Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

„Überlegen hilft mir beim Denken“:
Der brachliegende Kopf des Germain Chazes

Prof. Pu empfiehlt: „Das Labyrinth der Wörter“ von Marie-Sabine Roger

BildGermain sitzt gerne auf dem Platz und zählt die Tauben. Dabei lernt er Margueritte kennen. Er ist ein ungehobelter Klotz, mangels Schulbildung nur Hilfsarbeiter, und wohnt auf dem Grundstück seiner zänkischen Mutter in einem Wohnwagen. Sie, zart und klein, war Biologin, forschte über Traubenkerne und lebt im Altersheim. Sie kommen ins Gespräch und gestehen sich gegenseitig, Tauben zu mögen und ihnen insgeheim Namen gegeben zu haben.

Ob Sie es glauben oder nicht, in dem Moment habe ich entdeckt, was es für ein Gefühl ist, wenn sich jemand für einen interessiert. Falls Sie es nicht wissen, kann ich Ihnen sagen: Es ist ganz schön komisch.

Von nun an treffen sie sich regelmässig auf der Parkbank.

Es war seltsam, ich hatte das Gefühl, dass wir Freunde waren. Ich meine, nicht wirklich, aber so etwas in der Art.
Inzwischen hatte ich das Wort gefunden, das mir fehlte: Vertraute.

 

Germains Wortschatz ist nicht gerade riesig, auch flucht er gerne und darüber entspinnen sich lustige Dialoge zwischen den beiden. Einfühlsam beginnt Margueritte mit ihrer Erziehung des Herzens – sie liest ihm vor. Natürlich findet er das anfangs höchst befremdlich – warum sollte er etwas tun, wozu man nicht gezwungen wird, wie zum Beispiel zum Steuerzahlen – doch dann bemerkt Germain, was die vielen neuen Wörter und die Geschichten mit ihm anstellen.

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Klar machen sich seine Kumpels lustig über ihn, wenn er versucht, sein neuerworbenes Wissen an den Mann zu bringen.

„Du bist mir einer, Germain! Immer wieder für Überraschungen gut, weißt Du das? Neulich kommst du uns mit der Pest von Camus, heute zauberst Du uns die alten germanischen Völker aus dem Hut … Was kommt als Nächstes? Wirst du uns Maupassant zitieren?“
„Hör auf“, hat Julien gesagt, „Lass ihn doch in Ruhe.“ Aber Landremont lässt so schnell nicht locker. Wenn er erst mal einen Knochen erwischt hat, dann verbeißt er sich, unmöglich, ihn davon wegzukriegen. Mit einem herausfordernden Blick hat er mich gefragt: „Maupassant, das sagt dir doch bestimmt auch was, oder?“
„Na sicher, klar!“
„Ohne jeden Zweifel. Was hat der denn so geschrieben?“
„Fahr zur Hölle!“
„Ach komm, sag doch. Nur so!“
„Ist ja gut! Er hat einen Führer geschrieben. Du musst mich nicht als Trottel hinstellen.“
Julien hat in sein Glas gehustet. Landremont hat die Augenbrauen hochgezogen.
Ich habe mein Bier heruntergekippt. Dann bin ich aufgestanden und gegangen.
Genau in dem Moment, als ich durch die Tür ging, habe ich Landremont brüllen hören: „Der Maupassant-Führer! Mannomann! Habt Ihr das gehört? Der Maupassant-Führer!“
„Na und? Kenne ich nicht“, hat Marco geantwortet.
„Das ist so was wie der Michelin, oder?“ hat Francine gefragt.
Ich war schon zu weit weg, mehr habe ich nicht mehr gehört. Aber es war mir auch schnuppe, denn ich hatte Landremont ganz schön geplättet. Ausnahmsweise mal.

 

Margueritte schenkt Germain ein Wörterbuch.

Ach du Scheiße, habe ich gedacht, was soll ich denn damit?
Ich habe mich bei Margueritte bedankt. Aber ehrlich gesagt, fiel es mir ziemlich schwer.
Und sie, mit ihrem Gesicht, als hätte sie einen guten Aprilscherz gelandet: „Nun, ich stelle mit Erleichterung fest, dass Sie sich freuen! Ich hatte nämlich Angst, mich zu täuschen, indem ich es Ihnen schenkte.“
„Ähm … Eine Superidee! Ich brauchte sowieso gerade ein neues.“
„Ach ja? War ihres abgelaufen?“ Sie begann plötzlich zu lachen.

 

Dann erklärt sie ihm auf eine sehr poetische Weise, dass man mit Hilfe von Wörterbüchern reisen kann. Da Germain nicht sehr gut schreiben kann, folglich so schwierige Wörter wie „Labyrinth“ gar nicht erst findet, und deswegen schnell die Lust verliert, malt sie ihm Plakate mit dem Alphabet. Dann wagt er sich sogar in die Bibliothek und flucht über das,

Was die hinten auf die Romane schreiben, da fragt man sich, ob es wirklich dafür gedacht ist, dass man Lust aufs Lesen kriegt. Sicher ist jedenfalls, dass es nicht für Leute wie mich gemacht ist. Nichts als Wörter zum Davonlaufen – introspektiv, existentielle Suche, bewundernswerte Konzision, polyphoner Roman … – und kein einziges Buch, wo einfach stand: Das ist eine Geschichte, die von Abenteurern oder Liebe erzählt – oder von Indianern. Und Schluss.

Dies hier ist auf jeden Fall eine Geschichte, die auf zauberhafteste Weise erzählt, wie horizonterweiternd und unterhaltsam Lesen ist. Eine sehr poetische Liebeserklärung an das Buch. Verfilmt wurde der Roman mit Gérard Dépardieu, eine bessere Besetzung für Germain kann ich mir nicht vorstellen. „ La Tête en friche“ , wörtlich übersetzt: „Der brachliegende Kopf“, in der Regie von Jean Becker, kommt diesen Sommer in die französischen Kinos.

Marie-Sabine Roger
Das Labyrinth der Wörter
Hoffmann & Campe € 18.-
978-3-455-40254-4