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Versteigerung einer Liebe

Prof. Pu empfiehlt: Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Lenore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck. Von Leanne Shapton

Wer kennt das nicht, die bisweilen kitschigen und für andere völlig wertlosen Beweisstücke einer Liebe? Eine auf dem Rummel geschossene Plastikrose (nie würde man sich sonst Kunstblumen in die Wohnung stellen!), ein kleines Plüschtier (aus dem Alter sind wir doch jetzt wirklich raus!), der Korken der ersten gemeinsam getrunkenen Champagnerflasche (wollte ich nicht aufhören, alles aufzuheben?)

Leanne Shapton hat aus den Devotionalien einer Liebesgeschichte ein literarisches Kunstobjekt gemacht: Sie erzählt den Lauf einer Liebe anhand eines fiktiven Auktionskatalogs mit den Besitztümern eines erfundenen Paares. Die Idee dazu kam ihr bei der Versteigerung von Truman Capotes Nachlass.

Als ich von ihrem Buch hörte, dachte ich nur, wie soll das gehen – doch schon nach der ersten Seite war ich gefesselt und musste es unbedingt in einem Zug bis zum Ende durchlesen. Der Katalog ruft eine Mischung aus Lese-Neugier (wie geht es weiter, schaffen sie es, bleiben sie zusammen?), Wiedererkennen von Vertrautem (ach, nicht nur ich hebe simple Zettelchen auf … oh, diese Katzenzungen-Schachtel vom Café Demel in Wien steht auch in meinem Bücherregal!), und Bewunderung hervor, für die schöne Idee, eine Liebesgeschichte auf diese ausgefallene Art zu erzählen.

Lenore schreibt eine kulinarische Kolumne für die New York Times, Harold ist freier Fotograf. Kennengelernt haben sie sich auf einer Halloween-Party von gemeinsamen Freunden. Wie rührend ist Objekt Nr. 1006, die zerknitterte Serviette, auf die Lenore für Harold ihre Mailadresse geschrieben hat. Es gibt romantische Widmungen in Büchern, die sie sich gegenseitig zum Geschenk machten:

>>Verliehen an Lenore am Vorabend meiner Abreise nach London am 11. Dez. 2002. Wird nach meiner Rückkehr zurückgefordert. Vergib meinen Platz nicht. H.<<

Oder die unvergesslichen Mix-CDs als Liebesgaben. Kitschige Geschenke, deren Sinn sich nur aus der Intimität zweier Liebenden ergibt (und die einem später schon mal ein kleines bisschen peinlich sein können). Sehr hübsch auch die zehn Postkarten, geschrieben zwei Monate nach ihrem Kennenlernen, von ihm an sie (wie sich doch Worte von Verliebten gleichen, wenn sie nicht beieinander sein können!):

<<War letzten Abend auf einer Vernissage in der Tate. Habe mich vom Wein-Gelage davongestohlen, um mir einen reizenden Balthus im dritten Stock anzusehen. Stellte mir vor, Du stündest neben mir und wir betrachteten ihn gemeinsam …<<

Der Reiz dieses Buches liegt in seinem absoluten und manchmal gnadenlosen Realismus. Wir begleiten sie auf ihrer ersten gemeinsamen Reise nach Venedig, sehen ihre Fotos und lesen ihre Postkarten. Man erfährt alles über das Paar, als ob man mit ihnen befreundet wäre, bei ihnen ein und aus ginge, als ob sie einem ihr Herz ausgeschüttet hätten. Wartet gespannt, ob sie denn nun zusammenziehen. Völlig involviert habe ich dementsprechend empfindlich auf Lenores handschriftliche Notiz reagiert, nachdem sie zu Harold gezogen ist:

<<Ich kann es nicht fassen, dass Du angeblich keinen Kuchen mehr sehen kannst. Damit verdiene ich meinen Lebensunterhalt, und Deine Worte haben mich tief verletzt. (…) Mein Job ist genauso hart wie Deiner. <<

Noch mehr zog sich mein Herz bei Objekt Nr. 1248, „Eine handschriftliche Notiz“ 18×15 cm / $10-20“ zusammen:

<<BITTE / Beantworte meine E-Mails / Ruf an, wenn Du später kommst / Interessiere Dich für das Thema Essen / Interessiere Dich für meine Freunde / Nimm zur Kenntnis, dass ich versuche, Dich glücklich zu machen / Hör auf, Dich über meine Sachen in Deiner Wohnung lustig zu machen / Hör auf, so herrisch zu sein / Lass Deine Genervtheit nicht mehr an mir aus / VERDAMMT noch mal!<<

Wer hat solche Listen noch nicht erstellt, zumindest in Gedanken? Und dann taucht unter Objekt Nr. 1255 die Nummer eines Paartherapeuten auf, oh oh … Wie es endet? Sie wollen versuchen, Freunde zu sein …  Na, schon mal gehört, schon mal gesagt?

Ich hatte einen sehr kurzweiligen Sonntag mit dieser fein ziselierten Liebesgeschichte in ihrer ausgefallenen Erscheinungsform. Und einige Déja-Vu-Effekte …

Leanne Shapton
Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Lenore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck.
Berlin-Verlag € 19,90
978-3-8270-0901-2

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Creative backstory: Leanne Shapton
Videorezension in 140 Sekunden