Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

„Machen’s die Staatsraketen fertig,
bittschön.“

Hendrik bestaunt Österreichs Beitrag zum Science Fiction-Film

Podcast 31
I. Manchmal schreibt das Leben ja selbst die besten Aprilscherze. Im Jahre 2000 ist Österreich bereits seit 55 Jahren unter der Kontrolle der alliierten Besatzungsmächte, und jetzt reicht es dem neuen Ministerpräsidenten: Im Rahmen seiner Amtsantrittsrede im Schloss Schönbrunn erklärt er kurzerhand Österreich wieder zur selbstständigen und mündigen Nation. Die hochkommissarischen Vertreter Russlands, Großbritanniens, Frankreichs und der U.S.A. sind entsetzt und klagen unverzüglich die unbotmäßige Nation vor dem Hohen Tribunal der Globalunion wegen Gefährdung des Weltfriedens an.

Was zunächst klingt wie die Halbschlafphantasie eines Wiener Geschichtsstudenten, der stark übernächtigt auf dem Heimweg von der SF-Convention im Zug vor sich hindämmert, ist in Wahrheit österreichische Filmgeschichte. Der 1952

„im Auftrag der Regierung der Republik Österreich“ und „mit großzügigster Unterstützung der staatlichen und kirchlichen Behörden sowie unter breitester Anteilnahme des Volkes von Österreich“ (Vorspann)

gedrehte Spielfilm 1. April 2000 legt genau diese Fiktion zugrunde. Und so sind bereits in den ersten Minuten die vermutlich einzigen futuristischen Fluggeräte zu sehen, die jemals in einem Filmhimmel über Wien geschwebt haben. Die diesen Schiffen wie bedrohliche kleine Brüder des Michelinmännchens entschwebenden Soldaten der Globalunion kollidieren auf das Schönste mit einer Akzentekulisse, die man ansonsten viel eher mit kutschfahrender Sissiromantik und beschaulichem Hans Moserschem Komödiantentum verbindet.

Das kleine gemütliche Österreich steht also plötzlich als Aggressor gegenüber den vier Großmächten vor Gericht, und diese Verhandlung findet im größten Gerichtssaal Wiens statt. Die Globalunion wird dabei durch eine gestrenge Weltpräsidentin vertreten, bei der es der charmante österreichische Ministerpräsident recht schwer hat, das drohende Schicksal vielleicht noch abzuwenden: Gesamtösterreich soll im Falle einer Verurteilung als Nation aufgelöst, seine Bewohner evakuiert und das komplette Land zum Museumspark erklärt werden:

„Wo käm’mir denn da hin, wenn plötzlich a jeder seine Freiheit verlangt?“

Während man auf der Anklägerseite versucht, durch Heraufbeschwörung der finstersten und unrühmlichsten Momente der österreichischen Geschichte ein martialisches und furchteinflößendes nationales Persönlichkeitsprofil zu erschaffen, setzen die Österreicher auf die geballte Kraft ihrer entwaffnenden weltprovinziellen Liebenswürdigkeit und umschmeicheln die ganz allmählich auftauenden Vertreter der Globalunion mit Heurigenliedern, Weinseligkeit, Wiener Lebensart und Operettenklängen, bis zum Schluß alle sich in die Arme fallen und in Hans Mosers Gesang einstimmen, der uns jaddelnd versichert:

„Österreich ist ein Teil vom Herz der Welt“.

II. Die politische Botschaft dieses unter offensichtlich begeisterter Mitwirkung praktisch aller namhaften österreichischen Filmschaffenden der Zeit entstandenen Streifens ist überdeutlich, wobei ebenso deutlich bei der gesamten Verhandlung gegen das aufmüpfige kleine Land der 2. Weltkrieg, das Dritte Reich und die Nationalsozialisten mit keinem Wörtchen erwähnt werden – Überlaßt uns jetzt bittschön wieder uns selbst, mir woarn’s doch gar nit.

