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„Bloodlands“: An den Wassern zu Babel …

Christopher Henkel über Timothy Snyders „Bloodlands“

Kann man das Gebiet zwischen Oder und Wolga als den Hauptfriedhof des modernen Abendlandes bezeichnen? Man kann, glaubt man dem amerikanischen Historiker Timothy Snyder. „Bloodlands“, Snyders Umschreibung für Polen, die Ukraine und Weißrußland, beschreibt eine Opfergemeinschaft der besonderen Art.

Todeszone des Zweiten Weltkriegs

Binnen weniger Jahre vernichteten Hitler und Stalin die osteuropäische Staatenwelt und verwandelten die Region in die europäische Todeszone des 20. Jahrhunderts. Stalins „Säuberungen“ bereiteten vor, was sich mit dem Vorrücken der Wehrmacht nach Osten fortsetzen sollte. Mord und Totschlag bestimmten den Alltag zunächst in der Ukraine und Weißrußland, dann bei den Nachbarn im Westen. Lange Zeit totgeschwiegen haben Perestroika und Holocaust-Forschung Licht ins Dunkel gebracht. Die Öffnung der Archive leuchtete nicht nur die Hinterzimmer der einst Mächtigen aus, sondern zeigte auch Ähnlichkeiten im totalitären Selbstverständnis.

„Bloodlands“ als hegemonialer Großraum

Gemeinsamkeiten von Hitler und Stalin zeigen sich insbesondere in der Einbeziehung Osteuropa in den eigenen Herrschaftsbereich. Snyder sucht diese Ähnlichkeit mit dem geographisch eher vagen Begriff „Bloodlands“ greifbar zu machen. Dabei entsteht beinahe zwangsläufig eine assoziative Nähe zu dem geschichts- und kulturfreien Großraumbegriff Carl Schmitts. Ohne auf dessen naheliegende Idee tatsächlich zu verweisen, schildert Snyder die menschenverachtenden Folgen eines solchen Gedankens.

Durch ihre Handlungen nicht durch ihr Denken unterschieden, beschreibt Snyder Deutschland und die Sowjetunion als konkurrierende Hegemonialmächte, die frei von moralischen Bedenken ihre Ziele verfolgen. Über all dem Grauen wird dabei eine Austauschbarkeit der Ideologien sichtbar, die zwischen Kooperation und Konfrontation glaubhaft nicht zu unterscheiden vermochte.

Kein neuer Historikerstreit

Die Verwandlung Osteuropas von einer multiethnischen Zone zu einem neuzeitlichen Golgatha scheint rückblickend betrachtet im Jahrhundert der Ideologien vorgezeichnet. Stellt sich am Ende die Frage nach der ideologischen Trennschärfe. Vermengen sich in Snyders „Bloodlands“, die Shoa und der Gulag? Steht gar ein neuer „Historikerstreit“ ins Haus? Es ist vor allem die nüchtern beschreibende, streng auf Unterscheidung wertlegende Art Snyders, die solche Befürchtungen unbegründet erscheinen lassen.

Ein neues „mare nostrum“

Hitler bleibt Hitler und auch Stalin braucht keine Konkurrenz zu fürchten. Statt der Neuinszenierung von Noltes Historikerstreit wirft „Bloodlands“ beim Leser vielmehr die Frage nach dem „später“ auf. Unklar bleibt in Snyders Buch inwieweit der „Kalte Krieg“ als Fortschreibung des Großraum-Denkens mit sowjetischen Mitteln verstanden werden kann.

Kontinuität der Gewalt

Anders als Hannah Arendt, die große Totalitarismusforscherin, bleibt Snyder hier schweigsam, obwohl ein Ausblick sich anbieten würde. Schließlich folgte der „Befreiung vom Faschismus“ der von den Sowjets als sowjetisches Glacis betrachtete Ostblock. Snyder zieht nicht nur räumliche, sondern auch zeitlich enge, vielleicht zu enge Grenzen. Das ist schade und wirkt dann doch insgesamt zu kurz gegriffen. Gewalt, Unterdrückung und Vormachtstreben überlebten Hitler. Die Infrastruktur des Terrors, die Konzentrationslager, die Folterkeller hatten auch nach 1945 ihren Platz in den „Bloodlands“.

Timothy Snyder
„Bloodlands“ Osteuropa zwischen Hitler und Stalin
C. H. Beck Verlag, München 2011
ISBN-10 3406621848
ISBN-13 9783406621840
Gebunden, 523 Seiten, 29,95 EUR