Action on the road – Barus temporeicher Roadtrip „Wieder unterwegs“

SchönerDenken proudly presents: Ein Beitrag von Barbara Buchholz

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Edith und André sind in den frühen Siebzigern durch die Welt gebummelt, haben sich durchgeschnorrt und ihre Ideale gepflegt. Irgendwann ließen sie sich nieder. Aber nach 25 Jahren Ehe ist Edith plötzlich auf und davon, der Sehnsucht nach Freiheit hinterher. Da macht sich auch André wieder auf den Weg, um seine Frau zu suchen. Die beiden reisen kreuz und quer durch die französische Provinz mit ihren Kneipen, Bahnhofshotels und Autobahnraststätten. Der Road-Trip bringt André und Edith die ernüchternde Erkenntnis: Tristesse lauert überall.

(c) Reprodukt Comic Verlag 2013 / Baru
Abb. aus „Wieder unterwegs“, S. 23 / © Reprodukt/Baru

Der französische Zeichner und Autor Baru hat „Wieder unterwegs“ 1997 veröffentlicht. Jetzt wurde es auf Deutsch übersetzt. Baru erzählt die Geschichte kapitelweise aus Andrés und Ediths Sicht, am Ende laufen die Stränge zusammen. Bis die beiden Hauptfiguren selbst im Bild auftauchen, vergehen allerdings etliche Seiten. Wir lernen Edith erst im dritten Kapitel kennen, als sich gerade eine nervtötende Reisegefährtin an sie gehängt hat und ihr die Mitfahrgelegenheit versaut. Andrés Erlebnisse wiederum werden zunächst buchstäblich aus seiner Sicht geschildert. Als er schließlich ins Bild kommt, zeigt sich: Der in die Jahre gekommene Aussteiger sieht seinem Zeichner Baru ähnlich: Die Schläfen sind grau geworden, ein Bartschatten liegt auf dem leicht zerknitterten Gesicht, aber die schwarze Rocker-Lederjacke sitzt wie angegossen.

(c) Reprodukt Comic Verlag 2013 / Baru
Abb. aus „Wieder unterwegs“ S. 69 / © Reprodukt/Baru

Wer das Buch durchgeblättert hat, erkennt: Baru macht Comics wie Actionfilme. Er wechselt die Blickwinkel und Bildausschnitte in den Panels auf den Seiten so, dass sie ordentlich Tempo in die Erzählung bringen. Dazu kommt der expressive, karikaturenhafte Zeichenstil. Baru verformt die Körper und verzerrt die Gesichter, um Wut, Angst, Hysterie oder wilde Freude auszudrücken. Die Aquarell-Farben unterstreichen die Stimmungen: Blutrot dominiert das Partygewühl, fahles Beige die triste Autobahnraststätte, unheilvolles Schwefelgelb die Kneipe kurz vor einem Eklat.

(c) Reprodukt Comic Verlag 2013 / Baru
Abb. aus „Wieder unterwegs“, S. 14/15 / © Reprodukt/Baru

Durchbruch mit einem Manga aus Lothringen

Baru, 1947 als Hervé Barulea in Lothringen geboren, stammt aus einer italienischen Familie. Sein Vater arbeitete in einem Stahlwerk. Der Sohn wurde zunächst Sportlehrer, brachte sich das Zeichnen selbst bei und debütierte mit Mitte 30 in dem französischen Comic-Magazin „Pilote“. Kurz danach zeichnete ihn das renommierte Comic-Festival in Angoulême als besten Newcomer aus, 2010 erhielt er dort auch den Großen Preis.

Baru ist sozialkritisch, er thematisiert Außenseitertum, Armut oder Fremdenhass. Seine Geschichten drehen sich um die Leute aus der Arbeiterklasse in seiner Heimat: Mit „Elende Helden“ hat er einen düsteren Roman seines Freunden Pierre Pelot adaptiert. Die Anthologie „Schönes Neues Jahr“ versammelt drei Kurzgeschichten; eine davon schildert eine Zukunft, in der Extremisten die Macht übernommen haben und Jagd machen auf alle, die ihnen nicht passen. Mit der Serie „Die Sputnik-Jahre“ entführt Baru seine Leser hingegen in die Vergangenheit: eine Kindheit in den 50er Jahren in einem lothringischen Industriestädtchen – Bandenkriege, Fußballspiele und Träume von der Mondrakete inklusive. Brutal geht es in Barus neuestem Werk zu, das ebenfalls gerade auf Deutsch erschienen ist: „Bleierne Hitze“, die Adaption eines – ziemlich harten – Krimis von Jean Vautrin aus den Achtzigern (hier gibt es eine Leseprobe).

Der Durchbruch als Comicautor gelang Baru 1995 mit „Autoroute du Soleil“, einem gezeichneten Roadmovie um zwei lothringische Arbeitersöhne: Karim und Alexandre reißen vor einer rechten Schlägerbande aus. In einem geklauten Mercedes, mit der Eisenbahn und per Autostopp hangeln sie sich gen Süden und landen in Marseille. Baru zeichnete „Autoroute du Soleil“ ursprünglich für den japanischen Verlag Kodansha. Die an den Manga-Stil erinnernde filmische Erzählweise mit schnellen Schnitten und extremen Perspektiven ist zum Markenzeichen seiner Comics geworden. Das zeigt auch der Band „Wieder unterwegs“: Edith und André mögen in die Jahre gekommen sein – dem Tempo der Geschichte ist das nicht anzumerken.

Der Text steht unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 3.0.
Quelle: SchönerDenken/Barbara Buchholz
Das Copyright der Abbildungen  liegt bei Reprodukt/Baru.

Baru
„Wieder Unterwegs“
Reprodukt Verlag
104 S., 20 Euro
ISBN 978-3-943143-53-9

Auszug aus der Dokumentation „Génération Baru“ – schöne Mischung aus Comicbildern und Realfilm:

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