehen würde ohne die Soldaten aus Sparta. Aber diese Geschichte wird uns irgendwann einmal ein anderer Film erzählen. Ein Film, der mit weniger Ausrufezeichen und Großbuchstaben auskommen wird.

Leonidas: „Ein neues Zeitalter hat begonnen. Ein Zeitalter der Freiheit! Und alle werden erfahren, dass 300 Spartiaten ihren letzten Atemzug opferten, um es zu verteidigen!“
Spartiaten: „A-UUH! A-UHH!“

P.S. Wer mit so grobem Pinsel malt, muss auch damit rechnen persifliert zu werden: Hier im Schlafzimmer zum Beispiel oder noch besser: hier an Bord eines Flugzeugs. Und es gibt natürlich Lob und Kritik – hier beide vom SWR.
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