Zwischen Kirk und Kafka – FilmBlogPodcast seit 2006

„Er hat etwas Großes, Angstlähmendes zu verbergen …“

Es gibt ein Theaterstück von Peter Handke, „Die Stunde da wir nichts voneinander wußten“, dieser Titel fiel mir zu Beginn des neuen Romans von Véronique Olmi ein.

Das erste Mal. Natürlich muss man das erste Mal erzählen, selbst wenn man es nicht weiß. An jenem Tag wusste ich nicht, dass ich Serge begegnet war, dass sich etwas in Bewegung gesetzt hatte. Erst nachher versteht man, fragt man sich, ob der andere uns gesehen, ob er etwas gespürt hat, man weiß nicht, was, etwas anderes, wie wenn wir straucheln und den Boden aus einer anderen Perspektive sehen.

Mit freundl. Erlaubnis des Verlags Antje KunstmannSuzanne ist Klavierstimmerin, sie kommt ins Haus von Serge und Lucie, um das neue teure Klavier des Sohnes zu stimmen. An der Tür begegnet sie Serge, der sie nur eilig mustert und sicher sofort wieder vergißt, auf dem Weg in seine Agentur für Luxus-Immobilien, in seinem schönen teuren Auto, dem Ort, an dem er sich am besten fühlt. Denn Serge ist migränegeplagt, fühlt sich steif „wie ein altes, salzzerfressenes Tau“. Er überdeckt sein inneres Chaos mit einer viel jüngeren, sehr attraktiven Ehefrau, seinem schicken Pariser Haus am Montmartre, wohlgeratenen Kindern, seinem Wohlstand.

Suzanne lebt in „Routine als Zuflucht“ und ist mit Antoine verheiratet, der Fußball hasst, sich aber Spiele anschaut, damit er von seinen Werkstattkollegen nicht gehänselt wird. Sie fühlt sich wohl in  ihrem Leben, trotz zu kleiner Wohnung im weniger schicken Teil des Montmartre-Viertels.

Drei Wochen nach ihrer ersten flüchtigen Begegnung, die Serge und Suzanne einfach vergessen haben, treffen sie beim Winzerfest ihres Arrondissments aufeinander. Serge hat seine Frau widerwillig in ein Bistro geschleppt, Suzanne tanzt dort allein, er beobachtet sie:

… und er fragt sich, wie es die Frau auf der Tanzfläche macht, allein zu tanzen, diese nicht mehr junge und nicht sehr hübsche Frau, die sich bewegt, als wäre alles für sie bestimmt (…) als hätte sie keine Angst. Ja. Das ist es, was Serge packt und schockiert, als er Suzanne zum ersten Mal sieht: wie sehr sie lebt, ohne Angst zu haben. Ihre Hüften sind zu breit, denkt er. Und auch: Sie ist schön.

Als Suzanne gehen will, stellt Lucie sie ihrem Mann vor, voilà, die Klavierstimmerin … er schläft nicht in dieser Nacht. Er kann nicht aufhören, an sie zu denken, stiehlt ihre Adresse aus dem Notizbuch seiner Frau, lauert ihr zu Hause auf. Zunächst glauben sie beide, es bliebe bei diesem einen Mal. Sie beginnen eine amour fou, sie treffen sich mehrmals in der Woche in einer der leeren Wohnungen, die Serge verkauft.

Irgendwann, wie es so ist, kommt nach der körperlichen Nähe die Lust, mehr über den anderen zu erfahren. Suzanne erzählt freimütig, Serge erzählt Märchen, er lügt. Er hat etwas Großes, Angstlähmendes zu verbergen. Doch Suzanne will keine Zuflucht sein, sie will Wahrheit. Da sie die nicht bekommt, verläßt sie ihn.
Die Liebe seines Lebens weg, die Ehe auf der Kippe, ist Serge so sehr in seinen Grundfesten erschüttert, dass er Suzanne um ein letztes Treffen bittet, die nur kommen will, wenn er ihr endlich seine Geschichte erzählt.

Es wird nicht sehr menschlich. Was ich dir zu erzählen habe.

Er zeigt ihr sein Elternhaus, dann erzählt er zum ersten Mal in seinem Leben von der grausamen Schuld, die er glaubt, seit seiner Kindheit mit sich herumzutragen. Doch die Wahrheit ist eine andere.
Am Ende sind alle allein, doch jeder für sich hat seine Wahrheit gefunden, hat sich weiterentwickelt, befreit, vielleicht einen Lebenstraum erfüllt, sich arrangiert. Das Leben ist ein einziges Weitermachen.

Tut es weh zu verstehen, dass unser Leben nur von uns abhängt, dass wir nicht fallen werden, wenn wir die Hand des anderen loslassen, wie diese zu hohen Pflanzen, die ohne ihre Stütze abbrechen?

Der französische Originaltitel lautet „Nous étions faites pour être heureux“, auf Deutsch „Wir wären gemacht um glücklich zu sein“, doch Serge und Suzanne haben es gemeinsam nicht geschafft. Jeder ist allein, frei nach Hermann Hesse.

Véronique Olmi gelingen mit sezierendem Blick messerscharfe Beschreibungen von inneren Konflikten, durcheinandergeratenen Gefühlen, Scheitern und Aufstehen; ein jedes ihrer Bücher hat mir bisher ein Stück Lebenserfahrung beschert.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: Petra Unger/SchönerDenken (Direkter Download der Episode über rechte Maustaste) 

Véronique Olmi
Das Glück, wie es hätte sein können
Übers. von Claudia Steinitz
Kunstmann € 19,95
978-3-88897-927-9