Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

„The Worst Heiratsantrag in the World“ und was 1913 sonst noch geschah

Prof. Pu empfiehlt: 1913 von Florian Illies

Mit freundl. Genehmigung des S. Fischer-VerlagsWelch’ illustre Gesellschaft sich in diesem Buch tummelt! Sehr virtuos hat Illies diese Biographie des Jahres 1913 gestaltet. Es firmiert als Sachbuch, liest sich aber federleicht und unterhaltsam wie ein Roman. Bestehend aus brilliant formulierten Anekdoten und Berichten ist ein Panorama entstanden, das große Leselust auslöst. Vor allem jedoch Bewunderung darüber, was Illies alles verarbeitet hat an Briefwechseln, Tagebüchern, Kunst- und Literaturgeschichten. Es ist auch ein gigantisches Name-Dropping, nur ein Name aus jedem Monat sei genannt:

Thomas Mann, Sigmund Freud, Virginia Woolf, Franz Kafka, Coco Chanel, D.H. Lawrence, Rainer Maria Rilke, Charlie Chaplin, August Macke, Marcel Proust, Karl Kraus

Und noch mindestens hundert andere Personen, die für uns in Kunst und Kultur heute noch von Bedeutung sind.

Auch gelingt es Illies mit einer besonderen Art von Humor und bisweilen auch gewissen Respektlosigkeit, dass man beim Lesen laut auflachen muss – was gibt es Schöneres?
Kleine Spitzen wie:

Apropos kränkelnd. Wo steckt eigentlich Rilke?

Rilke, mit seinen vielen Liebschaften, unausgelebt oder ausgelebt, begleitet man durch das ganze Buch. Man wartet regelrecht darauf, Neues von ihm zu erfahren. Mit wem ist er gerade wo, mit Lou Andreas-Salomé in Göttingen oder mit Helene von Nostitz in Heiligendamm?

Überhaupt, die Liebe – Else Lasker-Schüler leidet an Benn und lässt sich von Dr. Alfred Döblin Morphium spritzen, Kafka schickt an Felice Bauer, so Illies,

„The Worst Heiratsantrag in the World“

Stefan George verführt junge Männer, Kokoschka verzehrt sich nach Alma Mahler und malt sein Meisterwerk, „Die Windsbraut“.

Was sonst noch geschah:

In den ersten Monaten des Jahres 1913 also waren Stalin, Hitler und Tito, die zwei größten Tyrannen des 20. Jahrhunderts und einer der übelsten Diktatoren, für einen kurzen Moment gleichzeitig in Wien. Der eine studierte in einem Gästezimmer die Nationalitätenfrage, der zweite malte in einem Männerwohnheim Aquarelle, der dritte fuhr sinnlose Runden durch die Ringstraße, um das Kurvenverhalten von Automobilen zu testen.

Wir erfahren, dass unser Burn-Out damals Neurasthenie hieß und man davon durchaus arbeitsunfähig wurde, wie zum Beispiel Robert Musil, kaiserlich-königlicher Bibliothekar in Wien. Die Diagnose seines Arztes lautet:

„Er leidet an allgemeiner Neurasthenie schweren Grades unter Mitbeteiligung des Herzens (Herzneurose).“
Neurasthenie unter Mitbeteiligung des Herzens – schöner lässt sich das Leiden an der Moderne nicht zusammenfassen.

Selbst mein Lieblingszitat von Kafka zum Thema Kino stammt aus dem Jahr 1913:

„Im Kino gewesen. Geweint.“

Ach …

Die Lust, während der Lektüre „Steins Kulturfahrplan“ dazuzulegen, kommt nicht von ungefähr. Wir erfahren im Dezember-Kapitel:

Natürlich wird auch der Erfinder der synchronoptischen Geschichtsschreibung, Werner Stein, im Jahre 1913, und zwar am 14. Dezember, geboren. Sein Kulturfahrplan wird ab 1946 die ganze Menschheitsgeschichte durch Jahresquerschnitte zu gliedern versuchen.

Ich habe mich während des Lesens die ganze Zeit gefragt: Was bleibt vom Jahr 2013? Bis jetzt: Jakob Adjounis Tod, Papst Benedikts Rücktritt, Schavans Doktortitelverlust, #Aufschrei nach Brüderles Dirndl-Spruch, die Homo-Ehe in Frankreich? Findet man in jedem Jahr, mit dem entsprechenden Abstand, solche bedeutungsvollen Ereignisse? Anregende Überlegungen …

„1913“ ist endlich mal wieder ein Buch, das zu Recht, zu Recht, zu Recht auf Platz 1 der Sachbuch-Beststeller-Liste von Spiegel Online steht. Es amüsiert, erweitert den Horizont, unterhält auf hohem Niveau. Ein wunderbar-buntes Kultur-Kaleidoskop.

Ich wünsche mir eine ganze Jahrhundert-Chronik geschrieben von Illies, ich würde alle Bände lesen, so, wie ich als Kind mein erstes Lexikon gelesen habe, mit großer Lust und Freude. Da kann man sich nur Ferdinand von Schirach anschließen, dessen Aussage auf dem Buch klebt:

Ich konnte nicht mehr aufhören zu lesen.

Ich auch nicht. Ich konnte nicht mal aufhören, hier ein Zitat nach dem anderen anzubringen. Deswegen mal wieder: Prädikat unbedingt lesenswert!

Text und Podcast stehen unter einer Creative Commons-Lizenz.
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken

Florian Illies
1913
Der Sommer des Jahrhunderts

S. Fischer € 19,99
978-3-10-036801-0