Das könnte fast ein Versuch gewesen sein, aus dem Peter Sellers-Klassiker Die Maus, die brüllte einen politischen Appell zu machen, wenn jener Film nicht fast ein ganzes Jahrzehnt später gedreht worden wäre. Und letzten Endes haben diese beiden Filme auch nur gemeinsam, dass die unpersönliche Anonymität des Hin und Hers von Großen Mächten heruntergebrochen wird auf die weit unterhaltendere Ebene behutsam portionierter und leichtverdaulicher Komödienkost: Schwamm drüber, laßt uns einander wieder gernhaben, ich geb‘ uns eine Runde Handelsabkommen aus.

Kampf der Welten oder Das Ding aus einer anderen Welt wirkt das erstmal lächerlich naiv, aber außerhalb Österreichs war man sich ja zugleich auch der offenkundigen Friedensbotschaft von Der Tag, an dem die Erde stillstand durchaus bewußt. Das Genre der Science Fiction war sowohl auf Papier als auch auf Zelluloid schon immer ein dankbarer Lebensraum für sehr aktuelle optionale Zeitkritik, und das hatten die Macher von „1. April 2000“ ganz offenbar verstanden.

Optional heißt hier: man überläßt es dem Betrachter, ob er das Ganze im Bereich der unterhaltenden Fiktion läßt, oder ob er so kommod ist, sich auf die Herstellung realitätsnäherer Bezüge einzulassen. „1. April 2000“ ist da einerseits ein schon halbwegs wagemutiger und direkter, andererseits auch sehr höflicher Film, der die Tragweite seines Anliegens betont vordergründig kaschiert, indem er aufdringlich-charmant mit der Geige in der Hand um die Zuschauersitze herumscharwenzelt.

III. Aus heutiger Sicht ist „1. April 2000“ zunächst eine wunderbare Kuriosität, die aus Sicht des SF-Filmfans in ihrer zweiten Hälfte allerdings enorm an Reiz verliert und dafür den Bereich des Horrorfilms streift (Höhepunkt: eine mehrminütige Aneinanderreihung von Operettengeträller der blümchenwerfend-koloratursopranigen Sorte – echter Hardcore!). Dennoch: als Science Fiction formuliertes Volksbegehren – wann gibt es sowas schon?

In zweiter Linie ist es sicherlich aufgrund seiner Entstehungsgeschichte ein charmantes Kleinod für Freunde der österreichischen Klischeementalität; und auch diese (Freunde) soll es ja (meist sonntagnachmittags bei Kaffee und Kuchen) durchaus geben. Wenn man das akademischer sehen möchte, kann man hier auch den Versuch erkennen, die seinerzeit stark angekratzte nationale Identität aufzupolieren oder sie, falls nötig, gleich ganz neu zu erfinden.

Und drittens ist „1. April 2000“ ein absoluter Klassiker des verschwiegenen kleinen Subgenres höflich-provinzieller Film-Science Fiction, in der die Raumschiffbesatzungen eben nicht dialektfrei und herkunftslos allesamt Bürger der Galaxis sind, sondern sich eine ganz altmodische geographische Verortung und Verwurzelung trauen. Während bei Star Trek zumindest sprachlich solche provinziellen Klischees von Anfang an wenigstens zur Charakterisierung von Figuren genutzt wurden (man denke an Scotts und Chekovs Originalakzente), ist zumindest im Deutschsprachigen spätestens seit Roland Emmerichs aus Budgetgründen noch schwäbelndem Frühwerk das Provinzielle in der SF nurmehr auf das Bullyparodistische reduziert („Spucki, magst an Prosecco?“). Und trotzdem erscheint es dank „1. April 2000“ einen Moment lang befremdlich reizvoll, sich einen Wiener als Synchronsprecher für den Captain der Enterprise vorzustellen – „Hofrat Maiwetter, Woarp Eins, wenn’s g’nehm ist.“ Da hätten sich selbst die Borg zweimal überlegt, ob sie das assimilieren wollen.