Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

Psychokrimi der feinsten Art

Prof. Pu empfiehlt: Schattenstill von Tana French

Tana Frenchs vierter Roman führt Detective Michael Kennedy nach Broken Harbour zurück, einen Ort, den er lieber aus seinem Gedächtnis gestrichen hätte. Vom Urlaubsziel seiner Kindheit ist zwar keine Spur mehr zu sehen, hat er sich doch in eine halbfertige trostlose Neubausiedlung verwandelt, der auch die Meeresnähe nichts Schönes mehr hinzufügen kann. Nie wäre er hierher zurückgekehrt, in diese graue Immobilien-Blasen-Ruine. Als es noch ein rostiges Mietwohnwagen-Urlaubsziel seiner Eltern war, ging hier seine Mutter am Ende vermeintlich schöner Ferien für immer ins Meer. Kennedy ahnt nicht, wie sehr dieser Fall in sein Privatleben hineinspielen wird, als er vom Chef den Auftrag erhält:

O’Kelly legte eine Handfläche schwer auf das Einsatzformular, als müsse er es festhalten. Er sagte: „Ehemann, Frau und zwei Kinder, zu Hause niedergestochen. Die Frau ist auf dem Weg ins Krankenhaus, ob sie durchkommt ist fraglich. Die anderen drei sind tot.“

Kennedy, zur Arroganz neigend, ist sehr von sich überzeugt:

Ich bin verflucht gut in meinem Job. Ich bin seit zehn Jahren beim Morddezernat, und seit sieben Jahren, nachdem ich gelernt hatte, wie der Hase läuft, hab ich die höchste Aufklärungsrate in dem Laden.

Er wählt den jungen Richard Curran, erst seit zwei Wochen dabei, zum Partner für diesen Fall.

Anfänger verbringen ihr erstes Jahr sozusagen auf Bewährung. Das ist keine offizielle Richtlinie, aber deshalb nicht weniger wahr. Falls Ritchie gleich am Start einen Fehler machte, mitten im grellen Licht der Medien, könnte er praktisch anfangen, seinen Schreibtisch zu räumen.

Lange Zeit macht Ritchie sich gut, ist begierig, von Kennedy zu lernen, sie verstehen sich, doch er wird Fehler machen, wie sein Vorgesetzter auch …

Gefunden wurden die Toten von Fiona, der Schwester der Frau, automatisch wird sie so zur ersten Verdächtigen. Doch dann finden die Fahnder merkwürdige Löcher in den Wänden des neuerbauten Hauses, Kameras und Video-Babyphone davor. Der Computer des toten Familienvaters ist stümperhaft gelöscht, die Festplatte kann wiederhergestellt werden. Er hat verzweifelt versucht, ein Tier zu fangen, das auf dem Dachboden hauste. Seine Internet-Posts dazu wurden mit der Zeit immer irrer. Zunächst glauben die Ermittler, dass es sich um eine Familientragödie handelt, in der der Vater durchgedreht ist. Dann finden sie im leerstehenden Haus gegenüber ein Nachtlager, einen Beobachtungsposten. War es doch eher ein Stalker? Verhaftet wird der ehemals gute Freund der Familie, Conor, der schnell alles zugibt. Curran, der Assistent, zweifelt sofort an dessen Geständnis. Kennedy jedoch ist überzeugt, dass er die Tat begangen hat.

Doch er ist nicht hundertprozentig bei der Sache, seine jüngere Schwester, deren bipolare Störung er vor allen zu verheimlichen weiss, ist wieder einmal durchgedreht, es zerreisst ihn fast zwischen Arbeitsauftrag und familiärer Verpflichtung. Mittlerweile ist die schwerverletzte Mutter aufgewacht, doch sie kann sich an nichts erinnern. Zwischen Kennedy und seinem Partner schleicht sich ein diffuses Unbehagen und Misstrauen ein, je tiefer sie Einblick gewinnen in die Verbindungen und das Leben der beiden Schwestern Fiona und Jenny, ihrem Ehemann Pat und seinem Freund Conor …

Höchst beeindruckend, wie Tana French die Spannung über 729 Seiten aufrechterhält, endlich wieder einmal ein Krimi zum tagelangen Abtauchen, beste Urlaubslektüre, die einen vollkommen absorbiert. Sie beherrscht das präzise Ausarbeiten ihrer Charaktere perfekt, sie dreht Schleife um Schleife, führt in die Irre und doch alle Fäden am Ende zusammen. Außergewöhnlich auch ihre Dialog-Kunst. Ein Psycho-Krimi der feinsten Art. Ich hoffe sehr, sie sitzt in Dublin schon am nächsten Roman.

Text und Podcast stehen unter einer Creative Commons-Lizenz. Quelle: Petra Unger/SchönerDenken

Tana French
Schattenstill
Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Scherz-Verlag € 16,99
978-3-502-10223-6