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Interview: Der Kurator Alexander Braun über den Wilden Westen im Comic (Teil 2)

Die Ausstellung „Going West“ ist bist zum 26. April im Bilderbuchmuseum in Troisdorf zu sehen.

Kurator Alexander Braun ist Künstler, Kunsthistoriker und Sammler. Barbara Buchholz sprach mit ihm über Klischees von Cowboys und Indianern, Westernfilme und den Stellenwert von Comics in der Kunstgeschichte. Lesen Sie hier den zweiten Teil des Interviews:


Barbara Buchholz: Können Sie sich noch an Ihren ersten Kauf erinnern?

Alexander Braun: Das war entweder eine Seite von Winsor McCay, die mich Anfang der Neunziger während des Studiums mein gesamtes Erspartes gekostet hat. Oder es war ein Tagesstreifen von Milton Caniffs Serie „Terry and the Pirates“.

Winsor McCay (1869–1934): Little Nemo in Slumberland (1905–1927). Sonntagsseite des New York Herald vom 7. Januar 1906, Detail (Sammlung Alexander Braun)

Winsor McCay (1869–1934): Little Nemo in Slumberland (1905–1927). Sonntagsseite des New York Herald vom 7. Januar 1906, Detail (Sammlung Alexander Braun)

Barbara Buchholz: Wie lief so ein Comic-Kauf damals eigentlich ab?

AB: Auf Auktionen konnte man Comics eigentlich nur in Amerika kaufen. Und weil es ja damals noch kein Internet gab, war das entsprechend aufregend. Wenn einen der Auktionskatalog rechtzeitig erreichte, konnte man entweder ein schriftliches Gebot faxen oder an der Aktion telefonisch teilnehmen. Diese Winsor McCay-Seite habe ich zum Beispiel telefonisch erworben, ohne groß mit dem Auktionsgeschäft vertraut gewesen zu sein. Wegen der Zeitverschiebung riefen die nachts um drei oder vier an. Ich kam aus dem Tiefschlaf und dann sagte eine Englisch sprechende Lady, die man kaum verstehen konnte, weil sie so schnell sprach, dass gleich meine Nummer dran sei. Dann ging alles ganz schnell, ich war schweißgebadet und fand danach nicht mehr in den Schlaf. Und dann musste ich ja noch wochenlang warten, bis die Seite mit dem Schiff oder mit dem Flugzeug ankam, während schon alles Geld überwiesen war. Nervenaufreibend.

Barbara Buchholz: Sind Comics für Sie als Künstler und Kunsthistoriker eher Literatur oder eher Kunst? Anders gefragt: Was ist wichtiger, die Geschichte oder das Artwork?

AB: Das kann man so nicht sagen, weil es ja eine Hybridform ist. Sie lebt von literarischen und von kunsthistorischen Aspekten, weil Geschichten erzählt und Bilder oder Bildkompositionen entworfen werden. Es gibt mehr gute Zeichner als gute Texter. Die herausragenden Beispiele des Mediums glänzen fast immer aufgrund des Textes. Nehmen Sie René Goscinny. „Asterix“ und „Lucky Luke“ hatten ihre Hochzeit, als er die Skripts schrieb. Es ist wunderbar, wenn solche Leute kongeniale Zeichner finden. Umgekehrt kommt es häufiger vor, dass Leute unglaublich toll zeichnen können, aber nur mittelmäßige Erzähler sind. Das Sammel- und Ausstellungsgeschäft mit Comic-Exponaten läuft allerdings viel stärker über die Optik als über den Inhalt. Man sieht die Arbeit des Zeichners eben besser als die des Texters. Das ist ja auch ein bisschen die Crux bei der Forschung. Der Comic ist mittlerweile an den Universitäten angekommen, aber es ist nicht geklärt, wer zuständig ist: die Germanisten oder Anglisten oder die Kunsthistoriker, also die Text- oder die Bildanalytiker?

Harold „Hal“ Foster (1892–1982): Prince Valiant (seit 1937). Sonntagsseite vom 15. Juni 1947, Detail (Privatsammlung, © King Features Syndicate)

Harold „Hal“ Foster (1892–1982): Prince Valiant (seit 1937). Sonntagsseite vom 15. Juni 1947, Detail (Privatsammlung, © King Features Syndicate)

Barbara Buchholz: Dies ist die dritte Ausstellung, die Sie nach „Das Jahrhundert der Comics – Die Zeitungsstrip-Jahre“ und „Winsor McCay – Comics, Filme, Träume“ kuratieren …

AB: Es ist die dritte große Ausstellung, die ich kuratiert und zu großen Teilen mit Leihgaben aus meiner eigenen Sammlung bestückt habe. Mittlerweile werde ich aber auch für viele Ausstellungen angefragt, zu denen ich nur einen Text zum Katalog oder Leihgaben beisteuere. Das jüdische Museum in Berlin zum Beispiel hatte vor einigen Jahren eine große Ausstellung mit dem Fokus auf jüdischen Zeichnern, bei der ein Drittel der Exponate von mir stammte. Die größte Freude hat mir 2014 bereitet, als die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf eine Seite von Winsor McCay für eine große Malewitsch-Kandinsky-Mondrian-Ausstellung geliehen hat. Da vollenden sich dann unsere Bemühungen um den Comic, wenn die herausragenden Beispiele des Mediums auf Augenhöhe mit der sogennannten Hochkunst bestehen dürfen.

Barbara Buchholz: Haben Sie schon Ideen für weitere Ausstellungen?

AB: Ich mache diese Ausstellungen ja nicht als Hauptberuf. Da ist nicht viel Geld mit zu verdienen, man kann das nur aus Leidenschaft betreiben. Außerdem will ich meine eigene Karriere als Künstler nicht zu sehr schleifen lassen. Was ich damit sagen will: Es gehorcht einem gewissen Lustprinzip. Ich habe Themen im Hinterkopf, die mir Spaß machen würden. Das hängt dann aber auch immer von den Partnern ab, ob man Museen dafür begeistern kann. Was es am Ende wird, kann ich noch nicht sagen.

Barbara Buchholz: Vielen Dank.


Lesen Sie hier den ersten Teil des Interviews.


Weitere Termine der Ausstellung „Going West!“

  • Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund: 3. Mai bis 19. Juli 2015
  • Wilhelm-Busch-Museum Hannover: Oktober 2015 bis Februar 2016
  • Deutsches Zeitungsmuseum Wadgassen bei Saarbrücken: April bis Juni 2016